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Die Prinzessin aus der Margaretenau

Auf dem Fensterbrett ist Elfi Hagen das erste Mal auf eigenen Füßen gestanden. Noch heute beobachtet sie von hier die Welt.
Von Helmut Wanner

„Mein Platz am Fenster“: Elfi Hagen liebt ihn seit 79 Jahren.Foto: Georg Bretz
„Mein Platz am Fenster“: Elfi Hagen liebt ihn seit 79 Jahren.Foto: Georg Bretz

Regensburg.Was ist schon ein Balkon? Der ist doch Standard. Elfi Hagen aber sagt, „der Balkon ist mein Höchstes“. Nicht nur, weil er ihr Fenster zum Hof ist, ihr Vogelparadies für Amsel, Meise, Eichelhäher, die sie mit Pinienkernen, Sonnenblumenkernen und Weinbeerln anlockt. Er ist ihre Brücke zur Kindheit. Hier war mal ihr erster Ausguck, ihr Fensterbrett. Unter diesem Fenster bekam sie ihren ersten Kuss. „Und die Mutter hat von oben herunter gerufen, Elfi zieh dir eine Weste an, es wird schon kühl.“

Elfi Hagen ist die Prinzessin von der Margaretenau. Zumindest war sie es für ihre Eltern und Großeltern, die hier unter einem Dach zusammengewohnt haben. 1939 ist sie in die Wohnung Lindenstraße 21, I. Stock, hineingeboren worden. Den ersten Schrei hat sie freilich jenseits der Prüfeninger Straße bei den Barmherzigen Brüdern getan.

Ihre Eltern wohnten seit 1928 in der bezuschussten Postbedienstetenwohnung, also fast von Anfang der Margaretenau an. Sie hat in den fast 80 Jahren auch nie woanders gewohnt als in dieser 68 Quadratmeter-Wohnung mit Blick auf die Dechbettener Brücke und die Skyline von Königswiesen Nord, das früher noch ein landwirtschaftliches Gut war und ein Schlittenberg. „Lange hab ich ihn mir gewünscht, den Balkon. 2001 habe ich ihn gekriegt. Schon als Kind bin ich an diesem Fenster auf dem Fensterbrettl gestanden.“

Spätes Elternglück

An Stelle des Fensters wurde 2001 der Balkon eingebaut. Er ist für Elfi Hagen „mein Höchstes“. Foto; Wanner
An Stelle des Fensters wurde 2001 der Balkon eingebaut. Er ist für Elfi Hagen „mein Höchstes“. Foto; Wanner

Elfi Hagen ist das lang ersehnte erste Kind der Rhönradfahrerin Käthi und des Post SV-Gründervaters, Postoberinspektor Georg Bretz. Über 20 Jahre stellte sich beim sportlichen Paar kein Nachwuchs ein. Der Heilpraktiker half. „Meine Mutter war schon 43 Jahre, als ich kam.“ Am 14. März 1939 ist Elfi geboren. Die Freude war riesengroß. Deswegen hat ihr Vater alle Stationen seines einzigen Kindes mit der Leica dokumentiert. Für jedes Lebensjahr wurde ein Fotoalbum angelegt. Georg Bretz hat die Filme in der Wohnung selbst entwickelt und abgezogen.

Klingeln Sie auch bei den Nachbarn von Elfi Hagen und erfahren Sie mehr über das Leben in der Margaretenau:

Die gestochen scharfen Schwarzweiß-Aufnahmen offenbaren dem Betrachter Oasen des Friedens, dabei zeigen sie die Margaretenau mitten im Zweiten Weltkrieg. Da ist die erste Ausfahrt im geflochtenen weißen Kinderwagen auf der Allee in Richtung Prüfening. Beim Spaziergang mit dem Vater über die Dechbettener Brücke hält sich die kleine Elfi am Lederband an seiner kurzen Lederhose fest. Ein Foto zeigt sie mit kesser Haarlocke, wie sie auf dem Fensterbrett steht und in den Hof schaut.

„Die Margaretenau war lange Zeit die Bretz-Au, dann war es die Hagen-Au, weil drei Brüder von mir da gewohnt haben.“

Hans Hagen

Das Stück Welt, das dieses Fenster von Elfi Hagen herausschneidet, ist klein. Der Blick geht noch immer ins Grün der Kleingärten der Margaretenau, die an die Gärten der Ratisbona angrenzen. Im Gartenstück wird nicht mehr Tabak angebaut. Georg Bretz, der Gesellschaftsmensch, wollte in der schlechten Zeit etwas zum Rauchen haben. Unter diesem Fenster haben sich all die Veränderungen abgespielt, die auch in der großen Welt wirksam wurden. Es stehen noch die Wäschestangen im Hof, aber es ist still geworden um sie. „Früher war da Kinderlärm und Kinderlachen. 50, 60 Kinder haben im Hof gespielt. Man hat sich von Fenster zu Fenster zugerufen: Gehst obi?“

