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Umwelt

Bäckergasse: Der Kahlschlag hat begonnen

Rund um das Areal herrscht Entsetzen über die Aktion. Trotz Schutzverordnung konnte der Stadtrat die Bäume nicht retten.
Von Claudia Böken, MZ

Auf dem Areal an der Protzenweiher-Brücke müssen 127 zum Teil sehr große und per Verordnung geschützte Bäume einem neuen Wohngebiet weichen.
Auf dem Areal an der Protzenweiher-Brücke müssen 127 zum Teil sehr große und per Verordnung geschützte Bäume einem neuen Wohngebiet weichen.Foto: Tino Lex

Regensburg.„Baurecht geht vor Baumrecht“. Auf diesen kurzen Nenner bringt Rudolf Gruber, der Leiter des Umweltamts, das, was in diesen Tagen an der Protzenweiher-Brücke geschieht. Dort, auf dem Areal Bäckergasse, lässt die Firma Gruber Projektentwicklung 127 Bäume entfernen, um auf der bisherigen Grünfläche ein neues Wohngebiet bauen zu können.

Amtsleiter Gruber ist darüber so wenig glücklich wie die meisten der Stadträte und Oberbürgermeister Joachim Wolbergs, als sie das Vorhaben im November vergangenen Jahres absegnen mussten. „Zur Realisierung des Bauvorhabens sollen Bäume gerodet werden, nach den eingereichten Unterlagen insgesamt 109 Bäume erster und 18 Bäume zweiter Wuchsordnung“, hieß es damals in der Beschlussvorlage. Unter die Baumschutzverordnung fielen davon 59 Laub- und sechs Nadelbäume. Als „erhaltenswert“ waren im Vorfeld zwölf Bäume eingestuft worden, eine große Zahl weiterer Bäume galt als „bedingt erhaltenswert“.

Baurecht durch Wettbewerb

Ein Ermessensspielraum war den Stadträten dabei nicht geblieben, auch wenn die ÖDP und Die Linke gegen das Bauvorhaben stimmten. Baurecht war nämlich bereits im April 2014 noch unter dem damaligen Oberbürgermeister Hans Schaidinger geschaffen worden, ohne dass der Stadtrat davon das Geringste erfahren hatte. Der kam erst ein halbes Jahr später, fast zufällig, ins Spiel, weil der Investor bei der Bebauung nicht den Entwürfen des Wettbewerbsiegers sondern des Zweitplatzierten folgen wollte.

Der überzeugte Baumschützer Dr. Hans Göpfert erregte sich in einem Schreiben an die MZ, dass das Bauvorhaben die Zustörung einer grünen Insel zur Folge habe. Als „Hohn“ bezeichnete er es, dass die Stadt sogar die Fällung von Bäumen zulasse, die nach der Baumschutzverordnung unter ihrem Schutz stünden. Er bezweifelt, dass sich die jetzige Stadtregierung an die Entscheidung der Vorgänger-Regierung hätte halten müssen.

Sehr viel differenzierter sieht das der Bund Naturschutz, bei dem natürlich auch Trauer über die Bäume, die bereits gefällt sind oder der Motorsäge noch zum Opfer fallen werden, herrscht. Für Vorsitzenden Raimund Schoberer ist klar: „Der Stadtrat stand praktisch vor einer vollendeten Maßnahme.“ Hätte er trotz des bestehenden Baurechts anders entschieden, hätte der Bauherr Regress fordern können. „Der BN weiß, dass die Entscheidung an der Bäckergasse nicht der Agenda von Rot-Grün entspricht“, macht er klar. Er erinnert an die unter der Koalition gefundene gute Lösung an der Schillerwiese, die er als Beleg für deren Einstellung zu Natur und Umwelt wertet.

Bäume gegen Autoabgase

Für Schoberer wäre gerade an der Kreuzung Frankenstraße Grün wichtig – wegen seiner Filterfunktion gegen Abgase und Feinstaub, die das enorme Verkehrsaufkommen dort mit sich bringe. Sein Wunsch ist jetzt, dass die Ausgleichsbäume wenigstens ortsnah gepflanzt werden. Der BN-Vorsitzende könnte sich vorstellen, dass dafür im Zuge des Hochwasserschutzes auch das Regenufer geeignet sei. Für die Zukunft wünscht er sich, dass es in Regensburg einen Grünaktionsplan gibt, der es ermögliche, auch kleine Grünflächen zu schützen.

Die Firma Gruber Projektentwicklung muss laut Auflage der Stadt Ersatzpflanzungen vornehmen: 174 Bäume der ersten und 18 Bäume der zweiten Wuchsordnung. Tatsächlich sieht der Investor wohl nur 33 Bäume auf dem Grundstück selbst und 25 Bäume auf dem südlichen Grundstücksbereich vor.

Laut Stadt bleibt damit ein Ersatzdefizit von 134 Bäumen. Die Firma Gruber hat beantragt, als Ersatz auch eine extensive Dachbegrünung auf den Neubauten sowie Pflege- und Sicherungsmaßnahmen an Bäumen auf dem südlichen Grundstücksbereich gelten zu lassen und dadurch das Defizit zu reduzieren, das die Firma gegenüber der Stadt Regensburg ablösen will. Laut Umweltamts-Chef Rudolf Gruber kommt das Geld in so einem Fall auf das sogenannte „Grün-Konto“ der Stadt, das für Pflanzungen, aber auch für spezielle Baum-Pflegemaßnahmen verwendet wird.

Die Vorgeschichte

  • Wettbewerb:

    Im März 2014 führte die Firma Gruber Projektentwicklung für das 6760 Quadratmeter große Grundstück einen Realisierungswettbewerb durch.

  • Bauvoranfrage:

    Am 15. April 2014 reichte der Investor die Bauvoranfrage für den Bau von drei Wohngebäuden und einem Gewerbehaus mit Tiefgaragen ein.

  • Der Stadtrat erfuhr von dem gesamten Vorhaben erst im Dezember 2014, als der Investor eine neue Planung einreichte.

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