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Jubiläum

Fast ein Skandal vorm „Cafe Züchtig“

1955 ließ Seff Weidls Bronzeskulptur „die Ruhende“ vorm Regensburger Hallenbad eine Fronleichnamsprozession entgleisen.
Von Helmut Wanner, MZ

In seinem Atelier in Kreuth schuf Seff Weidl dieses Gipsmodell der Ruhenden.
In seinem Atelier in Kreuth schuf Seff Weidl dieses Gipsmodell der Ruhenden. Foto: Archiv Peter Weidl

Regensburg.Das also ist sie, „die Ruhende“. Vorm „Cafe Züchtig“ in der Gabelsbergerstraße liegt sie ganz unschuldig auf ihrem Fundament aus vier Sandstein-Quadern. Sie ruht vor allem in sich selbst in ihrer Gänseblümchenwiese. Generationen von Badegästen sind an ihr vorbeigegangen. Heute hebt nicht mal mehr ein Hund das Bein.

Die Ruhende vorm Hallenbad: Keiner regt sich mehr über sie auf.
Die Ruhende vorm Hallenbad: Keiner regt sich mehr über sie auf. Foto: Wanner

Man kann sich nicht vorstellen, welche Stürme der Entrüstung diese kubistische Frauenfigur in jenem Frühling 1955 auslöste, als das Hallenbad eröffnet wurde. Es gab entrüstete Leserbriefe in der Tageszeitung. Damals bekam die Bronze-Skulptur Namen wie „ausgschamts Mensch“ oder „Gschlamperte“. „Die Ruhende“ sorgte für helle Aufregung im damals noch tiefschwarzen Regensburg. Es wurde sogar öffentlich zum Problem erhoben, dass Mütter an dieser unbekleideten Figur vorbei ihre heranwachsenden Knaben zur Schwimmstunde führen mussten.

Klosterschwestern riefen unisono

Seff Weidl war nach dem Krieg der meistbeschäftige Bildhauer Deutschlands.
Seff Weidl war nach dem Krieg der meistbeschäftige Bildhauer Deutschlands. Foto: Sammlung Archiv Peter Weidl

Ja, es gab sogar eine Spontandemonstration. Wenn wir den immerwährenden Feiertagskalender zu Rate ziehen, hat sie am Donnerstag, 9. Juni 1955, stattgefunden, also fast auf den Tag genau vor 60 Jahren. Es war eigentlich keine Demo, sondern die offizielle Fronleichnamsprozession der Pfarrei St. Cäcilia. Die Protestaktion fand, wie auf ein geheimes Kommando hin, gleich nach dem dritten Altar statt, der am Eck zur Richard-Wagner-Straße aufgebaut war. Nach dem Segen mit der Monstranz setzte sich die Prozession hinterm Baldachin wieder in Bewegung. Der freischaffende Künstler und ehemalige SPD-Stadtrat, Klaus Caspers, kann sich überraschend genau an Details erinnern. „Ich war dabei. Ich ging vorm Chorblock, neben meinem Vater Josef, der war ja Chorregent. Cäcilia war eine sehr aktive Pfarrei damals. Klosterschwestern waren viele im Zug. Leute von der Kirchenmusikschule auch, die war ja damals noch in Cäcilia. Eine Choralschola der Männer ging voran. Alle haben gebetet. Ich hab das lustig gefunden. Denn auf Höhe der Skulptur am Hallenbad haben die Klosterschwestern plötzlich die Köpfe nach links gedreht und Pfui, Pfui, Pfui skandiert. Das war unisono.“ Den Sturm der Entrüstung aus einem betenden Fronleichnamszug heraus müssen auch noch andere stadtbekannte Männer in Erinnerung haben. Klaus Caspers will in den Reihen der Schola, die gregorianische Choräle intonierte, auch Max und Johann Vielberth gesehen haben, den Gründer und den Geschäftsführer des Donaueinkaufszentrums.

Der Skandal schwappte in die USA

Dr. Wolfgang Schärtl traf Seff Weidl 1959 in den USA.
Dr. Wolfgang Schärtl traf Seff Weidl 1959 in den USA. Foto: Wanner.

Es überrascht, dass die Skandalfigur ausgerechnet unter dem sehr katholischen Oberbürgermeister Hans Herrmann in Auftrag gegeben worden war. Vier Jahre nach dem öffentlichen Skandal, den die Ankündigung einer Vorführung des Knef-Films „die Sünderin“ auf dem Rathausplatz hervorgerufen hatte, galt doch jede Figur, die barbusig und mit gespreizten Beinen dargestellt wurde, als skandalös.

Der Skandal um „die Ruhende“ war zwar nicht so heftig wie der um die Sünderin 1951, dennoch schwappte die Welle sogar über den Großen Teich, wo sie Ende Oktober 1959 in Long Branch im Staate New Jersey auch eine kleine, aber feine amerikanische Öffentlichkeit amüsierte. Der ehemalige Regensburger Internist Dr. Wolfgang Schärtl erinnert sich.

Wie es der Zufall so will, war der Fulbright-Stipendiat am Ende seiner zweijährigen Facharztausbildung in den Vereinigten Staaten von einem schwerreichen Patienten zu einer Party eingeladen. Villa direkt am Meer, Stichkanal zur Garage mit Hochsee-Yacht. Um 22 Uhr wird ein Seff Weidl angekündigt, ein „important german artist“.

Dr. Schärtl: „Der Künstler kam direkt von der Eröffnung des Guggenheim-Museums in New York und war noch ziemlich aufgekratzt. Ich hab ihn als bayerisches Original empfunden, aber elegant im Auftreten. Trotz seiner 170 cm hat er es verstanden, absolut im Mittelpunkt zu stehen. Ein Strahlemann. Er bildete einen Zirkel um sich - und da kam ich mit meiner Story. Da haben Sie ja ganz schön was angestellt in Regensburg, sagte ich.“

Der Gag, dass sich zwei Bayern mit Bezug zu Regensburg ausgerechnet in New Jersey auf einer Party treffen und auch noch eine gemeinsame Geschichte haben, sorgte für glänzende Unterhaltung der Gäste.

100 Jahre Seff Weidl

  • Seff Weidl (1915 - 1972):

    Der gebürtige Egerländer studiert von 1936 bis 1938 an der Akademie der Bildenden Künste in München. Nach Krieg und Vertreibung lässt er sich in Kreuth als freischaffender Künstler nieder. Er ist ständiger Gast in der Galerie Kleemann in New York.

  • Er gilt in

    dieser Zeit als der am meisten beschäftigte Bildhauer der Bundesrepublik. Er schafft Skulpturen für öffentliche Plätze und Gebäude in vielen Städten der USA und in den deutschen Städten Bonn, Bremen, Essen, Friedrichshafen, Hannover, Hamburg, Köln, Lübeck München, Nürnberg, Regensburg und Ottobrunn. 1972 stirbt er mit nur 57 Jahren in seinem Atelier.

Die Aufregung von damals

Seit dieser Zeit waren der Arzt und der Künstler gut bekannt. 1961 kaufte ihm Dr. Wolfgang Schärtl die kleine Vorzeigefigur ab, mit der Seff Weidl sich für das Hallenbad beworben hatte. „Die Ruhende“ begleitet ihn seitdem durchs Leben. „Da hat der Künstler mit wenig ganz viel herübergebracht.“

Der Regensburger Sammler Stefan Reichmann zählt den am 25. Juni 1915 in Eger geborenen Künstler zu den national bedeutenden Bildhauern der 50er und 60er-Jahre. Der Kunstkenner würdigt Seff Weidl in einem Beitrag für den Almanach 2015, der im Oktober präsentiert wird, als Teil der Regensburger Nachkriegsgeschichte. Die Regensburger Kunstszene habe vor allem durch Flüchtlinge wie Seff Weidl, Willi Ulfig und Xaver Fuhr wichtige Impulse erhalten. Das Kunstforum Ostdeutsche Galerie erinnert auf einer Doppelseite seines Frühlingsprogramms an den Künstler. München wird seiner sogar mit einer Ausstellung gedenken. Sie wird am 2. Juli um 19 Uhr in der Galerie Christoph Dürr in der Hübnerstraße eröffnet.

„Passt in unsere Zeit und hat gut hergehalten bis heute“, sagte gestern Mittag ein weiblicher Stammgast des Hallenbads. Die Aufregung damals konnte die Dame nicht verstehen. Mit einem prüfenden Blick auf die geschlossene Komposition aus Bronze sagte sie: „Die Figur ist ja gar nicht besonders sexuell ausgeprägt.“

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