MyMz
Anzeige

Gastronomie

Hunderte verabschieden den „Würstl-Toni“

Die Kunden verabreden sich für das „letzte Abendmahl“. Erika Schmidl versorgt sie – und hat sogar Kleidung für eine Nackte.
Von Micha Matthes, MZ

  • 18 Jahre führte Anton „Toni“ Erl den Kult-Imbiss. Anschließend übernahm seine Ex-Frau für 22 Jahre das Geschäft. Heute helfen sie zusammen.Fotos: mt
  • Der „Würstl-Toni“ schließt zum 1. Januar. Jahrzehntelang versorgte Erika Schmidl in der Wurstbraterei Handwerker, Touristen, Taxifahrer, Nachtschwärmer und allerlei „bunte Vögel“ mit Knackern und Currywürsten. Foto: mt
  • Der „Würstl-Toni“ schließt zum 1. Januar. Jahrzehntelang versorgte Erika Schmidl in der Wurstbraterei Handwerker, Touristen, Taxifahrer, Nachtschwärmer und allerlei „bunte Vögel“ mit Knackern und Currywürsten. Foto: mt
  • Der „Würstl-Toni“ schließt zum 1. Januar. Jahrzehntelang versorgte Erika Schmidl in der Wurstbraterei Handwerker, Touristen, Taxifahrer, Nachtschwärmer und allerlei „bunte Vögel“ mit Knackern und Currywürsten. Foto: mt
  • Der „Würstl-Toni“ schließt zum 1. Januar. Jahrzehntelang versorgte Erika Schmidl in der Wurstbraterei Handwerker, Touristen, Taxifahrer, Nachtschwärmer und allerlei „bunte Vögel“ mit Knackern und Currywürsten. Foto: mt

Regensburg.Splitternackt läuft sie frierend durch die Altstadt. Nach einem Streit hat sie ihr Freund einfach vor die Tür gesetzt – mitten in der Nacht, ohne Kleidung. Die 19-Jährige aus Burgweinting weiß nicht wohin. Da fällt ihr der Imbiss von Erika Schmidl ein. Dort wartet sie frierend im Windfang der Würstlbude. Als die Inhaberin um 5.30 Uhr aufsperren will, fällt ihr das Mädchen in die Arme. Schmidl gibt ihr eine Weste und Pantoffeln, dann ruft sie ein Taxiunternehmen an, erklärt das Problem und bittet um einen „braven Fahrer“. „Keine fünf Minuten später standen 20 Taxis hupend vor der Tür“, erzählt Schmidl. „Das Mädchen kam aber gut nach Hause.“ Die Mutter der 19-Jährigen revanchiert sich später mit einem Kuchen bei Schmidl.

Fangemeinde hat Großes vor

Die nackte 19-Jährige gehört sicher zu den verrücktesten Geschichten, doch Erika Schmidl hat schon viel erlebt. Seit 22 Jahren führt sie die Imbissbude, die allen Regensburgern eigentlich nur unter dem Namen „Würstl-Toni“ geläufig ist. Davor war ihr heutiger Ex-Mann Anton „Toni“ Erl 18 Jahre lang der Chef. Am 1. Januar ist damit nun Schluss: Die Kunden werden weniger, die Arbeit wird Schmidl zu viel. Sie will in Rente gehen. Die Nachricht von der Schließung verbreitete sich am Montag wie ein Lauffeuer und löste in den Sozialen Medien ein gewaltiges Echo aus.

Schmidl selbst plant keine Abschiedsfeier. Aber die Fangemeinde der Kult-Imbissbude hat Großes vor. Für die Veranstaltung „Das letzte Abendmahl beim Würstl-Toni“ am 31. Dezember haben sich auf Facebook bereits 300 Personen angemeldet – und weitere 950 Nutzer sind interessiert. Schmidl und Erl überrascht diese Nachricht: „Oh Gott, ich weiß nicht, ob wir dafür gewappnet sind“, sagt die Gastronomin. „Auf der anderen Seite sind wir schon einiges gewohnt und können dann auch schnell noch einmal Knacker nachorganisieren.“

Der Kult-Imbiss "Würstl-Toni" sperrt zu

Wie es mit dem Stand weitergeht, ist noch offen. Es gebe mehrere Interessenten, sagt Schmidl. Das Problem: Der Stand gehört zwar ihr, über den Platz entscheidet aber erst noch die Stadt. Die Ungewissheit, ob sie ihr „Lebenswerk“ eventuell abreißen muss, belastet die Inhaberin. Auf die Stadt lässt sie aber trotzdem nichts kommen. Über den Rechtsreferenten sagt Schmidl: „Wolfgang Schörnig ist ein Heiliger – er hat sich schon so oft für uns eingesetzt.“

Auf Nachfrage unserer Zeitung bei der Stadt schaltet sich sogar Oberbürgermeister Joachim Wolbergs ein. „Die Stadt prüft aktuell, ob und wie der Standort zukünftig genutzt werden soll“, sagt eine Sprecherin. Für Wolbergs sei der Würstl-Toni „eine echte Regensburger Institution“. Daher werde er sich persönlich in den Abwägungsprozess mit einbringen.

