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Wie der einsame König Freunde findet

14 Schüler spielen das Theaterstück „Eine abenteuerliche Reise nach Anderland“. Regie führt Rollstuhlfahrerin Marina Siebert.
Von Susanne Wiedamann, MZ

König und Zauberer sind vorne dran: Diszipliniert stellen sich die Kinder für ihren Auftritt in eine Reihe.
König und Zauberer sind vorne dran: Diszipliniert stellen sich die Kinder für ihren Auftritt in eine Reihe. Foto: Wiedamann

Regensburg.Der Bürgermeister mit dem Zylinder auf dem Kopf hat Halsweh und bleibt deshalb stumm. Also stellt sich der Fischer hinter ihn und spricht seinen Monolog einfach mit. Höchst professionell wird hier aus dem Stegreif von einem Mädchen die Stimme eines anderen ersetzt. Gut, dass die 14 Kinder der Johann-Michael-Sailer Grundschule in Barbing die Dialoge selbst erfinden dürfen und nicht aus einem Textbuch zitieren müssen. Zwei Stunden dauert die Probe –und die Kinder sind mit Feuereifer bei der Sache.

Mitten drin: Marina Siebert. Die Sozialpädagogin, die bei der Beratungsstelle des Vereins „Aktives Leben für Menschen mit Behinderung“ (ALB) arbeitet, ist aufgrund einer schweren Behinderung körperlich stark eingeschränkt und auf den Rollstuhl angewiesen. Bei einem Theaterprojekt im Rahmen von „Regensburg inklusiv“ vor zwei Jahren hat sie die Theaterbegeisterung gepackt. Nun macht sie eine Ausbildung zur Spielleiterin – als einzige Studierende mit Behinderung in Bayern. Auch das Studium zur Theaterpädagogin will sie gerne draufpacken. „Es ist noch nicht ganz klar, ob ich das machen darf.“ Auch dieses Novum will erkämpft sein.

Abenteuerliche Reise

Nun hat sie ihr eigenes inklusives Theaterprojekt, das gleichzeitig ihre Abschlussarbeit sein soll. Mit Leidenschaft erarbeitet sie mit den zwölf Mädchen und zwei Jungen das Stück „Eine abenteuerliche Reise nach Anderland“ nach dem Kinderbuch von Thomas Holzbeck.

Es geht um Akzeptanz, Toleranz und Inklusion. Das Buch endet offen, darum haben sich die Kinder ein eigenes Ende ausgedacht.

Marina Siebert

Der Autor ist schon ganz gespannt auf das Ergebnis, und will Sieberts Projekt im Vorfeld der Premiere eventuell mit einer Lesung in der Stadtbücherei abrunden. „Ich fände das toll, wenn er bei der Premiere dabei wäre“, sagt Siebert. Eines der Kinder der Theatergruppe hat den offiziellen Inklusionsstatus, erzählt Siebert, einige haben einen besonderen Förderbedarf. Die Barbinger Grundschule war deshalb für Sieberts Idee sofort Feuer und Flamme.

Marina Siebert lacht gerne und bringt auch die Kinder immer wieder zum Lachen.Foto: Wiedamann
Marina Siebert lacht gerne und bringt auch die Kinder immer wieder zum Lachen.Foto: Wiedamann

Holzbecks Buch ist laut Siebert optimal geeignet. „Es geht um Akzeptanz, Toleranz und Inklusion. Das Buch endet offen, darum haben sich die Kinder ein eigenes Ende ausgedacht“, erzählt Marina Siebert. Seit 11. Januar wird für das Stück geprobt. „Es existiert kein fertiges Stück, sondern wir erarbeiten es aus dem Buch.“

Mit Begeisterung spielen die Kinder die Geschichte der Bewohner von Heimland. Auf ihrer Insel ist alles schön. Doch von der Nachbarinsel Anderland hört man nur Gruseliges. Doch fünf Freunde machen sich auf den Weg ins Abenteuer und treffen in Anderland den einsamen König. Der freut sich, dass ihn endlich jemand besucht. Er hatte sich mit seinem Freund, dem Zauberer, zerstritten, und wurde von seinem Volk verlassen. Seither ist er ganz allein. „So endet das Buch. Die Kinder haben sich überlegt, wie die beiden Länder zusammenkommen können. Sie bauen eine Brücke und machen ein Land daraus.“

Regensburg inklusiv

  • Das Projekt

    Regensburg inklusiv ist ein dreijähriges Projekt der Stadt Regensburg, der OTH und der Katholischen Jugendfürsorge Regensburg, das von der Aktion Mensch gefördert wird und die Umsetzung von Inklusion im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention voranbringen soll. Alle Menschen in Regensburg sollen gleichberechtigt an allen Lebensbereichen teilhaben können. Koordiniert wird das Projekt von Thomas Kammerl von der KJF.

  • Theater

    Vor zwei Jahren erarbeitete eine Gruppe von Schauspielern mit und ohne Behinderung das Stück „Die Brücke der Begegnung“ für den Katholikentag. Als Darstellerin dabei war Marina Siebert. Inzwischen hat die junge Frau eine Ausbildung zur Spielleiterin gemacht und erarbeitet nun als Abschlussarbeit mit Kindern der inklusiven Michael-Sailer-Grundschule in Barbing ein Stück nach dem Buch „Eine abenteuerliche Reise nach Anderland“ von Thomas Holzbeck.

  • Vorstellungen

    Die erste Aufführung des circa einstündigen Stücks findet am 17. Juni an der Schule statt, die zweite Aufführung ist im Rahmen der Schülertheatertage am 25. Juni im Thon-Dittmer-Palais geplant. Eventuell wird es eine weitere Vorstellung im Juli geben.

  • Förderung

    Die Theaterproduktion ist Teil des Projektes „Regensburg Inklusiv“, in dessen Inklusionszirkel Freizeit & Kultur es vorgestellt wurde. Es wird deshalb von der Aktion Mensch gefördert.

Siebert geht mit den Kindern viele Fragen durch: Wie fühlt sich das Daheimsein an? Was ist Freundschaft? Was ist ein Abenteuer? Was Gefahr? Was muss man unternehmen, wenn man auf Reisen gehen will? Stück für Stück wird so die Geschichte kombiniert. Inzwischen sind die Rollen verteilt. Wer den König, Zauberer, Fischer, den Bürgermeister, Hirten, den Bäcker und die Freunde spielt, steht fest.

Weil die Kinder es nicht so mit dem schriftlichen Text haben – „das schockiert sie immer,“ lacht Siebert –, dürfen sie eigene Worte finden. Heute interviewen sich die kleinen Schauspieler gegenseitig und stellen sich dann in ihrer Rolle dem Ensemble vor. Zuhause will Siebert ein kleines Script daraus machen, mit vielen Bildern, damit die Kinder in den Ferien ihre Rolle lernen können.

Einmal nicht laufen

Pedro (Elisabeth) hilft Max (Fabienne), indem er ihm Hindernisse aus dem Weg räumt.
Pedro (Elisabeth) hilft Max (Fabienne), indem er ihm Hindernisse aus dem Weg räumt. Foto: Wiedamann

„Hallo, ich bin der Zauberer. Ich hatte einen Freund. Wir haben uns gestritten“, stellt sich Seline vor. Am Ende des Stücks werden sie wieder vereint sein. Der König hat dann wieder Freunde. Bis dahin helfen alle zusammen: Der Schreiner hilft dem kleinen Max und repariert seinen Rollstuhl. Er sei als Kind von einer Klippe gefallen und könne seither nicht mehr laufen, erzählt Max alias Fabienne dem Publikum. „Das ist eine schwierige Rolle“, sagt Fabienne, „weil man ja sonst immer läuft. Das ist wie bei einer langen Autofahrt.“ Max wird von Pedro beschützt, der von Elisabeth gespielt wird. Der räumt Max alle Hindernisse aus dem Weg. Aus Freundschaft halt.

Marina Siebert fördert die Spielfreude der Kinder und kitzelt ihre Fantasie und kreative Power heraus. „Das ist ganz toll, weil es ganz frei ist und ganz auf die Kinder ausgerichtet“, sagt Kunststudentin Maria Salmanian, die Siebert bei den Proben unterstützt. „Sie bereitet immer unglaublich viel vor“, lobt sie Sieberts Arbeitsweise.

Der Schreiner zeigt sein Werkzeug her.
Der Schreiner zeigt sein Werkzeug her. Foto: Wiedamann

„Das ist voll spannend, ein ganz anderer Ansatz“, bestätigt die zweite Assistentin Lena Heinrich, die „soziale Arbeit mit Musik und Bewegung“ studiert. „Die Kinder erarbeiten sich das selbst. Das ist besonders gut.“ Das finden die Kinder auch. Am besten gefällt ihnen, „dass wir die Geschichte selbst erfunden haben“, sagt Elisabeth.

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