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Menschen

Auf der Tartanbahn sind sie ein Team

Sport verbindet: Zum Welt-Down-Syndrom-Tag erzählen Mitglieder der Integrativen Laufgruppe Regensburg von ihrer Motivation.
Von Gabi Hueber-Lutz, MZ

Drei, die sich mögen: Jakob (rechts) und Felix legen viel Wert auf das Urteil ihrer Trainerin Heike Haas.
Drei, die sich mögen: Jakob (rechts) und Felix legen viel Wert auf das Urteil ihrer Trainerin Heike Haas. Foto: Hueber-Lutz

Regensburg.Mittendrin statt nur dabei. Wer den 14-jährigen Julius bei seinem Training in der Gruppe beobachtet, weiß, was gemeint ist. Da kümmern sich nicht einfach Menschen ohne Behinderung um solche mit Behinderung, sondern hier entsteht eine Gemeinschaft, die sich mag und achtet. Die Freude am gemeinsamen Sport ist mit Händen zu greifen.

Julius läuft mit andern Jugendlichen in der Integrativen Laufgruppe Regensburg des LLC Marathon. Jede Woche trainieren sie am Westbadweiher oder auf der Anlage am Weinweg. Julius läuft einem großen Ziel entgegen: Er wird an den Special Olympics in Hannover teilnehmen, den Olympischen Spielen für Menschen mit geistigen Behinderungen. Dort tritt er im Staffellauf an.

Julius beginnt später zu Laufen

Kaum zu glauben, dass Julius noch nicht laufen konnte, als er in den Kindergarten kam. Heute pflügt er über die Tartanbahn. „Es ist unglaublich schön zu sehen, wie er sich entwickelt und wie ihn das stärkt“, sagt seine Mutter Annette Purschke. Sie ist Ansprechpartnerin der Elternrunde Down-Syndrom Regensburg. Anlässlich des heutigen Welt-Down-Syndrom-Tags haben sie ein Video gedreht, das eine klare Botschaft der Kinder und Jugendlichen aus Regensburg vermittelt: „Wir sind mittendrin!“ – beim Sport, im Kindergarten, in der Gemeinde.

Sehen Sie hier den Film, den die Elternrunde Down-Syndrom Regensburg zum Welt-Down-Syndrom-Tag 2016 produziert hat:

Welt-Down-Syndrom-Tag

Klar kennt auch Julius den inneren Schweinehund, dem das Wetter nicht gefällt und der lieber auf der Couch bleiben möchte. Und genauso wie andere Sportler muss er diesen Schweinehund überwinden. Da legt seine Familie Wert darauf. Sport sei für jeden wichtig. Und Annette Purschke möchte ihrem Sohn vermitteln, dass Anstrengung dazu gehört, wenn er etwas erreichen will.

„Es gibt immer Lösungen, das hat uns Julius gelehrt.“

Annette Purschke
Julius (links) und Felix bei der Übergabe des Staffelstabs: Im Sommer starten sie bei den Special Olympics in Hannover.
Julius (links) und Felix bei der Übergabe des Staffelstabs: Im Sommer starten sie bei den Special Olympics in Hannover. Foto: Hueber-Lutz

Bevor die Gruppe an diesem Trainingstag losspurtet, will Julius unbedingt noch etwas erzählen: Seine Freundin Rieke – während er spricht, formt er mit den Händen ein Herz – ist im Moment nicht da. Sie ist in Frankreich und Julius vermisst sie. Er grübelt, dann fällt dem Jungen das Wort „Porsche“ ein und Julius strahlt, als ob Rieke dank dieser Idee vor ihm stehen könnte. Seine Mutter kennt das: „Es gibt immer Lösungen, das hat uns Julius gelehrt.“

