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Spendenaffäre

Der SSV Jahn sieht sich als „Spielball“

Christian Keller, der Geschäftsführer des Regensburger Drittligisten, skizziert die Folgen der Spendenaffäre für den Verein.
Von Heinz Gläser, MZ

Sie überbrachten einst die frohe Kunde von der Rettung des SSV (von links): Rechtsanwalt Hans Bauer, der vorläufige Insolvenzverwalter, Immobilienunternehmer Volker Tretzel und OB Hans Schaidinger
Sie überbrachten einst die frohe Kunde von der Rettung des SSV (von links): Rechtsanwalt Hans Bauer, der vorläufige Insolvenzverwalter, Immobilienunternehmer Volker Tretzel und OB Hans Schaidinger Foto: Lex

Regensburg.Herr Keller, fließen aktuell noch finanzielle Zuwendungen des langjährigen Jahn-Gönners Volker Tretzel?

Den Begriff Zuwendungen muss man relativieren und differenzieren. Es gab in den vergangenen Jahren dreierlei Geldflüsse seitens des Bauteams Tretzel (BTT/d. Red.) in Richtung SSV Jahn. Erstens klassisches Sponsoring, wie es bei unseren rund 210 anderen Partnern ebenso der Fall ist. Der Jahn räumt im Gegenzug Werbe- und Hospitalityrechte ein, es handelt sich also um keine Zuwendung, sondern um ein Geschäft auf Basis von Leistung und Gegenleistung.

Und die anderen Geldflüsse?

Herr Tretzel hat uns außerdem Kapital zur Verfügung gestellt, zum einen Darlehen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt zurückzuzahlen waren. Der zweite Zweig der Kapitalbereitstellung war Eigenkapital, das Herr Tretzel in die Jahn Regensburg GmbH & Co. KG auf Aktien, in die der Profispielbetrieb seit 2009 ausgegliedert ist, eingebracht hat. Anders formuliert: Er hat Anteile an der KGaA erworben.

Von welcher Größenordnung sprechen wir?

Jahn-Geschäftsführer Christian Keller. Foto: Eibner
Jahn-Geschäftsführer Christian Keller. Foto: Eibner

Herr Tretzel hält 7,225 von insgesamt 8,04 Millionen Euro Stammkapital der KGaA, also sprechen wir grob von 90 Prozent. Das ist keine sensible Zahl, sie ist in unseren publizierten Geschäftsberichten bzw. im Handelsregister einsehbar. Nun war es in der Vergangenheit bisweilen so, dass der SSV Jahn von Herrn Tretzel gewährte Darlehen nicht zurückzahlen konnte. Dann wurde über eine Kapitalerhöhung das Darlehen bedient. Herr Tretzel hat damit seine Anteile am Unternehmen verbreitert. Das war eigentlich ein Standardvorgang.

Standard im normalen Geschäftsleben oder speziell Standard beim SSV Jahn?

Das ist ein Vorgang, der sicherlich in der Wirtschaft kein Einzelfall ist. Aber zugegeben: In Bezug auf das Geschäftsgebaren beim Jahn war das ein Standardvorgang.

Bleibt die dritte Form des Geldflusses von Seiten BTT.

Genau, und in diesem Fall sprechen wir wirklich von Zuwendungen, nämlich von Spenden. Seit der Umwandlung in eine Kapitalgesellschaft 2009 sind kaum mehr Spenden geflossen. Davor war der Jahn ein klassischer e.V., und nur so ein eingetragener Verein kann Spenden annehmen und entsprechende Quittungen ausstellen. Bei allen Verträgen, die der Jahn seit 2009 geschlossen hat, war immer die Kapitalgesellschaft Vertragspartner von BTT, nicht mehr der Verein. Der Jahn Regensburg e.V. hat aktuell gegenüber BTT keinerlei Verbindlichkeiten mehr.

Spenden des BTT fließen also nicht mehr. Wie sieht es in puncto Sponsoring aus?

Wir haben mit Herrn Tretzel aktuell einen Sponsoring-Vertrag über drei Jahre, abgeschlossen zur Saison 2015/16. Die Verbindung ist auch für Außenstehende leicht daran zu erkennen, dass das BTT in der Sponsoring-Pyramide des SSV Jahn als Premiumpartner gelistet ist. Die finanzielle Größenordnung kann ich Ihnen nicht nennen, das wäre unseren anderen Partnern gegenüber unseriös.

