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Historie

Verborgene Kunst im Goldenen Turm

Im Goldenen Turm in Regensburg wurden bisher unbekannte Wandmalereien restauriert. Studenten wohnen hier exklusiv.
von Elisabeth Angenvoort

Eine der freigelegten und restaurierten Wandmalereien aus dem 16. Jahrhundert  Foto: Elisabeth Angenvoort
Eine der freigelegten und restaurierten Wandmalereien aus dem 16. Jahrhundert Foto: Elisabeth Angenvoort

Regensburg.Einige „Jungakademiker der Zukunft“ wohnen nicht nur in der wertvollsten Wohnanlage, die das Studentenwerk Niederbayern/Oberpfalz vorweisen kann – ein „Sahnehäubchen“ –, sondern auch in der einzigen dieser Art. In keiner anderen deutschen Universitätsstadt finde man etwas Vergleichbares, betonte Bürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer im Rahmen der Präsentation des soeben restaurierten Turmzimmers in der Wahlenstraße 16 in Regensburg.

Die Rede ist vom Goldenen Turm, dem höchsten mittelalterlichen Wohnturm nördlich der Alpen, erbaut als Geschlechterturm etwa um 1250. Das 50 Meter hohe Baudenkmal gehört zu einer vierflügeligen Stadtburg und diente im Mittelalter der Repräsentation, war also als unbewohntes Statussymbol ein Zeichen wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Macht. Heute enthält der Turm eine labyrinthisch anmutende Wohnanlage aus romanischen und gotischen Gebäuden mit Platz für 43 Studierende. Der Hof ist auf drei Seiten von einer barocken Loggia umschlossen, über die sich Renaissance-Arkaden im Erdgeschoss erheben. An der Spitze des neun Stockwerke umfassenden Turmes war ursprünglich eine Zinnenbekrönung angebracht. Im 16. Jahrhundert setzte man das heute der Öffentlichkeit nicht mehr zugängliche Turmzimmer ein.

In Ochsenblut eingelassen

Vom Turmzimmer aus, in 50 Metern Höhe, bietet sich dem Betrachter durch zahlreiche Fenster in alle Himmelsrichtungen eine ungewohnte Aussicht auf die Stadt Regensburg. Foto: Elisabeth Angenvoort
Vom Turmzimmer aus, in 50 Metern Höhe, bietet sich dem Betrachter durch zahlreiche Fenster in alle Himmelsrichtungen eine ungewohnte Aussicht auf die Stadt Regensburg. Foto: Elisabeth Angenvoort

Über eine gewendelte Holztreppe mit eingezogenen Zwischenböden gelangt man dort hinauf: eine architektonische Meisterleistung, vermutlich zeitgleich mit den Wandmalereien im Turmzimmer entstanden, wie Dr. Eugen Trapp vom Landesamt für Denkmalpflege erläutert. Das für die Treppe verarbeitete Holz hat man damals vermutlich mit Ochsenblut eingelassen, was die erstaunlich gute Konservierung erklären würde, sagt Gerlinde Frammelsberger. Der Geschäftsführerin des Studentenwerks Niederbayern/Oberpfalz liegt der Erhalt des Turmzimmers seit vielen Jahren am Herzen, doch bislang fehlten für eine Restaurierung die finanziellen Mittel. „Nun können wir es uns endlich leisten, eine nicht rein funktionale Sache zu unterstützen“, sagt sie.

Die Wendeltreppe, eine Holzkonstruktion vermutlich aus dem frühen 17. Jahrhundert, erstreckt sich über neun Stockwerke: eine architektonische Meisterleistung.  Foto: Elisabeth Angenvoort
Die Wendeltreppe, eine Holzkonstruktion vermutlich aus dem frühen 17. Jahrhundert, erstreckt sich über neun Stockwerke: eine architektonische Meisterleistung. Foto: Elisabeth Angenvoort

Um den historischen Bestand dieses herausragenden Baudenkmals zu erhalten, ließ das Studentenwerk in den vergangenen Wochen das Turmzimmer anhand eines von der Restaurierungswerkstatt Landskron Regensburg erstellten Untersuchungsberichts restaurieren. Mit der Firma Preis & Preis aus Regensburg/Parsberg konnte man ein fachkundiges Unternehmen aus dem Bereich Denkmalschutz gewinnen, das sich zugleich im Handwerksberuf der Kirchenmaler verwurzelt fühlt. Es sei ein Glücksfall, ohne denkmalpflegerische Anleitung ein derartiges Projekt fachgerecht ausführen lassen zu können, sagt Maltz-Schwarzfischer.

„Unspektakulär“ nennt Rainer Preis seinerseits die geleisteten Arbeiten: Nach einer gründlichen Reinigung und kleinen Holzausbesserungen wurden die bröckelnden Malschichten gesichert, um den überkommenen Zustand zu erhalten. Im Ergebnis werden 400 Jahre Baugeschichte transparent: eine kleine Zeitreise in die Vergangenheit.

Bewegte Vergangenheit

Die Regensburger Bürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer freute sich mit Gerlinde Frammelsberger und Dr. Eugen Trapp über das erneuerte Turmzimmer (von links). Foto: Elisabeth Angenvoort
Die Regensburger Bürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer freute sich mit Gerlinde Frammelsberger und Dr. Eugen Trapp über das erneuerte Turmzimmer (von links). Foto: Elisabeth Angenvoort

Die etwa um 1600 entstandene Raumkonstruktion aus bemalten Holztafeln wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts verändert, die Täfelung zum Teil übermalt, noch vorhandene Malerei mit Leinwand überspannt. Vermutlich noch vor Beginn des 20. Jahrhunderts entfernte man aus ungeklärten Gründen die Kaschierung der älteren Malerei erneut, und der Raum blieb lange in diesem rudimentären Zustand. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts wurden die Tafelwände durch holzsichtige Bretter ergänzt und die Wandaußenseiten partiell statisch abgesichert.

Was man nun nach Beendigung der Restaurierungsarbeiten sehen kann, sind in gemalten Wandnischen die Darstellungen von männlichen wie weiblichen unbekleideten Figuren in unterschiedlichen Posen sowie florale Ornamentmalereien. Der Sinngehalt dieser Figurenreihe lässt sich nicht eindeutig erschließen, doch kann man Vermutungen anstellen. Eine Art Tugend-Laster-Zyklus wäre denkbar, meint Dr. Trapp, selbst wenn die Attribute der figürlichen Darstellungen nicht mehr lesbar sind. So könne man die vom Betrachter abgewandten Gestalten als Verkörperung der Laster deuten, die frontal dargestellten wären analog eine Allegorie der Tugend. Derartige Zyklen seien zur damaligen Zeit häufig gewesen. Der Grund für die frühzeitige Übermalung mit standardisierten Rankenmotiven, die qualitativ deutlich niedriger anzusetzen sind, ist nicht mehr nachvollziehbar.

Mit den Restaurierungsarbeiten konnte das Studentenwerk den Erhalt des einzigartigen Turmzimmers für die kommenden Jahre sichern: „Keine Pflichtaufgabe“, betont Frammelsberger, aber notwendige „Hausaufgabe“, um den unschätzbaren Wert dieses herausragenden Baudenkmals zu erhalten.

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