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Menschen

Das Fenster zur Margaretenau

Gerhard Kulig war Kreisvorsitzender des DGB, SPD-Stadtrat und ist immer noch ein Kümmerer im Regensburger „Gemeindebau“.
Von Helmut Wanner

Leben im ehemaligen Konsum, Margaretenau 31: Im Sommer benutzt Gerhard Kulig das Fenster als Briefkasten. Foto: Wanner
Leben im ehemaligen Konsum, Margaretenau 31: Im Sommer benutzt Gerhard Kulig das Fenster als Briefkasten. Foto: Wanner

Regensburg.Margaretenau 31. Bei manchen Leuten ist das noch immer die Adresse des Konsumladens. Man klingelt nicht. Man klopft nicht an. „Herr Kulig, die Post!“, ruft eine Frauenstimme. Im braunen Rahmen des Fensters erscheint Gerhard Kulig, der Stadtteilkümmerer. Sein Gesicht ist glattrasiert und unbekümmert. Kulig zeigt sein Buddha-Lächeln. Es ist Sommer in der Margaretenau.

Die Verdi-Mitgliederzeitung „Publik“ wird zum offenen Fenster herein gereicht. „Das ist mein Sommerbriefkasten“, sagt Gerhard Kulig. Er trägt graues Hemd, weiße Hose und atmet glorreiche Vergangenheit: SPD-Stadtrat (1984 bis 2002), DGB-Kreisvorsitzender (1978 bis 1998) und Aufsichtsrat der Margaretenau (1979 bis 2012), lange Zeit war er deren Vorsitzender. Der Mann war mal was. Und Kulig ist – die graue Eminenz der Margaretenau.

„Ich habe immer noch das Ohr am Geschehen“. Der 77-Jährige rollt das „r“ auf unnachahmliche Weise – es klingt rund und behaglich. Seine Stimme passt zum Ambiente. Ringsum steht wohnliches Ikea aus der Gründerzeit, als „der Schwede“ bei seinen Möbeln noch helles Echtholz verwandte.

Hier regiert die SPD

Sie sind ehemalige Setzerkollegen: Gerhard Kulig trifft seinen Nachbarn Heinz Conrads. Foto: Wanner
Sie sind ehemalige Setzerkollegen: Gerhard Kulig trifft seinen Nachbarn Heinz Conrads. Foto: Wanner

Furnierlos ist auch der Mann, der hier wohnt. Wenn sich die Sozialdemokratische Partei Deutschlands irgendwann auf die Suche nach ihrer einstigen Stärke begeben sollte, dann bitte nicht versäumen, in der alten Gartenvorstadt im Regensburger Westen zu klingeln. Hier regiert die SPD, jedenfalls die Idee davon. Was machen die Alten dort besser? Die einstigen Funktionäre wohnen und leben im Milieu. Ja, sie leben gut, aber sie tun auch was für Menschen wie du und ich – und dies bis zum letzten Atemzug. Der Widerstandskämpfer und Alt-Bürgermeister Hans Weber (1912 bis 2003) war einer von ihnen.

Klingeln Sie auch bei den Nachbarn von Gerhard Kulig und erfahren Sie mehr über das Leben in der Margaretenau:

Er hat stets Genossen in der Genossenschaftssiedlung „untergebracht“, wie den Vater von Heinz Conrads, den ehemaligen Betriebsratsvorsitzenden der MZ. Der Rentner lebt schon immer im Viertel. Gerhard Kulig dagegen ist hier angeflogen. Der gelernte Schriftsetzer, der unter anderem beim Tagesanzeiger und in der Mittelbayerischen Zeitung gearbeitet hatte, ließ sich als junger Mann den Wind um die Nase wehen. Kulig arbeitete in Druckereien in Stockholm, Tonbridge (Südengland) und in der Schweiz, ehe er dann in Frankfurt auf die Gewerkschaftsakademie zum Studieren ging. 1973 kehrte der Sohn eines schlesischen Eisenbahners aus der Düsseldorfer DGB-Zentrale in die Heimat zurück. Er wurde Bezirkssekretär der IG Druck und Papier und zog in die neue Häuserzeile der Margaretenau in der Friedrich-Ebert-Straße 15 a. Acht Jahre später wanderte der – jetzt schon – DGB-Kreisvorsitzende „hinunter in die alte Margaretenau“. Der Konsumladen, der nicht mehr zu vermieten war, war zur Wohnung umgebaut worden. „Ich suchte die Nähe zur Stadt, zur Haltestelle der Linie 1, zum Stammtisch im Kneitinger.“ Und die Nähe zu den Menschen.