Wie reagieren die Regensburger auf die Spendenaffäre? Wir haben nachgefragt:

Vertrauen Regensburger ihren Politikern noch?

Jeder Jahn-Fan fragt sich aktuell: Wie steht es um den Verein, wenn der Tretzel-Geldfluss im Gefolge der Spendenaffäre versiegt?

Für die Spielzeit 2016/17 fehlen uns prinzipiell bereits freigegebene Mittel in Form eines Tretzel-Darlehens in Höhe von 500 000 Euro. Diese Liquidität war natürlich fest eingeplant, um unseren laufenden Geschäftsbetrieb zu finanzieren. Also müssen wir sehen, woher und wie wir diese halbe Million Euro bekommen. Wir haben ja über die Saison gesehen fixe Verpflichtungen: Gehälter, Lieferanten, Heizung, Wasser, Strom...

Letztere wurden dem SSV Jahn im Jahr 2008 zum Pläsier einer breiten deutschen Öffentlichkeit schon mal abgedreht, weil er seine Rechnungen nicht beglichen hatte.

Genau. Und solch ein Geschäftsgebaren soll endgültig der Vergangenheit angehören. Wir müssen ein solider, seriöser Geschäftspartner sein und all unseren Verpflichtungen nachkommen. Das steht über allem.

An welchen Stellschrauben drehen Sie, um die fehlende halbe Million zu kompensieren?

Wir bemühen uns, die Zuflüsse auf der Sponsorenseite über neue Partner zu steigern. Wir haben heute 210 Partner und 3,5 Millionen Euro Sponsoring-Erlöse. Zum Vergleich: Zum Zeitpunkt des Zweitliga-Abstiegs 2013 waren es noch rund 60 Partner und 1,5 Millionen Sponsoring-Erlös. Für diese breite Unterstützung aus der Wirtschaft sind wir dankbar, aber ich sage ganz klar: Wir müssen in den kommenden Jahren auf 300 Partner und eine Summe von 4,5 Millionen Euro kommen.

Die andere Möglichkeit für den Jahn ist, die laufenden Kosten zu reduzieren.

Richtig. Wir haben im Spielbetrieb – wo immer möglich – massive Einsparungen vorgenommen. Beispielsweise durch die Nichtöffnung von Stadionteilen, Nachverhandlungen mit Dienstleistern usw. Wir waren fleißig, aber das reicht natürlich nicht aus, um eine Lücke dieser Größe zu schließen.

Lässt sich die Lage so zusammenfassen: Die Einschnitte sind sehr schmerzhaft, aber nicht existenzgefährdend?

Das trifft es sehr genau. Ich bin überzeugt, dass wir die Situation meistern werden. Wir drehen ja ohnehin beim SSV Jahn jeden Euro immer fünfmal um, jetzt tun wir das eben zehnmal. Wir sind weiterhin gefordert, jedes Einsparpotenzial zu prüfen, auch wenn Maßnahmen wie die Nichtöffnung von Stadionteilen für Unmut bei den Fans sorgen. Wir hoffen auf größeres Verständnis bei den Anhängern, wenn die Hintergründe nun bekannt werden.

Erklärt sich aus dem finanziellen Engpass auch die Zurückhaltung, was Neuzugänge in der Winterpause angeht?

Der Hauptgrund für die Zurückhaltung bei Transfers ist die Überzeugung, dass wir eine gute Mannschaft und einen breiten Kader haben, mit denen wir die Saisonziele realisieren können. Aber ansonsten definitiv: Finanziell sind uns die Hände gebunden.

Herr Keller, wird man als Verantwortlicher des SSV Jahn irgendwann zum Fatalisten? Auf dem Weg zur Solidität liegen immer wieder Stolpersteine.

Wir sehen uns grundsätzlich auf einem stabilen Weg. Aber natürlich fordert uns die aktuelle Situation, mit der so nicht zu rechnen war. Vor dem Hintergrund der Jahn-Vergangenheit ist ja keine Substanz da, von der wir zehren könnten. Wir haben nicht das berühmte Festgeldkonto des FC Bayern. Allerdings will ich unterstreichen: Wir sind nicht erst betroffen, seit die Spendenaffäre aktuell eine ganz neue Wendung genommen hat. Wir sind von den Ermittlungen bereits seit dem Sommer betroffen, weil die Zahlung von BTT für Mitte August avisiert war.

