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Wiedamann schuf Silber für Jedermann

An der Brückstraße war für Zinnkünstler einmal der Nabel der Welt. Eine Ausstellung setzt Regensburger Geschichte in Szene.
Von Helmut Wanner, MZ

  • Rosemarie Wiedamann, Mitinhaberin des Hauses Wiedamann in der Brückstraße 4, steht in der Tür des ältesten Ladengeschäfts der Stadt. Im Hinterhaus, Posthorngässchen 1, war bis 1975 die berühmte Zinngießerei, deren Produkte in Form und Qualität weltweit unerreicht waren.Foto: altrofoto.de
  • Caroline-Sophie Ebeling beim Aufbau der Ausstellung „Weg zur Form. Die Zinngießereitradition der Familie Wiedamann“, die am Freitag im Kunst- und Gewerbeverein Regensburg, Ludwigstraße 6, eröffnet wird.Foto: altrofoto.de
  • Eugen Wiedamann Foto: Wiedamann
  • Eugen Wiedamann als Cellist (rechts). Foto: Wiedamann

Regensburg.Die zierliche Rosemarie Wiedamann steht an der Tür. Das Schaufenster zeigt schöne alte Bauhaus-Designersachen und das Plakat „Die Zinngießertradition der Familie Wiedamann“. Diese Welt hat sie 1975 verloren. Aber Rosemarie Wiedamann besitzt noch eine Welt. Es ist der Zinn- und Kunstgewerbeladen in der Brückstraße 4. „Es ist das älteste Geschäft der Stadt“, sagt die 85-Jährige Geschäftsfrau wie beiläufig, aber es klingt schon ein wenig Bürgerstolz einer alteingesessenen Regensburgerin heraus.

„Wiedamann ist das älteste Geschäft der Stadt“

Rosemarie Wiedamann

Für zwei kurze Monate sind ihre beiden Welten wieder vereint. Das Haus Wiedamann rückt am Ende der Woche ins Zentrum des Interesses: Am Freitag um 18 Uhr wird im Kunst- und Gewerbeverein die Ausstellung „Weg zur Form“ eröffnet.

Gegründet im Todesjahr Napoleons

Sie zeigt über 70 Exponate, hauptsächlich aus der Periode des genialen Meisters Eugen Wiedamann (1873 bis 1954), der Entwürfe von Designern wie Wolfgang von Wersin, Friedrich Adler und Christian Metzger in Zinn gießen ließ – bis heute weltweit unerreicht in Form und Qualität. Die Objekte wirken wie in Silber getrieben.

„Ich habe den Großvater meines Mannes noch persönlich kennengelernt,“ sagt Rosemarie Wiedamann in ihrem geschichtsträchtigen Wohnzimmer. Über Richard Wiedamanns Flügel hängt ein kleiner Wissner. Das Gemälde zeigt den Kopf eines russischen Knaben. Der Maler Max Wissner (1873 bis 1959) ging im Haus Wiedamann ein und aus. Am Tisch aufgeschlagen, im Lichtkegel der Korblampe, liegt das vergilbte Manuskript der Schrift, auf das sie ihr Gedächtnis stützt: „Das Haus und Handwerk der Wiedamann“, geschrieben von Hanns von Walther, redigiert von Museumsdirektor Walter Boll (1900 bis 1985).

Die Wiedamanns sind eine der ältesten evangelischen Familien in Bayern, seit der Zeit Luthers im Mittelfränkischen bei Gunzenhausen nachweisbar. Zwischen 1771 und 1782 kam Johann Konrad Wiedamann wohl auf der Wanderschaft nach Regensburg und ließ sich als Meister am Georgenplatz nieder, an der Stelle des späteren „Café Freudenstein“. Adam Friedrich, sein jüngster Sohn, legte den Grundstein für die lange Geschichte der Wiedamannschen Zinngießerei. Am 14. November 1821 wurde er ins Zunftbuch der Stadt eingetragen. 1821 war das Todesjahr Napoleons.