Wurstbraterei mit Geschichte

  • Mit dem „Würstl-Toni“

    sperrte ein kleines, aber fast jedem Regensburger bekanntes Traditions-Unternehmen zu.

  • Seit mehr als hundert

    Jahren war die Familie von Erika Schmidl in diesem Geschäft tätig. An der Wand der Imbissbude hing ein Bild, das den Kornmarkt mit der Wurstbraterei ihrer Großeltern im Jahr 1911 zeigte.

  • Erika Schmidl

    wurde im März 64 Jahre alt. Insgesamt stand sie 47 Jahre lang hinter dem Grill.

  • Schon als Kind

    half sie ihren Eltern im Geschäft. Tische abräumen, Semmeln schneiden: „Meine erste Wurstsemmel hab ich mit 12 Jahren verkauft. Da hatte ich noch so kleine Hände, dass sie mir zunächst erst einmal runtergefallen ist“, erzählte sie. Später übernahm dann ihr Mann Anton „Toni“ Erl für 18 Jahre das Geschäft. Schließlich war Schmidl selbst 22 Jahre lang Chefin.

Der Stand am Kornmarkt atmet Geschichte: Seit über hundert Jahren brät die Familie Schmidl dort Knacker und Fleischpflanzerl für Handwerker, Touristen, Taxifahrer und Nachtschwärmer. Tausende Regensburger haben dort schon gegessen. Fast ebensoviele Erinnerungen und Anekdoten gibt es zu dem Imbiss.

Der „Würstl-Toni“ schließt zum 1. Januar. Jahrzehntelang versorgte Erika Schmidl in der Wurstbraterei Handwerker, Touristen, Taxifahrer, Nachtschwärmer und allerlei „bunte Vögel“ mit Knackern und Currywürsten.
Der „Würstl-Toni“ schließt zum 1. Januar. Jahrzehntelang versorgte Erika Schmidl in der Wurstbraterei Handwerker, Touristen, Taxifahrer, Nachtschwärmer und allerlei „bunte Vögel“ mit Knackern und Currywürsten. Foto: mt

In den Internet-Kommentaren teilen die Nutzer eigene Geschichten, die sie mit dem Stand verbinden. Viele von ihnen suchen den Imbiss nach Jahren wieder auf und holen sich noch einmal eine Knacker-Semmel. „Wir freuen uns natürlich über jeden, der kommt“, sagt Schmidl. „Und es ist rührend, dass wir jetzt noch einmal so viel Lob bekommen. Aber es ändert nichts: Die Kundenzahl hat immer weiter abgenommen.“

Alle Imbissstuben in Regensburg finden Sie auf Mittelbayerische Maps:

248 Knacker brutzelten gleichzeitig

Der „Würstl-Toni“ schließt zum 1. Januar. Jahrzehntelang versorgte Erika Schmidl in der Wurstbraterei Handwerker, Touristen, Taxifahrer, Nachtschwärmer und allerlei „bunte Vögel“ mit Knackern und Currywürsten.
Der „Würstl-Toni“ schließt zum 1. Januar. Jahrzehntelang versorgte Erika Schmidl in der Wurstbraterei Handwerker, Touristen, Taxifahrer, Nachtschwärmer und allerlei „bunte Vögel“ mit Knackern und Currywürsten. Foto: mt

Zu Spitzenzeiten grillte Schmidl auf zwei Grills parallel bis zu 248 Knacker gleichzeitig. Heute bilden sich vor dem Imbiss nur noch am Wochenende in den frühen Morgenstunden lange Schlangen. Durchschnittlich gehen pro Tag noch etwa 100 Semmeln über die Theke. Das Geschäft sei in den vergangenen Jahren etwa um 60 Prozent eingebrochen, sagt Anton Erl, der seiner Ex-Frau heute noch im Imbiss aushilft. Viele Kunden wanderten in Einkaufszentren ab. „Die verkehrsberuhigte Zone am Kornmarkt hat sich in eine geschäftsberuhigte Zone verwandelt.“ Bis zum letzten Drücker habe sie noch gewartet, sagt Schmidl. „Jetzt geht es einfach nicht mehr.“

Vom Putzen bis zum Getränkeauffüllen: Alles werde sie vermissen, sagt Schmidl. „Das war mein zweites Leben“. Was sie am 1. Januar, dem ersten Tag ihrer Rente, vor hat? „Erst einmal richtig ausschlafen.“

Vor zwei Jahren machte eine andere Regensburger Institution zu: Unseren Text zur Arnulfsbäckerei lesen Sie hier.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht