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Interview

Uhly recherchierte in seinem Inneren

Die größte Regensburger Leseaktion startet im MZ-Verlagsgebäude. Die Idee zu dem Roman „Glückskind“ kam dem Autor spontan.
Von Micha Matthes, MZ

Steven Uhly ist der Autor des Erfolgsromans „Glückskind“, der bei der Aktion „Regensburg liest“ im Mittelpunkt steht.
Steven Uhly ist der Autor des Erfolgsromans „Glückskind“, der bei der Aktion „Regensburg liest“ im Mittelpunkt steht. Foto: M. Bothor

Regensburg.Was hat Sie dazu bewogen, Glückskind zu schreiben? Gab es ein auslösendes Ereignis?

Steven Uhly: Als meine erste Tochter drei Jahre alt war, forderte sie mich auf, Gute-Nacht-Geschichten aus dem Stegreif zu erzählen. Sie sollten nicht lange dauern und durften ihr keine Angst machen. Ich entschloss mich, eine klassische Glückskind-Geschichte zu erfinden. Das Motiv ist ja uralt. Das sieht man beispielsweise an „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“. Ich erzählte von einem Mann, der in Spanien lebt und eines Tages vor seiner Tür ein Mädchen findet, das er großzieht. Als das Mädchen erwachsen ist, dankt es dem Mann und geht ins Leben. Und er weiß, warum er so lange gelebt hat. Diese Geschichte habe ich dann wieder vergessen. Jahre später las ich von einem Baby, das tot in einer Mülltonne gefunden wurde. Das hat mich sehr berührt. Da machte es klick. Ich rief meinen Verleger an und sagte: Darüber schreibe ich jetzt. Die Geschichte sollte aber kein Märchen sein, sondern in der Realität des 21. Jahrhunderts stattfinden, mit realen Widerständen.

Der Protagonist in Glückskind ist ein Hartz-IV-Empfänger – ein „behauster Obdachloser“, der in einer verwahrlosten Wohnung lebt. Wie haben Sie dazu recherchiert?

Die wichtigste Recherche eines Autors, der so funktioniert wie ich, findet im Inneren statt. Nach Lesungen kamen schon Leute auf mich zu und fragten: ,Ich arbeite mit Obdachlosen – wie haben Sie es geschafft, deren Lebensumstände so treffsicher zu beschreiben?‘ Ich habe dafür in mich selbst geschaut, mir überlegt, was die seelischen Abzweigungen, an denen diese Menschen stehen, für mich bedeuten würden. Dann kommt man auf diesen Weg. Ich gehe davon aus, dass alle Menschen Ansätze in sich finden, die sie teilen. Der Obdachlose, der Psychopath: Sie haben an bestimmten Stellen – im Sinne von dem, was ethisch wünschenswert ist – falsch reagiert und sind in einen Teufelskreis geraten. Aus der Angst heraus, sie selbst könnten auf die schiefe Bahn geraten, blenden viele Menschen diesen Weg aus. Als Schriftsteller kann ich mir das nicht erlauben. Es geht immer darum Menschen zu beschreiben. Also muss ich mich selbst kennen – mit allen Untiefen.


Hans D. findet ein Baby in einer Mülltonne – und damit sein Glück. Was bedeutet Glück für Sie? Haben Sie es schon gefunden?

Ich kann nicht sagen, dass ich das Glück schon gefunden habe. Es ist ohnehin eher umgekehrt: Das Glück findet uns und verlässt uns auch wieder. Es ist flüchtig. In dem Moment, in dem ich es festhalten will, verliere ich es notwendigerweise. Dann trauere ich und lande auf der entgegengesetzten Seite der Medaille. Ein wesentlicher Punkt ist also, dass man nie versucht, das Glück festzuhalten. Das ist paradoxerweise ein Schlüssel. Vielen Lesern erschien das Ende von Glückskind sehr positiv. Das faszinierte mich, denn die eigentliche Problematik wird ja nicht aufgelöst. Aus diesem Grund habe ich mit „Marie“ eine Fortsetzung geschrieben, die am 23. August erscheint. Sie setzt an die Handlung an. Alle Protagonisten kommen vor, aber die Perspektive ändert sich: Ich bleibe dicht an der Mutter dran.

Der Autor

  • Steven Uhly

    , 1964 in Köln geboren, ist deutsch-bengalischer Abstammung, dabei teilverwurzelt in der spanischen Kultur. Er studierte Literatur, leitete ein Institut in Brasilien, übersetzt Lyrik und Prosa aus dem Spanischen, Portugiesischen und Englischen.

  • Mit seiner Familie

    lebt er in München, zuletzt erschien sein Roman „Königreich der Dämmerung“. Zusammen mit seiner Frau Ricarda Solms gründete er 2007 den Münchner Frühling Verlag.

Regensburg wird für die nächsten vier Monate zur Uhly-Stadt? Was ist das für ein Gefühl, wenn eine ganze Stadt Ihr Buch liest?

Ich habe das zwar schon einmal in Hanau erlebt, bin mir aber sicher, dass es in Regensburg ganz anders wird. Ich mache mir keine Gedanken darüber und lasse mich überraschen. Auf jeden Fall freue ich mich sehr auf Regensburg. Es ist eine wunderschöne Stadt und es hat mir immer Spaß gemacht, hierher zu kommen. Tatsächlich habe ich dieses Glück sogar durch Glückskind gefunden. Meine erste Lesung in Regensburg hatte ich mit diesem Buch.

Sie werden in Regensburg vor unterschiedlichem Publikum lesen. Wie stellen Sie sich eigentlich ihre Leserschaft vor?

Steven Uhly ist der Autor des Erfolgsromans „Glückskind“, der bei der Aktion „Regensburg liest“ im Mittelpunkt steht.
Steven Uhly ist der Autor des Erfolgsromans „Glückskind“, der bei der Aktion „Regensburg liest“ im Mittelpunkt steht. Foto: M. Bothor

Ich habe da kein Bild im Kopf. Beim Schreiben ist es erst mal wichtig, dass es mich selbst packt. Wie reagiert der einzige anwesende Leser auf das, was der Autor schreibt – das ist im ersten Moment das einzige Kriterium. Der Entstehungsprozess der Kunst ist ein Beleg dafür, dass wir alles teilen. Wenn es mich packt, habe ich die Bestätigung dafür, dass es auch andere packt. Dann weiß ich, dass ich auf der richtigen Spur bin. Das hat bisher immer funktioniert.

Bei der Aktion Regensburg liest wird auch die Verfilmung von Glückskind gezeigt? Haben Sie an der Umsetzung mitgewirkt?

Ich fand es von vorneherein viel spannender zu sehen, was herauskommt, wenn ein anderer Künstler diese Geschichte verarbeitet. Ein Musikstück habe ich aber beigesteuert. Es ist in zwei Schlüsselszenen zu hören: Wenn Hans D. das Baby findet und wenn er die Mutter des Kindes trifft. Der Regisseur Michael Verhoeven hat mir damit einen Gefallen getan. Ich mache immer Musik zu den Stoffen, über die ich schreibe. Entweder auf der Gitarre oder am Klavier, wobei ich weder ein guter Gitarrist noch ein guter Pianist bin. Das tut aber nichts zur Sache, weil ich schon seit ich ein Kind war unzählige Melodien im Kopf habe. Auch für mein neuestes Buch „Marie“ habe ich ein Stück komponiert.

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