Der Neujahrsempfang des SSV Jahn wurde von der Regensburger Spendenaffäre überschattet. Klubboss Hans Rothammer bezog klar Stellung.

Wie wirkt sich die Affäre auf das Image des SSV Jahn aus?

Vielleicht klingt es allzu naiv, aber ich bin der Meinung, dass der Jahn nur ein Spielball in diesem Politikum ist. Der Verein an sich hat nichts mit den Vorgängen zu tun. Alle Verträge, die zwischen BTT und dem Jahn geschlossen wurden, sind komplett sauber. Was Herrn Tretzel zu seinem Engagement beim SSV Jahn bewogen hat, darüber mag man spekulieren. Aber dazu kann ich mich nicht äußern, weil ich dazu auch nichts weiß. Wenn dem Jahn jemand auf sauberem Wege Geld gibt, dann ist es nicht an uns, zu hinterfragen, warum er das macht. Wir sind dann einfach froh, dass es dem Jahn zufließt.

Ergeht es dem SSV Jahn wie vielen ambitionierten Profivereinen, die am Tropf eines einzigen Sponsors hängen und eventuell dessen Launen ausgeliefert sind?

Diese Gefahr besteht, da haben Sie vollkommen recht. Und deshalb haben wir es als unser vordringliches Ziel erachtet, den Verein autark zu machen und dem Klub eine breite Basis zu geben. Ein Konstrukt mit lediglich einem großen Gönner ist immer risikobehaftet. Wenn der ausfällt, egal aus welchem Grund, bricht es wie ein Kartenhaus zusammen.

War das Herrn Tretzel bewusst?

Ja. Er hat sich sogar selbst dafür ausgesprochen, die Basis zu verbreitern. Er hat immer betont, dass er den Jahn auf Dauer nicht allein mit seinem Engagement tragen kann. Ich bin zu klein dafür, es gibt am Standort Regensburg Größere, die auch mit ins Boot müssen, so hat er argumentiert.

Lesen Sie hier einen Kommentar von MZ-Sportredakteur Heinz Gläser:

Kommentar

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Dass Politiker in Aufsichtsräten von Profivereinen vertreten sind, ist nichts Ungewöhnliches. Ist in Regensburg die Verbindung Sport-Politik besonders innig?

Natürlich hilft einem Verein die Präsenz von politischen Spitzenvertretern, der Türen öffnen können. Dieses Konstrukt finden Sie in so gut wie jeder Kommune vor, in der Profifußball gelingt. Die Politik fördert den Sportstandort und dabei primär den Fußball als Massensportart schlechthin. Das war und ist in Regensburg nicht anders als in anderen Kommunen. Ich persönlich halte eine Rolle der Politik als Ansprechpartner für unerlässlich bei der Entwicklung eines Sportstandorts. Aber dieses Bekenntnis muss auch von anderen Gruppen kommen: von der Wirtschaft, den Medien, der Öffentlichkeit.

Warum erwarten Sie so ein Bekenntnis?

Profifußball kann ein wichtiger Standortfaktor für eine Kommune sein, das hat auch Herr Tretzel oft betont. Nehmen sie die gezielte Förderung des Fußballstandorts Heidenheim: Die Stadt kennt in Deutschland seit dem Zweitliga-Aufstieg jeder, der sich irgendwie mit Fußball beschäftigt – und das sind 80 Prozent der Bevölkerung. Das neue Stadion in Regensburg ist ja nicht gebaut worden, damit der Jahn darin spielt, sondern damit Regensburg und die Region Ostbayern Profifußball als weichen Standortfaktor anbieten können.

Herr Keller, der Jahn hatte am Donnerstag Besuch von der Staatsanwaltschaft.

Ja, die Kriminalpolizei war da und hat um die Protokolle der Aufsichtsratssitzungen von Kapitalgesellschaft und Verein gebeten. Die haben wir gerne übergeben, weil der SSV Jahn seiner Rolle als Zeuge in diesem Verfahren nachkommen wird.

Die enge Verbindung zwischen dem Rathaus und den Regensburger Traditionsvereinen hat eine lange Geschichte. Lesen Sie hier einen Überblick von MZ-Sportredakteur Heinz Gläser.

Was passierte wann? Die Spendenaffäre in der Chronologie:

Hier finden Sie alle Informationen um die Spendenaffäre.

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