MyMz
Anzeige

Jubiläum

Erinnerungen vom Tag, als der Papst kam

Regensburg stand Kopf: Benedetto-Jubel am Papstfeld, wo ein Star 230 000 „Followern“ sagte: „Wer glaubt, ist nie alleine!“
Von Heinz Klein, MZ

Papst Benedikt grüßte die Regensburger vom Papamobil aus.
Papst Benedikt grüßte die Regensburger vom Papamobil aus. Fotos: MZ-Archiv/Schönberger

Regensburg.„Mein Gott – der Papst kommt!“ Man sprach von einem Jahrtausendereignis, damals vor zehn Jahren, und Regensburg stand Kopf. Aber schon lange, bevor Papst Benedikt am Abend des 11. September landete. Die Stadt hatte sich herausgeputzt und „papabile“ gemacht: Die Rasenflächen waren gemäht, die Hecken geschnitten, die Kanaldeckel verschweißt und viele weißgelbe Vatikan-Fahnen aufgezogen. Und auch in Pentling war Großputz angesagt. Dort hatten zuvor Vermummte versucht, Wasser aus dem Papst-Garten in Flaschen abzufüllen und im Internet zu verhökern.

Papst Benedikt begrüßt die Regensburger.
Papst Benedikt begrüßt die Regensburger. Foto: Gruber

Der vormals verwilderte Garten hatte sich in ein Meer aus englischen und französischen Rosenarten verwandelt, die der Neumarkter Hildegard-Verein nebst 200 Astern spendiert hatte. Mittendrin saß der rotbraune Papstkater Chico, den Benedikt so liebte, aber nicht mit in den Vatikan genommen hatte.

1000 Lilien und heilige Knochen

Während Papst Benedikt im Priesterseminar wahrscheinlich gut schlief, waren schon Tausende auf den Beinen: Pilger, Polizisten, Rettungskräfte, Ministranten und auch Stefan Roth, der mit seinen elf Angestellten der Gärtnerei Bendler von 18 bis 24 Uhr den Blumenschmuck für den Papst-Altar aus 1000 weißen Lilien exakt nach liturgischer Vorschrift stecken durfte. Ebenfalls in der Nacht wurden noch kostbare Ausstattungsgegenstände angeliefert: Unter anderem der 1887 geschaffene Wolfgangsschrein aus St. Emmeram mit Reliqien von Bistumspatron Wolfgang, der vor 960 Jahren heiliggesprochen wurde. Der Altar, mehr als 1,6 Tonnen schwer und 3,80 Meter lang, war schon Tage zuvor aufgebaut worden. Wenn der Heilige Vater in Konzelebration feiert, braucht der Altar eine gewisse Größe, hatte der Vatikan wissen lassen.

Bilder vom Papst-Besuch im Jahr 2006 sehen Sie in unserer Bildergalerie:

Papstbesuch in Regensburg jährt sich zum 10. Mal

Ab Mitternacht sollten die ersten Pilger und Besucher das riesige Islinger Feld betreten dürfen. 250 000 hatten sich vorangemeldet. Dass sie auch ohne Zugangskarten nur mit einem Lächeln die Papstwiese betreten durften, ergab sich erst in dieser Nacht.

Es war, als begänne ein tolles Openair. Von überall her strömten junge Menschen. Sie trugen Rucksäcke, Isomatten und Fahnen und sie lachten und sangen. Ihr Ziel war in der Tat ein Openair mit einem absoluten Weltstar: Papst Benedikt XVI.

Hunderte rollten zur Mitternacht ihre Isomatten ins flauschige Grün, dösten, ratschten oder lauschten den meditativen Texten, die Redner von den riesigen Videoleinwänden murmelten. Um 1 Uhr tauchte dort ein neues Gesicht auf: Der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller freute sich über den „Auflauf des Volkes“ und kündigte ein „Jahrtausendereignis“ in neun Stunden an. „Herr erbarme dich“, sang ein Chor um 2.30 Uhr, doch der Herr erbarmte sich nicht sofort. Die Temperatur war auf 6,5 Grad gefallen. Überall knisterten Alufolien, die Menschen wickelten sich ein.

Der Papst in Regensburg: Lesen Sie hier unsere Berichterstattung aus dem Jahr 2006.

„Wer schläft, sündigt nicht“

Gegen 3 Uhr rollten auf der gesperrten Autobahn immer mehr Busse heran, der Zustrom der Pilger schwoll an. Gemäß dem Bibelspruch „die Letzten werden die Ersten sein“ quetschten sich die Neuankömmlinge ziemlich ruppig nach vorne. Das Geschubse der Neuankömmlinge währte bis 6 Uhr, als glutrot die Sonne aufging. Die letzten Schläfer krabbelten aus ihren Schlafsäcken. „Wer schläft, sündigt nicht“, rechtfertigte sich ein Immernochmüder. Nun kamen 15 000 Ministranten und 700 Priester in feierlichem Zug aufs Islinger Feld und auch die VIP-Plätze füllten sich. Mittendrinn Fürstin Gloria, das Antlitz mit schwarzem Spitzenschleier verhüllt.