„Ich habe mich immer als Mitgestalter begriffen.“

Gerhard Kulig

Vom Fenster aus sieht Gerhard Kulig auf den ältesten Baum der Au: Die Linde ist 100 Jahre alt. Foto: Wanner
Vom Fenster aus sieht Gerhard Kulig auf den ältesten Baum der Au: Die Linde ist 100 Jahre alt. Foto: Wanner

Nun sitzt er mitten in der einstigen Gemüseabteilung des „Konsums“ vor einem Aktenordner und blickt einen an wie die Mutter der Margaretenau. „Mich hat die Margaretenau nicht nur als Bewohner interessiert, sondern mich interessierten die Entwicklungen im Viertel“, beginnt er. „Ich habe mich immer als Mitgestalter begriffen.“

Um sich zu konzentrieren, schließt Kulig die Augen, jedes Wort sitzt: 1984 hat er den Kauf der 78 Eisenbahnerwohnungen am Eisbuckel mitbeschlossen und sie so vor der Privatisierung gerettet. 1998 wurden weiter 26 Wohnungen vor einer drohenden Privatisierung gerettet. Die Margaretenau ist mit dem gemeinnützigen Bauverein Donaustauf verschmolzen. Wichtig ist ihm, dass unter seiner Ägide die soziale Verpflichtung in die Satzung der Margaretenau geschrieben wurde. Dass US-Bomben in der Margaretenau keinen Schaden angerichtet haben, dafür kann er nichts. Aber dass sich die Hedgefonds am Viertel die Zähne ausbeißen werden, dafür steht Kulig wie jener Hipp aus der Kindernahrungswerbung mit seinem Namen.

Über 45 Jahre nun schon ist Gerhard Kulig in der Margaretenau. Seit 11. Dezember 1972 wird er in der Mitgliederliste der Genossenschaft geführt. Was gefällt einem Mann mit dieser globalen Erfahrung an einem homogenen Quartier, wo hinter jeder wehenden Gardine ein wachsamer Nachbar steht? „Die Ruhe, die Qualität des Wohnens. Das ganze Ensemble. Keine Hochhäuser. Es hat doch noch eine menschliche Atmosphäre das Ganze.“

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Die Rose aus dem Gemeindebau

Das mächtige Querhaus mit dem 1925 erbauten Glockenturm, das sich zwischen Margaretenau und Lindenplatz schiebt, erinnert auch ihn an einen Wiener Gemeindebau. Der Turm schlägt mittleren und kleinen Beamten, Arbeitern und mittleren bis kleinen Angestellten jede Viertelstunde. Beppi Zimmermann, Chef des Ordnungsamts und Almanach-Herausgeber, liebte dieses Milieu. Er hatte hier gewohnt. Von ihm bekam der junge Kulig manche Biermarke für die Dult.

Trotz aller Nostalgie: Die Margaretenau soll kein Sozial-Museum sein. Kulig freut sich, dass der Generationenwechsel im Viertel langsam spürbar wird, wie er am Spielplatz hinter seinem Haus merkt. „Die Älteren bilden noch die Mehrheit, aber es kommen Familien nach. Diese Struktur sichert die Zukunft der Genossenschaft.“ Die Wohnungspolitik der Margaretenau setzt auf Modernisierung und energetische Sanierung, um auf dem Wohnungsmarkt attraktiv zu bleiben.

Dass es zwischen Arnulfsplatz und Margaretenau keinen einzigen Metzger mehr gibt, hat ihn auch gekümmert. „Wir wollten auf dem Gelände des alten Jahnstadions auch ein kleines Nahversorgungszentrum initiieren, sind aber damit nicht durchgedrungen“.

Die Margaretenau

  • Name:

    An der Ecke Margaretenau-Prüfeninger Straße ist rechter Hand, am Gebäude Margaretenau 2, eine Inschrift angebracht, die auf das Entstehungsjahr verweist: „1919 Siedelung Margaretenau“.

  • Wahrzeichen:

    Das Wahrzeichen der Genossenschaft aber ist der 1925 erbaute Glockenturm, von den Bewohnern der Margaretenau schlicht „der Turm“ genannt. Er befindet sich oberhalb des Torbogens über der Margaretenau.

Lesen Sie zu diesem Thema auch: Die Margaretenau wird in diesem Jahr 100. Die MZ nimmt dies zum Anlass für eine kleine Serie. Alle Teile der Serie lesen Sie hier.

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