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Geschichte

NS-Namen: Regensburg prüft alle Straßen

Danziger Freiheit, Hultschiner oder Thorner Straße – Adressen aus der NS-Zeit könnten bald systematisch durchgecheckt werden.
Von Heike Haala, MZ

Die Danziger Freiheit ist der zentrale Treffpunkt für die Menschen in der Konradsiedlung – jetzt soll der Name des Platzes auf den Prüfstand.
Die Danziger Freiheit ist der zentrale Treffpunkt für die Menschen in der Konradsiedlung – jetzt soll der Name des Platzes auf den Prüfstand. Foto: Haala

Regensburg.Ob es die Florian-Seidl-Straße ist, die 1999 in Johann-Hösl-Straße umbenannt werden musste, die Josef-Engert-Straße, die seit kurzem „Am Biopark“ heißt oder die Hans-Herrmann-Schule, die am Freitag ihre Umbenennung in Willi-Ulfig-Schule feiern wird – immer wieder müssen die Titel von Straßen, Institutionen oder Preisen geändert werden, weil sich herausstellt, dass ihre Namensgeber während der NS-Zeit im Regime aktiv waren und deswegen nicht als Patrone taugen. Jetzt will die Stadt Regensburger Straßennamen aus der NS-Zeit systematisch den Prüfstand stellen.

Denn Bildungsreferent Hermann Hage und der Gedenkbeauftragte Raphael Birnstiel sehen diese Überprüfung als Teil des Gedenkkonzepts, das sie im kommenden Jahr für die Stadt erstellen wollen. Hage fallen etwa Straßennamen aus der Konradsiedlung ein, die er gerne auf ihre Unbedenklichkeit durchchecken würde: Während die Nazis Namen wie Hultschiner oder Thorner Straße vergaben, um an die Grenzen des Deutschen Reichs vor dem Ersten Weltkrieg zu erinnern, gingen sie beim Titel Danziger Freiheit noch einen Schritt weiter. Der zentrale Platz in der Konradsiedlung trägt den Namen einer Parole, die Nazis ausgaben, als sich die Freie Stadt Danzig beim Überfall auf Polen nicht einnehmen ließ. Im gesamten Reich wurden damals zentrale Plätze so benannt, um die angestrebte Eroberung der Stadt durch die Nazis als Befreiung zu verkaufen. „Ich wüsste gerne, ob das so Bestand haben kann“, sagt Hage.

Kritik aus der Konradsiedlung

Ganz und gar nicht begeistert von diesen Bestrebungen zeigt sich Josef Mös, seines Zeichens gestandener und geborener Konradsiedler. Jahrzehnte war er Vorsitzender der Siedlervereinigung. Mös lässt die Säbel ordentlich rasseln: „Blödsinn. Krampf. Dagegen werde ich mit aller Kraft, die noch in mir steckt, ankämpfen. Da gehe ich bis zum Bürgerentscheid“, sagt er. Die Straßennamen in der Konradsiedlung sind für ihn indiskutabel, auch von einer Überprüfung will er nichts hören. „Das kostet doch alles Geld“, sagt er.

Die Menschen, die die Konradsiedlung „mit ihrer Hände Arbeit“ errichtet haben, würden mit einer Umbenennung auch eines Teils ihrer Identität beraubt werden. Dagegen werde es gewaltigen Widerstand geben. „Die Konradsiedler sind stolz auf ihre Siedlung und auch auf ihre Straßennamen“, sagt Mös.

Erfolgte Umbenennungen

  • Am Biopark:

    Die Straßenschilder beim Universitätsgelände ließ die Stadt erst kürzlich austauschen. Der Stadtrat hatte im Herbst beschlossen, die Josef-Engert-Straße umzubennenen. Der Grund: Engert, der in Regensburg als „Vater der Universität“ galt, war ein Anhänger der NS-Ideologie. Der Josef-Engert-Preis wurde zudem in „Universitätspreis“ umbenannt.

  • Friedrich-Niedermayer-Straße:

    Der Beirat der Justizvollzugsanstalt kritisierte die künftige Anschrift der Justizvollzugsanstalt in der Ladehofstraße „angesichts der spezifischen deutschen Geschichte“. Deswegen beschloss der Stadtrat im vergangenen Herbst die Umbenennung. Vergangene Woche tauschten Bauarbeiter die Straßenschilder aus.

  • Willi-Ulfig-Schule:

    Am Freitag ist der Festakt zur Umbenennung der Hans-Herrmann-Schule in Willi-Ulfig-Schule. Damit endet eine im Sommer 2013 vom Kultusministerium angestoßene Debatte um den ehemaligen Oberbürgermeister und seine Eignung als Namensgeber für eine Schule. Er war auch NSDAP-Mitglied und förderndes Mitglied der SS.

  • Johann-Hösl-Straße:

    Bereits im Jahr 1999 taufte die Stadt die Florian-Seidl-Straße in Johann-Hösl-Straße um – dafür war allerdings eine Intervention der Bayerischen Staatsregierung nötig. Seidl war ein Schriftsteller, war Anhänger der NS-Ideologie. In der Straße befindet sich auch eine Einrichtung, in der Menschen mit Behinderung unterrichtet werden. (la)

Für den Historiker Rainer Ehm liegt aber gerade die Notwendigkeit der Umbenennung der Danziger Freiheit auf der Hand. Er gibt zeitgeschichtliche Stadtführungen und kommt jedes Mal ins Schwitzen, wenn er Touristen erklären muss, woher die Danziger Freiheit ihren Namen hat: „Ich weiß nicht, wie ich gerade jemand aus dem Ausland vermitteln soll, warum dieser Platz seinen Namen behalten durfte“, sagt er. Überall in Deutschland seien die Plätze mit dem Namen „Danziger Freiheit“ umbenannt worden. Berühmtestes Beispiel ist die Umbenennung in „Münchener Freiheit“ in der Bayerischen Landeshauptstadt. „Nur in Regensburg ist der Name geblieben“, sagt Ehm. Der Historiker hat auch einen Gegenvorschlag parat. Mit einem „Danziger Platz“ könnte er leben.

Damit die Stadt eine Straße umbenennen kann, braucht sie grünes Licht vom Stadtrat, heißt es aus der Pressestelle der Stadt. Dazu muss die Verwaltung eine entsprechende Vorlage erstellen.

Historiker Ehm sagt zwar, dass er eigentlich gegen die Umbenennung von Straßen ist: „Warum sollte es keine Thorner oder Hultschiner Straße geben?“ Dennoch fallen ihm noch andere Straßen in Regensburg ein, die seiner Meinung nach einer gründlichen historischen Einordnung bedürfen. Etwa die Admiral-Hipper-Straße oder die Admiral-Scheer-Straße im Kasernenviertel sähe Ehm gerne mit einer kleinen Erklärtafel versehen, das sei in anderen Städten üblich. Beide Namensgeber waren Befehlshaber im Ersten Weltkrieg, zudem wurden im Zweiten Weltkrieg Militärschiffe nach ihnen benannt.

Gedenkkonzept in einem Jahr

Hage und Birnstiel wollen das im Koalitionsvertrag verankerte Gedenkkonzept der Stadt im kommenden Jahr zusammen mit einer Arbeitsgruppe und dem Runden Tisch zur Gedenkkultur erstellen. Dieses Konzept forderten Gutachter von der Stadt, nachdem die Inschrift vor dem ehemaligen KZ-Außenlager am Colosseum 2013 in die Kritik geraten war.

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