MyMz
Anzeige

Archäologie

Tote liefern uralte Krankheitskeime

Das Gräberfeld am Dörnberg birgt noch viele Geheimnisse. Einen Professor interessieren die Krankheiten der Ur-Regensburger.
Von Heinz Klein, MZ

  • Dr. Silivia Codreanu-Windauer, Steve Zäuner und Prof. Ben Krause-Kyora sichten das von der Infektion zernagte Knochenmaterial. Fotos: Klein
  • Steve Zäuner zeigt einen von Osteomyelitis befallenen Knochen. Foto: Klein

Regensburg.Archäologie kann spannend sein wie ein Krimi. Und wir sind zur Zeit mitten drin im Dörnberg-Krimi. Das riesige Gräberfeld an der Kumpfmühler Brücke war über die Jahrhunderte die letzte Ruhestätte für etwa 50 000 Regensburger Urahnen. Bei den jüngsten Ausgrabungen blickten die Archäologen in etwa 1500 Gräber und erforschen nun ihre Funde. Dr. Silvia Codreanu-Windauer, Referatsleiterin des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege in Regensburg, bekommt dabei immer wieder glänzende Augen.

Die Anthropologen stießen bei der Ausgrabung auf seltsam deformierte Knochen von drei Skeletten, die massiv von Osteomyelitis gezeichnet sind. Diese infektiöse Entzündung des Knochenmarks verändert die Knochenstruktur der Erkrankten und lässt sie grobschuppig und porös erscheinen. Das interessiert Dr. Ben Krause-Kyora, einen Professor am Institut für Klinische Molekularbiologie der Universität Kiel. Der Wissenschaftler analysiert uralte bakterielle DNA und ist so der evolutionsbiologischen Entwicklung und Veränderung von Krankheiten über die Jahrhunderte hinweg auf der Spur. Am Donnerstag kam der Kieler Wissenschaftler nach Regensburg, um sich ein paar interessante Knochen zu holen.

An Osteomyelitis, der infektiösen Entzündung des Knochenmarks, kann man auch heute noch erkranken. Eine Heilung war damals unmöglich und auch heute ist eine Behandlung schwierig und langwierig. Der bakterielle Erreger ist weit verbreitet und braucht eine Pforte, eine Verletzung, um ins Körperinnere und an einen Knochen zu gelangen.

Fiel ein Pferd auf den alten Herrn?

Dr. Codreanu präsentiert die Knochen von drei Römern oder Bajuwaren, die etwa im 4. bis 7. Jahrhundert nach Christus gelebt haben dürften und alle drei etwa um die Fünfzig geworden sind, wie Steve Zäuner vom Anthropologieservice antrophol schätzt. Einer der drei Herren erlitt eine Rippenserienfraktur. „Es muss etwas sehr Schweres auf ihn gefallen sein – vielleicht geriet er unter ein stürzendes Pferd“, vermutete die Archäologin. Die schwere Verletzung lieferte jedenfalls eine große Eingangspforte für die Osteomyelitis-Bakterien, die nun ungehindert im Knochenmark des Ur-Regensburgers wüten konnten.

Unser Autor Michael Scheiner hat Archäologin Dr. Silvia Codreanu-Windauer zu einem ausführlichen Interview getroffen.

Ein vor etwa 1500 Jahren gebrochenes Schienbein war in einem anderen Fall die Eingangspforte für die tückischen Bakterien. Steve Zäuner schaudert heute noch, wenn er den Knochen zeigt. Der Bruch wurde nämlich nicht eingerenkt und so standen die beiden Knochenteile auf mehreren Zentimetern Länge überlappend nebeneinander und wuchsen in dieser Lage zusammen. Das Bein war damit um etliche Zentimeter verkürzt und musste seinem humpelnden Besitzer darüber hinaus noch viele Schmerzen bereitet haben, weil ja nun auch die Osteomyelitis in seinen Knochen wütete.