Elfi Hagen hat auch noch den Ton im Ohr, als die Tiefflieger über den Bahnanlagen „runtergegangen sind“. „Ich war draußen im Hof und eine Nachbarin hat mich gerade noch in den Luftschutzkeller gezogen.“ Links und rechts der Margaretenau lagen die Angriffsziele der Alliierten: Die Messerschmitt-Flugzeugwerke und der Hauptbahnhof waren mehrmals schwersten Bombardements ausgesetzt. Die Margaretenau hatte offenbar einen Schutzengel. So nennt Elfi Hagen ihre Kindheit dort die „schönste“.

Die Prinzessin aus der Margaretenau

Ein guter Platz zum Altwerden

Die einstige kleine Gartenvorstadt zwischen Westumgehung und Bahnanlagen ist ein guter Platz zum Altwerden. Hans Hagen, der hier 1962 eingeheiratet hat zu Schwieger-Großmutter, Schwiegervater und Schwiegermutter, meint, das liege an der guten Luft. Elfi Hagen kann das nur bestätigen. „Die Oma starb mit 96. Papa wurde 95, Mama 90. Alle haben sie bis zuletzt im Haus gewohnt, meine Eltern seit 1964 in einer eigenen Wohnung.“ Elfi und Hans Hagen leben mit 79 bzw. 82 Jahren noch immer gerne da, weil Papa und Mama Bretz für das geliebte Nesthäkchen die Wohnung geräumt haben und über den Flur gezogen sind.

„Kann man es schöner haben?“, fangen die Leute bei Zitronenrolle und Kaffee zum Schwärmen an? „Na, gewiss ned. Wir fahren zwar in Urlaub, aber wir kommen immer wieder gerne heim.“ Vor allem vermissen sie ihre Vögel. Die klopfen ans Fenster, wenn keine Körner mehr in der Schale sind. Einmal stand Hans Hagen mit Freunden unten bei den Wäschestangen und „so a Moaserl“ ist vom Baum herab auf seine Hand geflogen. „Ein wilder Vogel so zahm!“ Beim Erzählen kommen dem ehemaligen Saxofonisten des KTO-Kolpingtanzorchesters unter Sigi Fohringer noch immer fast die Tränen.

Sogar die Busstation der Linie 1 muss sich die Margaretenau mit den Barmherzigen Brüdern teilen. Die Margaretenau haut nicht aufs Blech, aber wenn man hier eintaucht, entdeckt man ein Stück der guten alten Zeit des sozialen Zusammenhalts. Es ist noch nicht allzu lange her, da ist Elfi Hagen jeden Ersten mit dem Mietbücherl ins Parterre und zahlte bei der Verwaltung die Miete ein. „Mit dem Körbl haben wir Milch, Brot und Butter vom Lebensmittelhändler Karl, gleich unter uns, hochgezogen“, erinnert sich Elfi Hagen. Nebenan war „der Rauscher, der sauberste Metzger der Stadt“. Hans Hagen spricht selig vom kurzen Weg ins große Glück, die Gaststätte der Ratisbona, gleich ums Eck. Das Kleingartenparadies beginnt in der Lindenstraße 1. Mit seinen Freunden saß er dort manchen Freitagabend beim Bier, und er erinnert sich an die Stimmung, wenn sie in ganzer Breite des Weges nach Hause gegangen sind. Hier kämpften Familiendynastien friedlich um die zahlenmäßige Vorherrschaft. Hans Hagen sagt: „Die Margaretenau war lange Zeit die Bretz-Au, dann war es die Hagen-Au, weil drei Brüder von mir da gewohnt haben.“ Am Lindenplatz auf Nummer 1 lebte der Bretz Hans. Der Rechtspfleger gilt als der eigentliche Gründer des Regensburger Almanachs. Er hatte 1967 die Idee dazu in der Gaststätte Justizpalast geäußert. Der Bretz Hans und Georg Bretz stammten aus derselben Spenglerei aus der Engelburgergasse. Sie waren stadtbekannt: Georg hatte den Post SV aus der Taufe gehoben und war beim SSV Jahn ein Ereignis: „Der riesengroße schwarze Schnauzer, den mein Vater dabei hatte, hat bei den Heimspielen im Jahnstadion den Ball geholt“, weiß Elfi Hagen, das Nesthäkchen. Es hat ihr Nest in der Au nie verlassen müssen.

Lesen Sie zu diesem Thema auch: Die Margaretenau wird in diesem Jahr 100. Die MZ nimmt dies zum Anlass für eine kleine Serie. Alle Teile der Serie lesen Sie hier.

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