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Glaube

Renovierung deckt alte Sünden auf

Ein aufgehelltes Deckenfresko in St. Kassian wirft ein Schlaglicht auf die Geschichte der Judenverfolgung in Regensburg.
Von Helmut Wanner, MZ

Bischof Rudolf Voderholzer bei der Altarweihe in St. Kassian
Bischof Rudolf Voderholzer bei der Altarweihe in St. Kassian Foto: altrofoto.de

Regensburg.Es sind Festtage in St. Kassian. Das Nordportal ist geöffnet. Passanten in der Schwarze-Bären-Straße nützen die Einladung. Sie treten ein und sind erstaunt über die strahlende Raumschale dieses Rokoko-Juwels. Am Donnerstag um die Mittagsstunde schaute der Bischof incognito vorbei und nahm in andächtigen Minuten den Raumeindruck der Kirche auf. Den Volksaltar hatte er am Sonntag geweiht.

Nach acht Jahren der Renovierung „von Grund auf“ ist die Pfarrkirche der kleinsten Gemeinde der Diözese wieder begehbar. Für den Kunsthistoriker Dr. Eugen Trapp, der am Freitagabend um 19.30 Uhr in der Kirche über das Freskenprogramm sprechen wird, stellt St. Kassian „eine der gelungensten Renovierungen von Kirchenbauten in Regensburg“ dar.

„Die Fresken waren ja teilweise nur noch dunkle Flecken“, sagte er bei einer Begehung mit der MZ. Für die tonangebenden Herren aus dem Stiftskapitel Unserer lb. Frau zur Alten Kapelle dürfte die Renovierung eines Freskos im Südschiff der Basilika sogar zu gut gelungen sein. Am Deckenbild nahe der Empore sieht man jetzt jeden Pinselstrich vom Dokument des Judenpogroms 1519. Sogar noch der winzigste Jude, der mit Sack und Pack aus Regensburg über die Steinerne Brücke nach Stadtamhof flieht, ist mit bloßem Auge erkennbar. Laut „Wikipedia“ handelt es sich bei dem Fresko „um ein marianisch-judenfeindliches Kirchenkunstwerk ersten Ranges.“

Pogrom als Akt der Befreiung

„Durch drastische Details wird damit 1747 das große Pogrom von 1519 als Akt der Befreiung gefeiert“, stellt auch Dr. Trapp fest. Einem Juden entfällt das Messer, mit dem er gerade noch einige kleine Christenkinder getötet hat. Sie erbleichen zu seinen Füßen. Aus seinem Hosensack fallen pralle Geldsäcke. Auf einem steht die Zahl 1000. Ein weiterer Jude mit zum Himmel gestrecktem Spitzbart stirbt mit Blick auf das Bild der schönen Maria, die auf einer Säule thront. Darunter steht, als positiv handelnde Kraft, die als Frau personifizierte Ratisbona. Sie schafft mit dem Zeigefinger der erhobenen linken Hand die Juden aus.

Nun hat man das alles nicht übermalt, wie einige forderten, sondern wieder aufgefrischt. Und wie Dr. Eugen Trapp findet, mit Recht. Er sieht das Deckenfresko als „ein Denkmal im wahrsten Sinne des Wortes“. Es dokumentiere einen Teil der Geschichte der Stadt. Man müsse lernen, damit umzugehen. Nach dem Urteil des Kunsthistorikers bezeugt das Bild keinen kirchlichen Antisemitismus. „Es ist die Ratisbona, die hier handelt“, stellt Dr. Trapp klar. „Die Vertreibung kam auf einen Beschluss der Bürgerschaft der Stadt zustande.“

Das Stiftskapitel aber zieht es dennoch vor, den Mantel des Schweigens darüber zu breiten. Ein Foto des Deckenfreskos fehlt in der ansonsten reich bebilderten Festschrift zur Renovierung der Kassianskirche. Dekan Dr. Norbert Glatzel bringt bereits eine Bitte um ein Foto vom besagten Fresko am Telefon in Wallung. „Wir wollen feiern und nicht wieder diese Streiterei.“ Nicht wieder. Wie 2006, als dieses Deckenfresko wegen der darin dargestellten Ritualmordbeschuldigung „als unverkennbar judenfeindliche Hetze“ in die Kritik geraten war.

Der Ehrgeiz des Pfarrvikars

In seinem Vortrag wird Dr. Trapp am Freitagabend das besagte Deckenfresko in seinen historischen Zusammenhang stellen. Am 13. August 1747 feierte man in St. Kassian nicht nur das Namensfest des Kirchenpatrons, so führt er aus. Der neu eingesetzte Pfarrvikar nutzte damals den feierlichen Rahmen, um auf dem Hochaltar eine zuvor im Minoritenkloster aufbewahrte Figur der Gottesmutter aufzustellen. Bei dieser von Hans Leinberger geschaffenen Skulptur, die sich heute am rechten Seitenaltar befindet, handelt es sich um denselben ikonographischen Typus, der nach der Vertreibung der Juden 1519 zur „Schönen Maria von Regensburg“ geworden ist. Diese Neupfarrplatz-Wallfahrt in St. Kassian wieder zu beleben, war das ehrgeizige Ziel.

Die Kanoniker wollten 1747 mit einer repräsentativen Neugestaltung die Kassianskirche zu einem Magnet der Marienverehrer machen. Die Botschaft richtete sich sowohl an die evangelische Reichsstadt, denn für diese war das Ende der Wallfahrt zur schönen Maria gleichbedeutend mit der Überwindung des alten Glaubens. Man wollte sich aber auch gegenüber den politisch mächtigeren Stiften Regensburgs profilieren. Die Deckenfresken im südlichen Seitenschiff sollten die Übertragung des Gnadenbildes der Schönen Maria nach St. Kassian 228 Jahre nach dem Pogrom als Akt der göttlichen Vorsehung dokumentieren.

Für Dr. Eugen Trapp ist die Tatsache so sonnenklar wie die neu renovierten Fresken: „Ob es einem gefällt oder nicht: Die Geschichte der Marienwallfahrt beginnt mit der Vertreibung der Juden.“

Wallfahrt auf den Ruinen der Synagoge

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