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Recycling

Pfandring-Projekt: Jede Flasche zählt

Die ersten Halterungen sind montiert. Regensburg eifert damit anderen Städten nach – in denen das Konzept auch schon floppte.
Von Micha Matthes, MZ

  • Die ersten Pfandringe hängen an Regensburger Mülleimern am Brückenbasar in Stadtamhof und in der Obermünsterstraße. Fotos: mt
  • Die ersten Pfandringe hängen an Regensburger Mülleimern am Brückenbasar in Stadtamhof und in der Obermünsterstraße. Fotos: mt

Regensburg.Sie sind aus anthrazitfarbenem Stahl und bieten Platz für 15 Flaschen oder Dosen: Die ersten Pfandringe hängen an Regensburger Mülleimern am Brückenbasar in Stadtamhof und in der Obermünsterstraße. Kostenpunkt: 300 Euro pro Ring. Am Dienstag stellten Umweltbürgermeister Jürgen Huber, Annette Mücke, Leiterin des Amtes für Abfallentsorgung, Straßenreinigung und Fuhrpark und Stadträtin Tina Lorenz (Piraten) das Projekt vor. Die Ringe sollen zum Recyceln anregen und dadurch helfen, Müll zu vermeiden. Gleichzeitig soll dadurch Sammlern von Pfandflaschen das Wühlen im Müll erspart bleiben. Innerhalb einer Testphase von einem Jahr will die Stadt prüfen, wie gut die Ringe angenommen werden. Der Umweltbürgermeister selbst hält das Projekt für eine Modeerscheinung und glaubt, dass es nur bedingt Vorteile für die Sammler bringt. Die Sammler begrüßen jedoch die Ringe. Erfahrungen aus Osnabrück und Karlsruhe zeigen: Das Projekt funktioniert nicht in jeder Stadt.

Fokus liegt nicht auf Sozial-Aspekt

Die ersten Pfandringe hängen an Regensburger Mülleimern am Brückenbasar in Stadtamhof und in der Obermünsterstraße.
Die ersten Pfandringe hängen an Regensburger Mülleimern am Brückenbasar in Stadtamhof und in der Obermünsterstraße. Fotos: mt

Niemand sollte vom Pfandsammeln leben müssen, darüber waren sich die Regensburger Initiatoren bei der Präsentation einig. Als Sozialmaßnahme wollten sie das Projekt aber trotzdem nicht verstanden wissen, sondern vielmehr als Recyclingprojekt. „Wir können nicht alle 300 Müllbehälter in der Altstadt nach dem Ausleeren sortieren“, sagte Bürgermeister Huber. „Das bräuchte zu viel Manpower.“ Generell lasse sich die Mülltrennung im öffentlichen Raum nur schwer realisieren. „Deshalb ist es nicht in unserem Interesse, mehr Sammelbehälter aufzustellen. Unser Ansatz lautet: Möglichst keinen Müll produzieren.“ Das Pfand habe im Mülleimer nichts verloren. Stellt man Flaschen neben die Tonne, gingen sie oft kaputt. Daher sind für die Initiatoren die Ringe die perfekte Lösung. Die Idealvorstellung: Leute nehmen die Flaschen mit und führen sie dem Pfandkreislauf zu.

„Wir machen das, weil Tina Lorenz das so wollte. Ich bin eher der Auffassung gewesen, dass das jetzt ein bisschen eine Modeerscheinung ist“, sagte Huber bei der Präsentation. „Es wird in anderen Städten gemacht, da macht man es bei uns auch. Das ist in der Politik manchmal so – es ist halt momentan einfach ein Thema.“

Die ersten Pfandringe hängen an Regensburger Mülleimern am Brückenbasar in Stadtamhof und in der Obermünsterstraße.
Die ersten Pfandringe hängen an Regensburger Mülleimern am Brückenbasar in Stadtamhof und in der Obermünsterstraße. Fotos: mt

Wie die Müllabfuhr in Zukunft mit den Ringen umgehe, werde erst die Erfahrung zeigen, sagte Annette Mücke, Leiterin des Amts für Abfallentsorgung, Straßenreinigung und Fuhrpark. Erste Erfahrungen aus Stuttgart zeigen, dass die Pfandringe, die Arbeit der Abfallwirtschaftsbetriebe verzögern und beeinträchtigen können. „Wenn sich Flaschen auch neben den Eimern sammeln, können wir sie wohl erst einmal stehen lassen. Wenn sich abzeichnet, dass es keine Pfandflaschen sind, dann wird es wohl zum Müll gehören“, sagte Mücke. Scherben werde die Stadt auf jeden Fall entfernen, versicherte Huber. „Es gehört schließlich auch zu unserem Auftrag, für Sauberkeit und Sicherheit zu sorgen.“

Pfandringe in 20 Städten

  • Paul Ketz

    ist der Erfinder und Entwickler der Pfandringe. Zusammen mit Ulrike Kroppach arbeitet er daran, „die Ringe in die Welt zu bringen“.