Die Osteomyelitis deformierte vor vielen Jahrhunderten den Knochen.
Die Osteomyelitis deformierte vor vielen Jahrhunderten den Knochen.

Beim Anblick eines Unterschenkelknochens mag einem jetzt noch das Gruseln kommen. Er gehörte wohl einem Römer, vermutete Steve Zäuner anhand der Knochenlänge. Die Germanen waren von der Statur her meist größer gewachsen als die Römer, aber auch bei ihnen hatte die Osteomyelitis massiv an dem Knochen „genagt“.

Der Kieler Wissenschaftler Ben Krause-Kyora hofft, noch bakterielles Erbgut aus den Knochen isolieren und es dann molekular-genetisch untersuchen zu können. Evolutionsbiologisch lassen sich dann die Veränderungen und Entwicklungen der Keime über Jahrhunderte hinweg aufzeigen – bis hin zu den heutigen multiresistenten Krankenhauskeimen. Durch die großen Pest- und Lepraepidemien sind einige Spuren aus dem menschlichen Genpool weitgehend entfernt worden, weil Erkrankte sich ja nicht mehr reproduzieren konnten, erzählte der Kieler Professor. Fortpflanzen konnten sich damals nur all jene, die offenbar einen genetischen Schutz vor diesen Krankheiten in sich trugen und nicht erkrankten. Doch Gene, die ihre Träger damals vor solchem epidemischen Krankheiten schützten, stehen heute im Verdacht, moderne Krankheiten wie etwa Diabetes oder die Darmkrankheit Morbus Crohn zu fördern. Ihre Schutzfunktion könnte inzwischen zu Überreaktionen im menschlichen Körper führen und sich so vom Beschützer zum Krankmacher verwandelt haben, erzählte Ben Krause-Kyora.

Die knöchernen Zeugen vom Gräberfeld am Dörnberg erzählen stets auch etwas von der individuellen Lebensgeschichte unserer Urahnen, freut sich Dr. Codreanu und ist überzeugt, dass die modernen Naturwissenschaften hier in den nächsten Jahren noch phänomenale Einblicke liefern werden.

Zweitbesetzung im Sarkophag

Silvia Codreanu zeigt den Babysarkophag, der auf einem Toten stand.
Silvia Codreanu zeigt den Babysarkophag, der auf einem Toten stand.

Von dem Osteomyelitis-Kranken mit der Rippenserienfraktur kann die Regensburger Archäologin noch erzählen, dass auf seinem Grab ein kleiner steinerner Sarkophag stand. „Die gebrochenen Rippen hat er sich aber schon zu Lebzeiten zugezogen, die kommen nicht von dem Sarkophag“, schmunzelt Silvia Codreanu, die dieser steinerne Sarg natürlich längst neugierig gemacht hat. Es handelt sich um einen Babysarkophag, etwas in dieser Zeit höchst Ungewöhnliches. Ob der alte Herr mit dem Baby über ihm zu Lebzeiten in einer Verbindung stand, könnte eine DNA-Analyse zeigen.

Aus Stein gemeißelte Sarkophage waren sehr aufwendig hergestellte Behältnisse, die über Jahrhunderte hinweg sozusagen als Recyclingware immer wieder verwendet und mehrmals besetzt wurden. Das erklärt auch die räumliche Enge in manchen Second-Hand-Sarkophagen, erzählt Steve Zäuner mit einem Schmunzeln. Bisweilen musste dann halt ein XXL-Verstorbener in einen Sarkophag der Größe „M“ eingepasst werden. Die seltsam verdrehten Gebeine erzählen auch nach Jahrhunderten noch von der lieben Not, die die Bestatter in solchen Fällen hatten.

Das große Gräberfeld vom Dörnberg wird jedenfalls noch Einiges zu erzählen haben, kündigte Silvia Cordreanu an. Und dabei glänzten ihre Augen schon wieder.

Weitere Nachrichten aus Regensburg lesen Sie hier.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht