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Kultur

Musiker kämpfen gegen Kinokneipen-Aus

Regensburgs Kinokneipe ist von der Schließung bedroht. 18 Bands wollen lautstark für ihr „Wohnzimmer“ trommeln: mit einer CD.
Von Mathias Wagner, MZ

  • Die Kinokneipen-CD erscheint am Rosenmontag. Am Veröffentlichungstag wird auch gefeiert. Fotos: Wagner
  • Auf der CD: die Alternative-Country-Band Point Baker...
  • ...sowie die Irish Handcuffs...
  • ... und Containerhead.
  • Hinter der Kinokneipentüre lockt ein Hort der Inspiration und Zerstreuung.

Regensburg.Die Zukunft bleibt ungewiss. Im Dezember 2013 wurde bekannt, dass der Pachtvertrag für das Ostentorkino samt dem Restaurant Chaplin und der Kinokneipe zum Jahresende 2015 auslaufen wird. Die neuen Besitzer der Immobilie wollen wirtschaftlich abwägen, was künftig in dem denkmalgeschützten Gebäude neben dem Villapark passiert. Der Regensburger Musiker Martin Haygis bringt es auf den Punkt: „Die Schließung steht im Raum.“ Seine Stammkneipe und zweite Heimat, die Kinokneipe, droht der Gentrifizierung zum Opfer zu fallen. Deshalb sei man in dem kleinen Wirtshaus, das sich seit mehr als 40 Jahren hinter der Ostentorkino-Leinwand befindet, alarmiert. In der Kneipe trifft sich seit jeher die Regensburger Bandszene. Gruppen, wie Beige GT, Containerhead, Jenny Lund oder SickSickSick entstanden vor oder hinter der Theke. Fast alle in der Kinokneipe beschäftigten Barkeeper sind selbst Musiker.In der urigen „Boazn“ hockt man sich regelmäßig nach den Bandproben zusammen, ratscht, diskutiert und lauscht andächtig. Denn: Die sorgfältig ausgewählte Musik, die hier aus den Kneipenlautsprechern schallt, wird nicht als Berieselung, sondern als „elementares Lebenselixier“ verstanden, heißt es in einer aktuellen Pressemeldung. Die wurde verschickt, weil zahlreiche Kinokneipen-Gänger sich zusammengetan haben, um gegen die drohende Schließung ein Zeichen zu setzen.

„Schlag den Sensenmann“

Und das passiert – in dem Fall klar – natürlich musikalisch. 18 Regensburger Bands wollen der Kinokneipe gerade in der jetzigen Situation mit ihrer Musik ein Tribut zollen. Für die CD „Beat the Reaper“ („Schlag den Sensenmann“) haben Kinokneipen-Bands, wie die Diamond Dogs, The Loverangers, Littarist & Baendit, die Poptones oder Zwei Tage ohne Schnupftabak ihre Songs zur Verfügung gestellt. Martin Haygis, der mit seinen beiden Bands Point Baker und Poptones dabei ist, und Andreas Rauscher, der mit der Postrock-Gruppe Containerhead und der Band Team K mitmacht, hatten im vergangenen Herbst, die Idee zur CD. „Wir wollten einmal darstellen, was hier alles am Start ist“, sagt Andreas Rauscher. Sie klopften bei 18 Regensburger Bands an. „Und keine einzige sagte ab“, freut sich Haygis.

Auf der kleinsten Bühne der Stadt

Alle beteiligten Musiker haben einen engen Bezug zur Kinokneipe. „Leute, die hier regelmäßig abhängen, arbeiten oder hier drin schon gespielt haben“, fasst Rauscher zusammen. In der überschaubar mickrigen Kneipe fanden schon etliche Konzerte statt — zum Beispiel alljährlich am Rosenmontag. Da soll auch heuer wieder lautstark musiziert werden: Bei der Releaseparty zu „Beat the Reaper“ wird die CD erstmals verkauft. Aktuell haben bereits acht Bands zugesagt, am Rosenmontag auf der wohl kleinsten Bühne Regensburgs, in der höchstens dreieinhalb Quadratmeter kleinen Nische im Eck gegenüber der Theke, aufzutreten — nicht nur logistisch eine Herausforderung.

Die an der Kinokneipen-CD beteiligten Musiker zeigen, welch Bandbreite die Szene, die der urigen Bar im Regensburger Osten entsprungen ist, abdeckt: Hip Hop, Punk, Postrock, Metal, Rockabilly, Country und immer wieder Indie-Pop. Hinter den mit Postern und Aufklebern verzierten Holzwänden wuchs über die Jahre ein modernes (Sub-)Kulturerbe, das zum Jahreswechsel heimatlos zu werden droht.