Eugen, Vertreter der vierten Wiedamann-Generation, revolutionierte das Kandlgießer-Handwerk und wagte neue Formen. Rosemarie Wiedamann, eine geborene Lederer, katholisch und von Beruf Directrice im Konfektionsgeschäft, schildert den Zinngießermeister als sehr angenehme Person. „Er war ein leidenschaftlicher Musiker und sehr lustiger Mann. An Fasching ließ er für seine Schlaraffenfreunde bei Schürnbrand am Neupfarrplatz Krapfen mit Senffüllung backen.“

Der Ausstellungseröffnung am Freitag sieht sie mit gemischten Gefühlen entgegen. Im Gegensatz zu ihrem verstorbenen Mann, dem Jazzpapst und Bühnenmenschen Richard Wiedamann, sitzt sie bei Veranstaltungen am liebsten in den hinteren Reihen. Aber dass dieser versunkene Alt-Regensburger Mythos des Hauses Wiedamann wachgeküsst wird, das freut sie ungemein.

Es war eine Frau mit einem Namen wie aus dem Roman, Caroline-Sophie Ebeling (32), die dies schaffte. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin in den Museen der Stadt war vor drei Jahren im Rahmen einer Arbeit über 100 Jahre Kreissausstellung in Regensburg auf ein Designerstück von Christian Metzger (1874 bis 1869) gestoßen. Der ehemalige Zeichenlehrer der Thurn und Taxis-Prinzen war ein begnadeter Tierbildner. Die verspielten Gebrauchsgegenstände, u.a. eine Keksdose und Eierbecher aus Zinn, waren aus dem Hause Wiedamann.

Lebensspuren aus Zinn

„Darüber mache ich meine Dissertation“, beschloss die Kunsthistorikerin. Die erscheint demnächst als Buch und wird nun mit einer Ausstellung gekrönt, bei der alleine schon die Ausstellungsarchitektur das Publikum in Entzücken versetzen wird. Die Künstlergruppe „Paradoxa“ hat sie gestaltet, dahinter stehen der Architekt Stefan Ebeling und der Künstler Raoul Kaufer. Mit der Rauminstallation haben die Künstler quasi alle Ecken der Vorräume des Kunst- und Gewerbevereins abgerundet. In den darin versenkten 63 Boxen werden die Zinn-Exponate optimal präsentiert.

Die 32-Jährige erzählt die Entstehungsgeschichte dieser Wiederentdeckung während sie ihre schönsten Exponate in Seidenpapier hüllt und in Kisten verpackt. Sie stammen aus der Sammlung Reichmann. Der Berufsschullehrer Stefan Reichmann sammelt seit 30 Jahren die fragmentarischen Lebensspuren Regensburger Persönlichkeiten, ordnet sie und versucht, sie ins Gespräch zu bringen.

Der Regensburger Tenor Richard Brönner, für dessen Schwan-Rolle Karl Orff extra die Carmina Burana umschrieb, kühlte im Wiedamann-Zinn seine Weinflaschen. Ein Weinservice mit dem Stempel 1946 ist das Geschenk der Stadt an ihren ersten frei gewählten Oberbürgermeister, Alfons Heiss (1946 bis 1948). Die Frau des Rechtsanwalts, Alice Heiss, kam in Theresienstadt um. Die Geschichte der Besitzer, die sich einmal an ihnen freuen durften, wird Teil der Ausstellung. Auf diesem Hintergrund bekommt das Zinn Leben.

Handwerker und Künstler

  • Eugen Wiedamann

    (1873 bis 1954) revolutionierte die Zinngießerei. 1929 fand der Meister in dem aus Prag stammenden Wolfgang von Wersin (1882 bis 1976) einen Künstler, mit dem der Bauhaus-Stil der Neuen Sachlichkeit Einzug in die Regensburger Werkstatt hielt. Namhafte Sammlungen halten Wiedamann-Zinn in ihren Beständen.

  • Privat hing

    Eugen Wiedamanns Himmel voller Geigen, wahrscheinlich aus der Hand des Regensburger Instrumentenbauers Kerschensteiner. Eugen spielte Cello in einem Streichquartett. „Seine Musik war ihm sehr wichtig“, erinnert sich Rosemarie Wiedamann. Die 85-Jährige hat den Großvater ihres Mannes Richard noch persönlich kennengelernt.

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