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Einzelhandel

Stählerne Verkäufer kennen keine Pause

In einem Regensburger Altstadt-Geschäft wird das Tante-Emma-Laden-Prinzip neu gedacht. Ohne Ladenschluss und ohne Verkäufer.
Von Mathias Wagner und Philipp Seitz, MZ

  • Stählerne Verkäufer bieten alles, was Tante Emma auch verkauft. Foto: Lex
  • Denis Pintarelli in seinem Automaten-Shop in der Regensburger Altstadt. Foto: Wagner

Regensburg.Als Altstadtbewohner kennt man das vielleicht. Man kommt spätnachts nach Hause und spürt das Bedürfnis nach einem kleinen Mitternachtssnack. Auch die Katze, die gerade durch die Küchentüre huscht, signalisiert, dass ihr der Magen knurrt. Und wo man gerade dabei ist: Die Zahnpasta ist alle. Und dass keine Milch für den am nächsten Morgen dringend nötigen Kaffee im Kühlschrank ist, sollte auch noch erwähnt werden.

Seit Mitte Dezember kann hier für Abhilfe gesorgt werden - rund um die Uhr, an jedem Wochentag.

Sechs Automaten, 20 Quadratmeter

In der Gesandtenstraße, gegenüber der Spiegelgasse, dort, wo im letzten Sommer noch Frozen Yogurt für Abkühlung sorgte, hat ein kleiner Laden eröffnet, der keine Ladenschlusszeitenregelung kennt. Der Trick: Der nur 20 Quadratmeter kleine Laden kommt ohne Verkaufspersonal aus, die Ware spucken sechs Automaten aus. Der Kunde wirft Kleingeld ein, drückt die paar Tasten und schon kommen Getränke, Snacks, Süßigkeiten, Nudeln, Senf, Mehl und Zucker, aber auch Zahnpasta, Katzenfutter und Shampoo aus dem Schlitz. Auch Kaffee und heiße Pizzastücke wirft der elektrische Verkäufer aus, wenn man ihn mit genügend Münzen füttert.

Den Plan, einen Laden, in dem man zu jeder Tages- und Nachtzeit einkaufen kann, zu eröffnen, hatte der in der Schweiz geborene und in Italien aufgewachsene Denis Pintarelli schon vor Jahren, sagt er. Er arbeitete lange im Außendienst und suchte nach dem passenden Konzept, einen Laden zu eröffnen, der keine Öffnungszeitenregelung kennt. Die Lösung waren die stählernen Verkäufer. Die bestückt er regelmäßig mit Lebensmitteln und Artikeln des täglichen Bedarfs. „Die meisten Kunden sind Studenten, Altstadtbewohner und Touristen. Viele Leute, die in den umliegenden Geschäften arbeiten, kaufen hier ihre Getränke ein.“

„Ich passe das Sortiment laufend an“, sagt Denis Pintarelli. Erst vor kurzer Zeit stellte er fest, dass das Getränkeangebot aufgestockt werden muss. Nur alkoholische Getränke findet man im „Temla“ („Temla“ steht als Abkürzung für Tante-Emma-Laden) nicht. Die dürfte Pintarelli nur verkaufen, wenn er eine elektronische Alterskontrolle an den Verkaufsapparaten einführt, ähnlich wie bei Zigaretten-Automaten. Bislang sei das nicht geplant, sagt er.

Ganz ohne Personal kommt der Automatenshop natürlich nicht aus. Die stählernen Verkäufer müssen bestückt und gewartet werden, der Laden regelmäßig gereinigt. Eine Sicherheitsfirma ist damit beauftragt, das kleine Geschäft im Auge zu behalten. Mit mehreren Kameras wird der Laden videoüberwacht.

Um eine Genehmigung für den 24-Stunden-Verkauf zu bekommen, hat er sich bei der Konzeption mit dem Ordnungsamt beraten, erzählt Pintarelli. Sein Automaten-Geschäft sei schließlich das erste seiner Art in Regensburg. In anderen Ländern gehören solche Automatenläden längst zum gewohnten Bild in Einkaufsstraßen, so Pintarelli.

Bezahlen per Handy ist geplant

Er denkt bereits in die Zukunft. Und hofft, dass seine Kunden künftig beim Verlassen des Ladens per Handy bezahlen können. „Aber die Technologie ist noch nicht weit genug verbreitet.“ Aber das kann sich schnell ändern.

Zustimmung für Geschäftsmodell

Von der Regensburger Wirtschaft erntet Pintarelli viel Zustimmung für sein neues Geschäftsmodell: Dr. Reinhard Rieger, der Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) für die Oberpfalz und Kelheim, begrüßt den innovativen Automatenladen in der Gesandtenstraße. Dieser sei rechtlich zulässig und „ein zusätzlicher Service für die Bürger und Bewohner der Regensburger Altstadt“. Sehr positiv empfindet Rieger, dass kein Bier in den Automaten verkauft wird. „Damit wird ein Stück weit auch das Vorglühen in der Altstadt verhindert.“

Ähnlich äußert sich Regensburgs Altstadtkümmerer Alfred Helbrich, der sich den „Temla“ bereits angesehen hat: „Das ist eine Ergänzung, die ganz gut zu einer Studentenstadt passt.“ Der 24-Stunden-Service finde in der Domstadt sicherlich einen Markt und gute Nachfrage. So gebe es in Japan an fast jeder Ecke einen Automaten. Dass das neue Geschäftsmodell auch in Regensburg immer mehr Nachahmer findet, kann sich Helbrich indes nicht vorstellen: „Bei uns wird das freundliche Personal und die frische Qualität geschätzt.“ Der Automatenladen sei eher etwas für nachtaktive Studenten oder Käufer, die noch schnell außerhalb der Ladenöffnungszeiten ein bestimmtes Produkt benötigen.

Zurückhaltender ist dagegen Ingo Saar von der Aktionsgemeinschaft Altstadt. „Wir erachten das als eine Nische, die gewiss nicht als Beispiel für die Zukunft des Einzelhandels in der Altstadt gilt und nicht prägend für das Erscheinungsbild sein wird.“ Der Automatenladen decke offenbar ein Bedürfnis ab, Waren des täglichen Bedarfs auch außerhalb der gesetzlichen Ladenöffnungszeiten einzukaufen. Eine Meinung vertritt die Aktionsgemeinschaft Altstadt dazu noch nicht: „Wir schauen uns das jetzt mal an und warten ab.“

Der „Temla“

  • Konzept:

    Der „Temla“ (kurz für: Tante-Emma-Laden) hat rund um die Uhr geöffnet. Aus sechs Automaten können sich Kunden in dem Geschäft Lebensmittel, Snacks, Drogerieartikel herauslassen. Auch Kaffee und heiße Pizzastücke kann man sich dort kaufen.

  • Einrichtung:

    In den kommenden Wochen soll der Laden noch einmal umgestaltet werden. Dann erhält er auch endlich ein Namensschild.

  • Alternativen: Ein ähnliches Sortiment in Regensburg bieten rund um die Uhr nur Tankstellen an.

  • Internet:

    Unter www.temla.de gibt es Infos zum 24-Stunden-Laden. Demnächst sollen auf der Seite auch Rezeptideen vorgestellt werden.

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