13 600 Unterschriften gesammelt

Im Dezember 2013 startete Johannes Zenger aus Weiherhammer die Online-Petition „Rettet das Ostentorkino/Kinokneipe/Chaplin“. Innerhalb von nur zwei Monaten sammelte er rund 13 600 Unterstützer-Unterschriften, die er Markus Stark und Florian Schürger von der Hausbesitzergemeinschaft überreichte. Dazu sicherten mehrere Politiker im Kommunalwahlkampf ihre Unterstützung zu.

Doch im Sommer ebbte die öffentliche Diskussion ab. Im Hintergrund bangt man weiter um die Zukunft des Kinos, des Chaplin und eben der Kinokneipe.

Die Schließung der Lokalität, diesem alternativen „Haus der (Pop-)Musik“, wäre ein Drama für die hiesige Bandszene.

Die Band SickSickSick formuliert es auf ihrer Facebook-Seite drastisch: „Rettet diese Stadt vor dem Ausverkauf, dem subkulturellen Untergang, vor geldgeilen Schickis und anderem humorlosen Gesocks!“, fordern sie und rufen zum Kauf der „Beat the Reaper“-CD auf, für den sie den Song „Mike“, eine Hymne auf das 2011 verstorbene Original „Punker-Mike“, zur Verfügung gestellt haben.

Aus den Bandkassen finanziert

Sämtliche Bands haben nicht nur ihre Musik zur Verfügung gestellt, sondern auch tief in ihre Bandkassen gegriffen, um die Produktionskosten der kleinen CD-Auflage zu bezahlen. Grafiker, Texter, Fotografen sowie Martin Haygis und Andreas Rauscher als Organisatoren arbeiteten ehrenamtlich. Der Gewinn fließt in ein nächstes Projekt, verspricht Haygis. Wenn es nötig wird, in die Öffentlichkeitsarbeit - falls die Kinokneipe wirklich heimatlos werden sollte. Oder in ein weiteres CD-Projekt. Bei der Auswahl könnte man dann erneut aus dem Vollen schöpfen. Schließlich habe man bei der Musikauswahl zu „Beat the Reaper“ nur aktuell aktive Bands berücksichtigt. Die Regensburger Indie-Heroen Beige GT fehlen genauso wie Baby you know, die der Kneipe hinter dem Ostentorkino 1995 sogar ein ganzes Album („Last Night at the Kino-Bar“) widmeten. Noch dazu könnte man bei einem weiteren CD-Projekt auch weit über den Regensburger Tellerrand hinausblicken. Nicht nur bei hiesigen „Kinokneipen-Bands“ hat sich das kleine Lokal hinter der Kinoleinwand einen Ruf als Hort der Inspiration und auch Zerstreuung erspielt. Hier feierte US-Sänger und -Schauspieler Bonnie „Prince“ Billy schon Geburtstag und Blumfeld-Sänger Jochen Distelmeyer sowie seine Kollegen von Kettcar bewiesen ihr Können am Kickertisch. Etliche internationale Musiker versumpften nach ihren Regensburger Konzerten ausgerechnet in der Kinokneipe in der Adolph-Schmetzer-Straße.

Doch noch bevor Martin Haygis, Andreas Rauscher und Konsorten ihre hochkarätige Musiksammlung in Serie gehen lassen könnten, geht es für sie jedoch um ein größeres Ziel: Um die Fortsetzung der Kinokneipen-Existenz – auch über 2015 hinaus.

Die Kinokneipen-CD

  • 18 Songs:

    „Beat the Reaper“ umfasst Songs von 18 aktuellen Regensburger Bands.

  • Beteiligte Bands:

    Containerhead, Irish Handcuffs, Diamond Dogs, Johnny Firebird, The Loverangers, Marin Radio, Littarist & Baendit, SickSickSick, Shotter und viele mehr.

  • Gestaltung:

    Die grafische Gestaltung übernahm Philipp Starzinger („Regensburg Sammelsurium“).

  • Streetart:

    Das Titelbild stammt von einem unbekannten Streetart-Künstler.

  • Verkauf:

    Die CD wird ab 16. Februar verkauft. Sie liegt in Plattenläden, in Buchhandlungen und in Kneipen aus.

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