Trainerin Heike Haas klappert mit den Staffelstäben. Los geht’s! An die 50 Leute hat die Gruppe. Jeder ist anders. Unterschiedliche Krankheiten haben die jungen Leute und ihre Eltern auf unvorhergesehene Lebensbahnen geschickt. In der Gruppe spielt das keine Rolle. Die Mitglieder kennen sich. Jeder weiß, dass der eine ausgesprochen herzlich und mit offenen Armen auf sein Gegenüber zugeht. Und dass sich der andere lieber mehr am Rande des Geschehens hält. Jeder hat seine eigene Leistungsgrenze. Auch die Eltern kennen sich, die Betreuer sind Vertraute und die Stimmung am Rand des Westbadweihers erinnert an das freudige Wiedersehen einer Großfamilie.

Trotzdem soll das Training die jungen Sportler fordern. Deshalb wird ein Teil von ihnen an diesem Tag mit mehreren Betreuern auf eine längere Runde um den Westbadweiher geschickt. Der andere Teil läuft mit Heike Haas zum Sportstadion am Weinweg, um auf der Bahn zu trainieren.

Julius’ Bruder Maxi ist auch mit von der Partie. Der Achtjährige dreht schon mal eine Solorunde auf der Tartanbahn, bis sein großer Bruder mit der Gruppe der anderen Jugendlichen antrabt. Jeder in seinem Tempo.

Heike Haas hat mit der Leitung der Gruppe zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Ihr Hobby, das Laufen, hat sie mit dem Wunsch nach ehrenamtlichem Engagement verbunden. Eine sehr fruchtbringende Verbindung. Heike Haas ist die Trainerin, was sie sagt, das gilt. Deshalb demonstrieren Julius und sein Trainingspartner Felix für unsere Zeitung nach ihrem Training auch noch mehrmals wie gut sie die Übergabe des Staffelstabs beherrschen, als Heike Haas sie darum bittet.

Läufer sind bestens integriert

Jede Woche wird trainiert.
Jede Woche wird trainiert. Foto: Hueber-Lutz

Kooperationspartner der Gruppe ist die Offene Behindertenarbeit der Caritas. Sie unterstützt die Gruppe mit begleitenden Läufern. Denn jeder Jugendliche braucht mehr oder weniger individuelle Unterstützung und nicht immer können die Eltern mitlaufen. Eva, 17 Jahre alt, ist zum Beispiel schneller unterwegs als die Eltern. Viktoria und Bernd Sukelis sind gerne dabei und freuen sich zu sehen, wie wohl sich ihre Tochter fühlt. „Eine super Einrichtung. Tolle Gruppe, tolle Leute“. Einige der Läufer, wie zum Beispiel Felix, starten auch noch in den anderen Gruppen des LLC. Ein Jahr hat sein Vater Robert Kulisch ihn zu den Läufen in anderen Gruppen begleitet. Dann war der Sohn so gut integriert, dass seine Mitläufer genau wussten, worauf sie achten müssen. Zum Beispiel darauf, dass Felix Unterstützung braucht, wenn sie dem Straßenverkehr nahe kommen. Mittlerweile gebe er seinen Sohn da sehr beruhigt ab, sagt der Vater. Und für Annette Purschke bestätigt diese Geschichte eine Erfahrung, die sie mittlerweile oft gemacht hat: Wenn die Berührung zwischen behindert und nicht-behindert erst einmal hergestellt sei, sei der Rest oft sehr einfach.

Nach einer Stunde ist das Training beendet. Der 23-jährige Jakob hebt die Hand, klappt Zeige- und Mittelfinger zusammen und auseinander. Die Gruppe weiß Bescheid, Jakob geht jetzt dann Sushi-Essen. Die beiden Finger sind die Stäbchen. Jedes Mal kämpft er mit diesen Dingern, probiert es immer wieder, bis es ihm zu bunt wird, erzählt sein Vater. Dann nimmt Jakob ein Stäbchen und spießt die kleine Reisrolle damit einfach auf. Egal ob Tartanbahn oder Alltag – es gibt eben immer eine gute Lösung.

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