  • „Die Nachfrage ist groß,

    sagt Kroppach. „An vielen Hotspots fehlen noch Pfandringe.“

  • Der Pfandwert

    sei mittlerweile eine eigene Währung. „Weil Flaschen nicht aus den Mülleimern herausgeholt werden konnten oder kaputtgegangen sind, wurden im vergangenen Jahr rund 150 Millionen Euro an Pfandwert verbrannt“, sagt Kroppach.

  • „Natürlich lösen die Ringe

    nicht das Armutsproblem“, sagt Kroppach. „Aber darum geht es auch nicht. Der Pfandring macht nur die Lebensrealität einfacher.“ Die Sammler selbst hätten damit wohl kein so großes Problem. „Aber wir finden es einfach entwürdigend, wenn Menschen im Müll wühlen müssen. Das wollen wir mit den Ringen verhindern.“

  • Hannover, Köln, Bochum,

    Bad Hersfeld: In rund 20 Städten gibt es bereits Pfandringe. Die Deutsche Bahn hat schon erste Modelle an Bahnsteigen installiert.

Rückmeldungen zu dem Projekt seien höchst willkommen, betonte Huber. Ein Gastronom lieferte daraufhin prompt ein erstes Feedback ab und äußerte seinen Unmut über den neuen Mülleimer – und den Pfandring. „Sobald man irgendwo einen gelben Sack hinlegt, liegen am nächsten Tag zehn weitere daneben“, sagte er. „Genauso wird es mit den Ringen laufen. Letztlich haben wir dann mehr Dreck, Gestank und Wespen.“

Von den Pfandsammlern gebe es ganz unterschiedliche Auskünfte, sagte Huber. „Die einen sagen, dass sie es überhaupt nicht wollen. Sie wähnen sich im Vorteil, wenn sie selbst mit ihrem Know-how die Flaschen da rausholen. Andere eben nicht.“

Andreas Heine sammelt Pfandflaschen bei der Conti-Arena, bei der Universität aber auch am Bismarckplatz. „Die Ringe sind eine gute Idee“, sagt er. „Sie machen das Sammeln sicherer und einfacher. Wenn man die Flaschen aus dem Eimer holt, schneidet man sich leicht.“ Angst davor, dass durch die Ringe weniger Flaschen für die Sammler bleiben, hat er nicht. „Es sind viele Sammler unterwegs und eigentlich ist es ganz einfach: Der erste nimmt’s.“

Andreas Will, Verkäufer und Sprecher des Donaustrudel, hält die Ringe ebenfalls für eine gute Idee. Immer mehr Menschen stecken in sozialer Not und suchen nach Möglichkeiten, sich etwas dazuzuverdienen“, sagt er. Gleichzeitig werde viel Leergut weggeschmissen. Auch Will musste schon einmal selbst als Obdachloser vom Flaschensammeln leben. „Wenn Menschen in Mülleimern wühlen müssen, ist das herabwürdigend“, sagt er. „Die Pfandringe geben dem Sammeln mehr Tribut. Sie zeigen: Es ist eine ehrliche Sache.“

Projekt scheiterte in Karlsruhe

Die ersten Pfandringe hängen an Regensburger Mülleimern am Brückenbasar in Stadtamhof und in der Obermünsterstraße.
Die ersten Pfandringe hängen an Regensburger Mülleimern am Brückenbasar in Stadtamhof und in der Obermünsterstraße. Fotos: mt

In Düsseldorf wurden im September 24 Pfandringe montiert. Ein Sprecher der Stadt spricht von einem positiven Start. Das Echo in den sozialen Medien sei groß gewesen – mit überwiegend positiven Kommentaren. Bamberg testete die Ringe als erste Stadt. „Soweit wir das verifizieren können, funktionieren die beiden Pfandringe gut“, sagt Ulrike Siebenhaar, Sprecherin der Stadt. Weitere Ringe werde die Stadt aber nicht installieren.

In Karlsruhe hingegen floppte das Projekt eindeutig. Zwei Ringe waren dort für ein Vierteljahr an einem sehr belebten Platz – dem Friedrichsplatz – angebracht. „Wir konnten nicht feststellen, dass diese Halter häufig bestückt wurden“, sagt eine Sprecherin der Stadt. „Die Ringe werden nicht abmontiert. Sie werden aber auch nicht genutzt. Es hat bei uns nicht funktioniert.“ Und die Neue Osnabrücker Zeitung berichtete am Dienstag, dass Leergutsammel-Konstruktionen an Mülleimern in der Innenstadt in Osnabrück abgebaut werden, weil sie „nicht bestimmungsgemäß genutzt“ wurden. Immer wieder hatten Passanten ihre Abfälle auf die Ringe gelegt, statt sie im Eimer zu entsorgen. Die Folge: Müllhaufen neben den Tonnen.

Auch in Schwandorf wird die Einführung von Pfandringen geprüft:

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