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Holocaust

Umstrittene Bodenplatte kommt weg

Vor zwei Jahren sorgte die Inschrift vor dem Colosseum für einen Eklat. Regensburgs OB verspricht: Im Mai verschwindet sie.
Von Heike Haala, MZ

Die Bodenplatte vor dem Colosseum soll an das ehemalige KZ-Außenkommando Flossenbürg erinnern und sorgte für einen Eklat.
Die Bodenplatte vor dem Colosseum soll an das ehemalige KZ-Außenkommando Flossenbürg erinnern und sorgte für einen Eklat. Archivfoto: altrofoto.de

Regensburg.Kurz vor dem 70. Jahrestag des Todesmarschs von 400 Häftlingen aus dem KZ-Außenlager im Colosseum in Stadtamhof tut sich etwas in Sachen Gedenkkultur der Stadt. Oberbürgermeister Joachim Wolbergs kündigt im MZ-Gespräch an, dass die Platte, die vor dem Gebäude in den Gehweg eingelassen wurde entfernt wird. Am liebsten wäre es ihm, wenn das noch vor dem Jahrestag, am 23. April, soweit wäre. Ob das klappt, da ist er sich aber noch nicht ganz sicher. Spätestens im Mai aber wird der Stein mit der umstrittenen Inschrift verschwunden sein.

2013 sorgte sie für einen wahren Gedenk-Eklat: In einem Gutachten attestierten Experten, dass die Platte kaum sichtbar, kaum wahrgenommen, nicht informativ und unglücklich formuliert worden sei. Sie forderten ihre Entfernung. Wolbergs unterstützte dieses Gutachten damals als Bürgermeister und lässt nun Taten folgen. Anstatt der Bodenplatte wird es eine Tafel am Gebäude geben. Darauf hat Wolbergs sich mit dem Hausbesitzer nun nach der Zusage einigen können, dass sich dieser den Text zuvor durchlesen darf. Derzeit wird die Formulierung von den Mitarbeitern der KZ-Gedenkstätte in Flossenbürg formuliert. Bevor sie angebracht wird, will Wolbergs sie zudem auch drei Experten vorlegen. Sie sollen den Text überprüfen, damit sich der Eklat von 2013 nicht wiederholt.

Neue Stelle bei der Stadt

Er kündigt weitere Neuerungen an: Die Stadt hat eine Stelle geschaffen. Der neue Mitarbeiter wird zusammen mit dem runden Tisch zum Thema ein Konzept zur Gedenkkultur in Regensburg erstellen. Wolbergs sagt, dass dieses Konzept – es ist Teil des Koalitionsvertrags – kein statisches Gebilde sein wird. Ebenso wird der neue Kollege an einer Publikationsreihe mitarbeiten, in der auch Regensburger Zeitzeugen zu Wort kommen. „Wir haben nicht mehr viel Zeit und müssen die Geschichten sammeln, solange noch Menschen von dieser Zeit berichten können“, sagt Wolbergs.

Ein Ergebnis dieses runden Tisches ist der gemeinsame Gedenkweg für die Opfer des Faschismus am 23. April. Bisher gab es jedes Jahr zwei Veranstaltungen: eine der politischen Verbände und eine weitere der Kirchen und der Stadt, was in den Augen Wolbergs zu einem regelrechten Gedenkwettbewerb geführt hätte. Um dem ein Ende zu setzen, hat er den Gedenkweg um eine Station erweitert. Vom Colosseum aus geht es in diesem Jahr erstmals zum Westportal des Doms, wo dem von den Nazis ermordeten Domprediger Dr. Johann Maier gedacht werden soll. Weitere Stationen bleiben der Neupfarrplatz, den Minoritenweg und der Dachauplatz. An allen Stationen sprechen Redner.

Projekte, die in Sachen Erinnerungskultur am runden Tisch derzeit in Planung sind, sind laut Wolbergs ein kleines Dokumentationszentrum über die NS-Vergangenheit Regensburgs in Stadtamhof, ein Hinweis auf den ehemaligen jüdischen Friedhof beim geplanten Kultur-und Kongresszentrum am Ernst-Reuter-Platz oder eine mögliche Abteilung über die NS-Vergangenheit Regensburgs im Historischen Museum.

Andreas Schmal vom Deutschen Gewerkschaftsbund begrüßt die Initiative, die Wolbergs in Sachen Gedenkkultur an den Tag legt. Eine Erforschung der NS-Zeit in Regensburg, wie Wolbergs sie in die Wege leitete, sei dringend notwendig.

Schmal: 70 Jahre ignoriert

Schmal verweist aber auch auf die Versäumnisse, die sich die Stadt bei diesem Thema in seinen Augen während der vergangenen 70 Jahre geleistet hat. Die Aufarbeitung der NS-Zeit hänge in Regensburg beispielsweise von vereinzelten Initiativen oder Privatpersonen ab, die Quellen in Eigenregie zusammentragen. Wissenschaftliche Arbeiten zum Thema, die die NS-Vergangenheit der Stadt durchleuchten, sie historisch einordnen und dokumentieren, würden weitestgehend fehlen. So etwas könnten Privatpersonen oder Projektarbeiten nicht umfassend leisten. „Nürnberg verfügt über laufende Meter an Sachbeiträgen von Wissenschaftlern, München hat bald ein NS-Dokumentationszentrum – aber keine Stadt hat das Thema 70 Jahre lang völlig ignoriert“, sagt Schmal. Die historische Aufarbeitung kann seiner Meinung nach durch die Einrichtung einer Bibliothek mit Fachliteratur oder einem entsprechenden Lehrstuhl an der Universität gelingen. Dort könnten Stipendien vergeben, Abschluss- oder Doktorarbeiten zum Thema betreut werden. „Wir müssen wissen, was damals passiert ist“, sagt Schmal.

Die Fraktion der Grünen im Regensburger Stadtrat indessen hat sich auch ihre Gedanken zum Thema Gedenkkultur gemacht. Fraktionsvorsitzende Margit Kunc fordert auf Initiative von MdL Jürgen Mistol, dass der bisher unbenannte Platz vor dem Haupteingang des Velodroms Simon-Oberdorfer-Platz heißen soll. Der Antrag steht am Dienstag auf der Tagesordnung des Ausschusses für Stadtplanung, Verkehr und Wohnungsfragen. Oberdorfer eröffnete laut Antragspapier im Jahr 1898 das Velodrom, den damals größten Saalbau der Stadt. Er war ein geachteter Geschäftsmann, der sich für die Bürger der Stadt engagierte. 1939 floh mit seiner Familie aus der Stadt, weil er Jude war. In Havanna durfte er das Flüchtlingsschiff aber nicht verlassen. Die Familie fand zunächst in den Niederlanden Zuflucht, wurde aber 1943 in das Vernichtungslager Sobibor deportiert und ermordet.

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