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Wie ein Wander-Prediger im US-Western

Hans Simon-Pelanda kämpft für eine Regensburger Erinnerungskultur. Die Vorbilder liefert ihm die Lektüre seiner Jugendjahre.

Dr. Hans Simon-Pelanda und die Welt der Bücher
Dr. Hans Simon-Pelanda und die Welt der Bücher Foto: altrofoto.de

Regensburg.„Wir sind Gefangene“. Oskar Maria Grafs Gesamtausgabe steht auf Augenhöhe im Regal. Die graue Bücherwand ist wandbreit und deckenhoch. Um an die berühmten Quarthefte des Wagenbach-Verlags rechts oben zu gelangen, bräuchte Hans Simon-Pelanda die Leiter. „6000 weitere Bücher sind im Keller.“ Er ist ein Bücherwurm, aber kein selbstvergessener aus dem Biedermeier, der Spitzweg Porträt gesessen hätte.

„40 Jahre wart ich drauf, dass ich das erzählen kann.“

Eine Stadtamhoferin

Mit seinem langen weichen Silberhaar wirkt er wie ein evangelischer Pfarrer in seinen besten Jahren. Sein Lächeln ist sanft. Aber der 66-Jährige aus dem südlichsten Dorf Frankens, Döckingen, ist katholisch. Er war es zumindest. 1968 hieß das Riff, an dem die klerikalen Hoffnungen zerschellten. Er bekennt: „Ich ging in Eichstätt ins bischöfliche Knabenseminar, wollte eigentlich Pfarrer werden, war Mesner und Hilfsmesner.“ Aber schon mit 17 zog er aus dem Internat und beendete das Gymnasium als Zimmerherr.

Die Tränen einer Stadtamhoferin

Religiöse Motive sind geblieben: Der heilige Zorn und das Erbarmen bestimmten sein Handeln. Simon-Pelanda erinnert sich an die Tränen einer alten Stadtamhoferin. Als 1982 die beiden Interviewerinnen des Geschichtsprojekts der Fachschule für Wirtschaft vor ihr standen und sie nach ihren Erinnerungen an die letzten Kriegstage in Stadtamhof fragten, hat sie geweint: „40 Jahre wart ich drauf, dass ich das erzählen kann.“ Ihre Tränen waren es, mit denen die Gründungsurkunde für die ARGE-KZ Flossenbürg geschrieben wurde. Die alte Dame erzählte von Männern in dünnen gestreiften Anzügen, die jeden Tag in Holzschuhen über die Steinerne Brücke Richtung Rangierbahnhof klapperten.

„Dass ich das erleben durfte“: Hans Simon-Pelanda und zwei Bischöfe am 23. April hinter einem gemeinsamen Transparent;
„Dass ich das erleben durfte“: Hans Simon-Pelanda und zwei Bischöfe am 23. April hinter einem gemeinsamen Transparent; Foto: DGB-Jugend

Dr. Simon-Pelanda blickt zurück. Auf 30 Jahre Arbeitsgemeinschaft ehemaliges KZ Flossenbürg, auf 25 Jahre als deren Vorsitzender und auf den größten Erfolg: der erste gemeinsame Gedenkmarsch von Kirche und der Linken am 23. April 2016. Die Verfolgten des Naziregimes (VVN) und die Kirche gemeinsam am 23. April – das war Jahrzehnte lang undenkbar gewesen. „Da gibt es ein tolles Bild, da lauf ich zwischen zwei Bischöfen hinter einem gemeinsamen Spruchband.“ „Im Gedenken an die Nazi-Opfer. Bleibt wachsam“ marschierte die Einheit.

500 Westernhefte gelesen

Wie wurde Simon-Pelanda, was er ist? Er hätte ja auch ein sogenannter „Revanchist“ werden können. Allein die Art, wie seine Verwandten das Wort Heimat aussprachen, ist ihm ein Gräuel. „Hämad unvergessen“, zitiert das Kind schlesischer Flüchtlinge. Es wurde 1950 als Hans Simon geboren und wuchs bei seinen Großeltern in Döckingen auf, einem mittelfränkischen Nest, das er als das Ende der Welt empfand. Er sagt, er habe in diesen Jahren praktisch keine Verbindung zur Außenwelt gehabt. So habe er sich in die einzige Welt geflüchtet, die ihm blieb: das Buch. In zweieinhalb Monaten habe er lesen gelernt. Mit acht Jahren las er „Kampf um Rom“, mit 15 hatte er 42 Karl-May-Bände gelesen. Hans Simon bekennt sich als Westernfan. „Ich habe ungelogen 500 Westernhefte gelesen. Kaum einen Western, der im Kino lief, hab ich versäumt.“

Laut Wikipedia sind die Akteure in diesem Western-Genre: der gute, wehrhafte Cowboy und der skrupellose Bösewicht. Dieses Schema des Kampfes gegen dunkle Mächte spiegelt sich in vielem, was Simon erlebte. Gegenüber Regensburger Medien schilderte Simon-Pelanda noch vor zwei Jahren seine Position im Kampf für eine angemessene Regensburger Gedenkkultur so: „Ich fühle mich wie ein Wanderprediger in einem US-Western. Ich predige für Liebe, Gewaltlosigkeit und gegen Trunksucht, während sich im Saloon nebenan sturzbetrunkene Cowboys die Schädel einschlagen.“

Auf Cowboy-Art hat er auch das Trauma seines Berufsverbotes verarbeitet. Ein Professor hatte ihn im Ministerium als linken Störer und Angehörigen der Marxistischen Gruppe (MG) gemeldet. Er konnte nicht Gymnasiallehrer für Deutsch, Sozialkunde, Geschichte werden. Hans Simon reagierte darauf mit Kampf. Er entschied sich, zu promovieren. Als Thema wählte er das „Spielmanns-Epos von Herzog Ernst“. Die Handlung: Herzog Ernst wird durch Verleumdung um die Huld seines Stiefvaters, Kaiser Otto, gebracht. Er kämpft im Heiligen Land gegen die Heiden und gewinnt schließlich die Huld des Kaisers wieder zurück. Das war die Blaupause für seinen eigenen Karriereweg – zurück in die Arme des deutschen Staates.

„Colosseum“: Das ehemalige KZ-Außenlager in Stadtamhof
„Colosseum“: Das ehemalige KZ-Außenlager in Stadtamhof Foto: altrofoto.de

Während seiner Promotion schlug sich Hans Simon mit Lehrerjobs durch. Als er stundenweise Lehrer an der Fachschule für Wirtschaft am Peterstor war, beteiligte er sich 1982/83 mit seiner Klasse am Geschichtswettbewerb des Regierungspräsidenten. Das Thema war, wie gesagt, „Die Kriegsjahre 1939 bis 1945.“ Mit der Arbeit über das KZ-Außenlager Colosseum gewann die Klasse den zweiten Preis. Zehn Prozent des Preisgeldes stifteten die Schüler für ein Denkmal in Stadtamhof. Das war die Geburtsstunde der ARGE KZ Flossenbürg.

Die von ihm als eng empfundene „Hämad“ (Heimat) überwand Hans Simon im Internationalismus. 1985 ging er mit seiner Familie weg aus Bayern. Er ließ sich vom deutschen akademischen Austauschdienst (DAAD) für Griechenland gewinnen. Simon-Pelanda blieb bis 1991 an der größten Uni des Landes, in Thessaloniki. Dort erreichte er sein Ziel: Das Berufsverbotsopfer wurde rehabilitiert und Professor.

Schrecken im Colosseum

  • Gedenken:

    Von 19. März bis 23. April 1945 befand sich im Colosseum im Stadtteil Stadtamhof ein Außenlager des Konzentrationslagers Flossenbürg. In den sechs Wochen, die es bestand, kostete es etwa 70 Menschen das Leben: Damit steht das Colosseum für eine höchsten Todesraten aller Außenlager des KZ Flossenbürg. In der Nacht auf den 23. April 1945 wurde das Lager geräumt. Die SS trieb alle gehfähigen Häftlinge auf einen Todesmarsch. Fast 50 Gefangene wurden erschlagen oder erschossen.

  • Als Mahnung

    und um der Opfer des Nationalsozialismus an diesem Ort zu gedenken, hat die Stadt Regensburg in Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte Flossenbürg Gedenkstelen entworfen, die am Brückenkopf der Steinernen Brücke aufgestellt wurden.

  • Zu verdanken

    ist es dem konsequenten Einsatz der Arbeitsgemeinschaft ehemaliges KZ Flossenbürg. Sie ging aus dem „DGB-Jugend Arbeitskreis Geschichte“ und der „Geschichtswerkstatt Regensburg und Ostbayern“ hervor. Die wurde 1984 nach der Entdeckung des KZ-Außenlagers gegründet.

Im Präsidium des Goethe-Instituts

Dennoch war die griechisches Stadt nur eine Station zu seinem Ziel, Referent für deutsche Landeskunde in der Zentrale des Goethe-Instituts zu werden. Er war für Mittel- und Osteuropa zuständig, bereiste aber im Auftrag der Lehrerfortbildung praktisch jeden Kontinent mehrmals. Dazu konzipierte er den Pavillon des Goethe-Instituts auf der Expo in Hannover. Nach einer Zeit in Prag kehrte er 2010 in die Münchner Zentrale zurück. Als Vertreter der Arbeitnehmer gelang Simon-Pelanda das Undenkbare: Er beendete seine Karriere als Präsidiumsmitglied des Goethe-Instituts, des kulturellen Aushängeschildes Deutschlands im Ausland.

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