Die Messe am Islinger Feld
Die Messe am Islinger Feld Foto: wd

Endlich bog um 9.30 Uhr das Papamobil auf die Papstwiese. Jubel brandete auf, vieltausendfach winkten weiß-gelbe Fähnchen. „Benedetto aus Bayern – wir wollen mit Dir feiern“ intonierten jugendliche Stimmen. Aus 400 Lautsprechern ertönte nun die Stimme des Papstes, der seine Botschaft „Wer glaubt ist nie alleine“ bekräftigte und sich rührend für all die vielen Mühen bedankte, die Tausende von Helfern auf sich genommen hatten: „Möge die Freude hundertfach auf jeden zurückfallen“, wünschte er.

Stationen in Regensburg

  • Die Messe und die Rede

    Papst Benedikt traf am Montagabend, 11. September 2006, in Regensburg ein und übernachtete im Regensburger Priesterseminar. Am Dienstag feierte er eine Messe auf dem Islinger Feld und besuchte die Universität, wo er mit einer islamkritischen Vorlesung für weltweite Reaktionen sorgte. Am Abend feierte er eine ökumenische Vesper im Regensburger Dom.

  • Ein privater Tag

    Der Mittwoch war der private Tag im Regensburger Programm. Benedikt weihte vormittags die neue Orgel ind er Altenkapelle und besuchte dann seinen Bruder Georg. Die beiden Brüder aßen in der Luzengasse gemeinsam zu Mittag und statteten dann dem Familiengrab und Benedikts Haus in Pentling einen Besuch ab.

Der Frust der Würstlbrater

Auf manche fiel die Freude allerdings nur sehr spärlich zurück. Es waren all jene, die geglaubt hatten, bei dem Glaubensfest ein gutes Geschäft zu machen. Viele Würstlbrater und private Griller entlang der Pilgergassen blieben auf Bergen von Würsten sitzen und auch im ehemaligen Möbelhaus Wagner unweit der Papstwiese, das ein geschäftstüchtiger Regensburger zu einer „Casa Benedikto“ mit 400 Schlafplätzen gemacht hatte, herrschte große Leere. Dort kostete die Nacht 20 Euro, in den Bierzelten, die man am Dultplatz extra stehengelassen hatte, lag der Tarif bei 15 Euro.

Lag’s daran, dass weit weniger als die erwarteten 350 000 Pilger gekommen waren? Organisator Peter Kittel sprach von mindesten 260 000 Besuchern, das Innenministerium nannte 230 000, von anderen Fachleute hörte man die Zahl 170 000.

Anderntags warteten die Regensburger in der Stadt auf „ihren“ Papst. Der hatte nun seinen „privaten Tag“, weihte die Orgel in der Alten Kapelle und war mittags zum Essen bei seinem Bruder Georg Ratzinger angemeldet. Auf dem Weg dorthin jubelten die Menschen Benedikt frenetisch zu und drückten Bischof Müller Kleinkinder in die Hand, die der bereitwillig zum Segnen weiterreichte.

Sehen Sie hier ein Video zum Papstbesuch vor zehn Jahren:

Lebernockerl und Kirchenwitze

Georg Ratzingers treue Haushälterin, die inzwischen verstorbene Agnes Heindl, hatte der Journalistenmeute im Vorfeld nichts von ihren Kochplänen verraten und wäre auf dem Weg in die hermetisch abgesperrte Luzengasse beinahe selbst an den Sperrgittern gescheitert. „Dann kriegt der Heilige Vater nichts zu essen“, warnte sie die Polizisten. Das wirkte und Benedetto bekam doch etwas zu essen: Bretzensuppe mit Lebernockerln, Zwiebelrostbraten mit Spätzle, Gelberübengemüse und als Nachtisch Ananascreme.

Fünf Gäste saßen mit am Tisch, darunter auch Bischof Gerhard Ludwig Müller. Sogar (Kirchen)-Witze wurden erzählt, über die der Heilige Vater herzlich lachen musste, erzählte später Prälat Heinrich Wachter. Der beste Witz soll von Bischof Müller gekommen sein. Der konnte da schon wieder lachen. Bei der Fahrt im Papamobil saß er entgegen der Fahrtrichtung, was ihm gar nicht gut bekommen haben soll. Am Domplatz war er jedenfalls ausgestiegen.

Gruß aus dem Papamobil
Gruß aus dem Papamobil Foto: Gruber

Gar nicht lachen konnten andere über den Papsthype in der Stadt. Der Bund für Geistesfreiheit hatte auf dem Haidplatz eine „papstfreie Zone“ eingerichtet, hörte satirische Lieder, verkauften Anti-Papst-T-Shirts mit dem Slogan „Selber denken statt nachbeten“ und schauten provokante Bilder von Frank Scholz an. Eines mit dem Titel „Wabernder Weihrauch würzt westliche Winde“ nahm schließlich die Polizei mit.

Höher im Kurs standen Kerzen, Krüge, T-Shirts und Taschen mit dem Konterfei des Heiligen Vaters. Das offizielle Sortiment zum Papstbesuch umfasste 29 Artikel und war eng mit dem Bistum abgestimmt. Daneben gab’s natürlich auch unheiligen Trödel auf dem inoffiziellen Markt: zum Beispiel Radiergummis (mit Papstbildchen) der Marke „Ratzefummel“ – zum Wegradieren von kleinen Bleistiftsünden…

Weitere Nachrichten aus Regensburg lesen Sie hier!

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht