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Soziales

Regensburg droht Welle der Altersarmut

Die Armutsquote geht leicht zurück. Im Strohhalm spürt man davon wenig. Dort nimmt vor allem die ältere Kundschaft zu.
Von Micha Matthes, MZ

Eine Mahlzeit für einen Euro: Immer mehr Regensburger sind auf das Angebot des Strohhalms angewiesen.
Eine Mahlzeit für einen Euro: Immer mehr Regensburger sind auf das Angebot des Strohhalms angewiesen. Foto: mt

Regensburg.Brunhilde S. hat Angst. Sie spürt ein Stechen in der Brust, ihre Kehle fühlt sich zugeschnürt an. Dann nimmt sie all ihren Mut zusammen, öffnet die gestreifte Tür und betritt die Räume des Regensburger Strohhalms in der Keplerstraße. Zehn Jahre ist dieser Schritt nun her und seither geht es Brunhilde S. besser. „Ich muss immer sparsam sein. Aber wenn ich mir hier mein Mittagessen kaufe, dann habe ich zumindest die Chance, dass es am Ende des Monats gerade so reicht.“ Brunhilde ist 77 Jahre alt. Sie bekommt 850 Euro Rente. Nach der Definition des Paritätischen Wohlfahrtsverbands (DPWV) ist sie damit von Armut betroffen. Die sogenannte Armutsquote, eine Zahl des Statistischen Bundesamts, gibt an, wer in Haushalten mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens lebt. Bei Singles liegt diese Armutsschwelle etwa bei 917 Euro.

Strohhalm gibt mehr Essen aus

Nach den jüngsten Zahlen des DPWV sank der Anteil der Armen bundesweit um 0,1 Prozentpunkte auf 15,4 Prozent im Jahr 2014. „Eine Regionalisierung des Berichts ist nicht vorgesehen“, sagt Bezirksgeschäftsführerin Andrea Ziegler. Trotzdem lässt sich auf der Homepage des DPWV mittels Postleitzahl die Quote für Regensburg ermitteln. Danach ging die Armutsquote hier zwischen 2009 und 2014 von zwölf Prozent auf 11,5 Prozent zurück.

Die Zahl hat sich also in sechs Jahren um 0,5 Prozent gebessert – eine Nachricht über die sich Josef Troidl, Vorsitzender des Vereins Strohhalm, nur mäßig freuen kann. Kein Wunder: Bei 200 armen Personen, macht das gerade eine Person weniger aus, die von Armut betroffen ist. „Im Strohhalm merkt man jedenfalls überhaupt nichts von einem Rückgang“, sagt Troidl. Dort kostet eine Mahlzeit für Bedürftige einen Euro. „Wenn jemand kein Geld hat, bekommt er aber trotzdem auch etwas. Es muss niemand mit Hunger wieder gehen“, sagt Troidl.

Marianne Brehm kocht seit 15 Jahren im Strohhalm. „Wir geben nicht weniger Essen raus. Ganz im Gegenteil: Es werden immer mehr“, sagt sie. „Vor 15 Jahren haben wir mit zwölf Essen angefangen, heute haben wir im Durchschnitt 50 Essen pro Tag.“ Die Zahl sei nicht sprunghaft gestiegen, aber sie werde spürbar größer. „An manchen Tagen haben wir bis zu 90 Personen da“, sagt Brehm. Mit zwei Leuten Küchen-Personal sei das fast nicht mehr zu bewältigen.“

Seit sie regelmäßig im Strohhalm isst, geht es Brunhilde S. „so gut wie nie zuvor in ihrem Leben“. Zum Dank spült sie dort ehrenamtlich die Teller.
Seit sie regelmäßig im Strohhalm isst, geht es Brunhilde S. „so gut wie nie zuvor in ihrem Leben“. Zum Dank spült sie dort ehrenamtlich die Teller. Foto: mt

Das größte Armutsrisiko tragen nach dem Bericht des DPWV Arbeitslose, Alleinerziehende, Kinderreiche, Schlechtqualifizierte, Ausländer und Rentner. Bezirksgeschäftsführerin Andrea Ziegler sieht besonders die Situation von Alleinerziehenden kritisch. „Da gibt es ein erhöhtes Armutsrisiko. Das zeigt der Bericht und das trifft auch auf Regensburg zu“, sagt sie. Alarmiert zeigte sich Ulrich Schneider, Geschäftsführer des Verbands, bei der Vorstellung des Berichts auch von der Lage der Rentner. Bei ihnen sei die Armut seit 2005 etwa zehnmal so stark angewachsen wie beim Rest der Bevölkerung.

Diese Zunahme bemerkt auch Josef Troidl bei den Gästen des Strohhalms. „Gerade ältere Menschen können sich das Essen oft nicht mehr leisten und kommen daher zu uns“, sagt er. Troidl besorgt auch die zunehmende Einsamkeit der Menschen. „Viele arme Menschen haben überhaupt keine Bezugspersonen mehr. Die Einsamkeit bei älteren Menschen wird immer brutaler.“ Das Ende der Fahnenstange sieht er dabei nicht erreicht. „Auf uns rollt eine Welle der Altersarmut zu“, sagt Troidl.

So hilft die Stadt Obdachlosen

  • Das Amt für Soziales

    ist seit Mitte 2015 für das Obdachlosenwesen zuständig. Von August bis Dezember waren knapp 200 Vorsprachen aus dem betroffenen Personenkreis zu verzeichnen.

  • Die Stadt

    verfügt über drei Wohnblöcke mit 55 Notwohnungen in der Aussiger Straße. Davon sind derzeit 40 Wohnungen belegt, 16 Wohnungen sind verfügbar. Die Notwohnungen haben unterschiedliche Größen und Anzahl von Zimmern (1-Zimmer bis 6-Zimmer).

  • Die Nachfrage

    wachse in allen Bereichen. Sie werde vor dem Hintergrund der Flüchtlingsproblematik noch verstärkt, sagt die Sozialbürgermeisterin.

  • Eine Verdrängung

    aufgrund anerkannter Asylbewerber sei derzeit noch nicht feststellbar, sagt Gertrud Maltz-Schwarzfischer. Mit einer Verschärfung der Lage sei aber zu rechnen.

  • Seit Juni 2015

    werden die Aufgaben der Fachstelle zur Vermeidung von Obdachlosigkeit beim Amt für Soziales durch eine Verwaltungskraft wahrgenommen, verstärkt durch eine Sozialpädagogin.

  • Der Allgemeine Sozialdienst

    hat im Januar 2016 mit insgesamt drei Sozialpädagoginnen seine Arbeit aufgenommen. Dieser ist auch im Bereich des Obdachlosenwesens unterstützend tätig.

Wie viele Menschen in Regensburg armutsgefährdet sind, dazu gibt es keine exakten Zahlen. Die Stadt beruft sich auf den Bericht zur sozialen Lage aus dem Jahr 2011. Er soll 2017 fortgeschrieben werden und bezieht für die Bewertung Aspekte wie Wohnen, Bildung oder den Zugang zum Gesundheitssystem ein. Angeben kann Sozialbürgermeisterin Gertrud Malz-Schwarzfischer aber beispielsweise, dass die Zahl der Personen, die Grundsicherung empfangen, von 1884 im vergangenen Jahr auf derzeit 1922 Personen angestiegen ist. „Das Armutsrisiko dürfte auch in Regensburg für Arbeitslose, Alleinerziehende, Ausländer, schlecht Qualifizierte sowie kinderreiche Familien am größten sein.“

Mehr Sozialwohnungen benötigt

Aussagen zum Personenkreis der Obdachlosen in Regensburg seien nur schwer möglich, sagt Maltz-Schwarzfischer. Es gebe darüber keine Aufzeichnungen. Sie geht aber davon aus, dass hier bis zu 500 Personen vorübergehend oder dauerhaft obdachlos sind. Die Zahl blieb ihrer Einschätzung nach in den vergangenen Jahren konstant. Die Vorsprachen von Personen, denen Obdachlosigkeit droht, hätten beim Amt für Soziales dennoch zugenommen. „Das liegt an der sehr angespannten Lage auf unserem Wohnungsmarkt in Regensburg“, sagt Maltz-Schwarzfischer. „Den Druck auf dem Mietwohnungsmarkt spüren besonders die Leute, die auf dem Markt nicht die größten Chancen haben. Wir müssen daher dringend mehr Sozialwohnungen bauen.“

In unserer interaktiven Grafik finden Sie die Tafeln in der Region:

Im Grunde könne sie bestätigen, was im Bericht des DPWV steht: Bayern setze sich im Bundesvergleich positiv ab und auch in Regensburg gebe es in allen Bereichen stabile Zahlen. „Aber wir sind auch keine Insel der Glücksseeligen.“ Genau wie überall in Deutschland, steigt auch hier das Armutsrisiko.“ Und Maltz-Schwarzfischer rechnet auch mit einer deutlichen Zunahme der Altersarmut. Mit einer ganzen Palette unterschiedlicher Maßnahmen wie der Einführung des Stadtpasses oder der Einrichtung des Kompetenzzentrums „Älterwerden in Regensburg“ beim Seniorenamt will die Stadt dem entgegenwirken.

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