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Im engen Geflecht von Sport und Politik

Die enge Verbindung zwischen dem Rathaus und den Regensburger Traditionsvereinen hat eine lange Geschichte.
Von Heinz Gläser, MZ

Sie überbrachten die frohe Kunde von der Rettung des SSV (von links): Rechtsanwalt Hans Bauer, der vorläufige Insolvenzverwalter, Immobilienunternehmer Volker Tretzel und OB Hans Schaidinger
Sie überbrachten die frohe Kunde von der Rettung des SSV (von links): Rechtsanwalt Hans Bauer, der vorläufige Insolvenzverwalter, Immobilienunternehmer Volker Tretzel und OB Hans Schaidinger Foto: Lex

Regensburg.Es war ein Verfahren, das unterhalb der Wahrnehmungsschwelle einer breiten Öffentlichkeit geführt wurde. Was auch daran lag, dass die ursächlichen Ereignisse damals schon gut zwei Jahre zurücklagen. Der Prozess vor dem Amtsgericht Regensburg endete am 21. April 2010 für Markus S. mit einem schmerzhaften Urteil: zehn Monate Haft auf Bewährung. Der ehemalige Geschäftsführer der Eisbären GmbH, der in seiner Funktion zupackend und gewinnend, aber bisweilen auch sehr dünnhäutig agierte, hatte sich wegen des finanziellen Ruins des Regensburger Eishockey-Zweitligisten Anfang April 2008 zu verantworten.

„Dann kamen die 100 000 Euro“

Es lohnt sich im Lichte der aktuellen Ereignisse, Passagen aus dem damaligen Bericht unseres Medienhauses über den Prozess zu zitieren: „Wenn ich sagte, wir brauchen Geld, war immer welches da. Vier, fünf Gesellschafter haben sich hervorgetan – oder die Stadt“, so die Aussage von S. seinerzeit vor Gericht. Als Geschäftsführer habe er bei finanziellen Engpässen einen Eisbären-Gesellschafter angerufen, „der hat den Oberbürgermeister angerufen, und dann kamen die 100 000 Euro“. S. weiter: „Solange die Protektion da war, fühlte ich mich auf der sicheren Seite. Es hat immer geklappt.“

In den ersten drei Jahren seiner Tätigkeit habe die Eisbären GmbH außerdem ein ausgeglichenes Ergebnis erzielt. „2006/07 war die erste Saison mit mir als Geschäftsführer, die wir in den Sand gesetzt haben“, sagte S.

„Wir haben am 8. März Wahlen. Diese Aussage ist wörtlich so gefallen.“

Es kam zu einem Vergleich, bei dem im Herbst 2007 den Gläubigern 20 Prozent angeboten wurden. Dieser Vergleich funktionierte – scheinbar, denn wenig später musste nochmals ein Investor den Eisbären beispringen – und er wurde unter anderem vom damaligen Regensburger Oberbürgermeister Hans Schaidinger (CSU) verkündet. Laut S. hatte Schaidinger großes Interesse daran, das wacklige Eisbären-Gebilde nicht zu diesem Zeitpunkt dem Einsturz preiszugeben. „Wir haben am 8. März Wahlen. Diese Aussage ist wörtlich so gefallen“, sagte S. seinerzeit vor Gericht.

Beim genannten Investor handelte es sich übrigens nicht um Volker Tretzel, das ist zwingend anzumerken.

Zum gegenseitigen Nutzen

Nun ist es hierzulande beileibe kein Einzelfall, dass die Kommunalpolitik und der Sport, vertreten durch die ihn tragenden Vereine vor Ort, eine innige Beziehung pflegen – gerne in Hinterzimmern und meist zum gegenseitigen Nutzen und Frommen. Die Frage ist, wie intim es dabei zugeht. Und im Fall der Stadt Regensburg stellt sich diese Frage derzeit äußerst dringlich.

Beleuchtet man die Verbindung von Kommunalpolitik und Spitzensport in der Stadt, so gibt es eine Art Kristallisationspunkt. Wir schreiben den 10. Juni 2005, Schauplatz ist das fürstliche Schloss. Von dort kommt an einem Frühsommertag eine frohe Kunde, die die Herzen aller Fans des SSV Jahn wärmt. Mit einer Deckungslücke von mehreren hunderttausend Euro war der Traditionsverein in die vorläufige Insolvenz geschlittert. Die Lizenzbedingungen für die Regionalliga in Höhe von fast einer Million Euro schienen unerfüllbar, an eine finanzielle Planung für eine weitere Saison in der dritten Liga war kaum zu denken.

Schaidinger persönlich präsentierte in den Räumen des Insolvenzverwalters den Gönner, besser: den Retter des SSV Jahn. Dieser hieß Volker Tretzel. Die Regensburger Firma BTT Bauteam Tretzel GmbH stellte im Rahmen eines fünfjährigen Sponsoring-Vertrages die stolze Summe von 960 000 Euro zur Verfügung und half den klammen Rothosen aus der Patsche. Der 1942 in Tübingen geborene und in Augsburg aufgewachsene Immobilienunternehmer bekannte treuherzig, von Fußball kaum Ahnung zu haben.

Beim damaligen Deal war die Rede von Gegenleistungen des SSV Jahn, wie Freikarten und Werbeflächen – sowie von einem eher nebulösen Junktim. Volker Tretzel werde eines hoffentlich nahen Tages, wenn denn ein prachtvoller Arena-Neubau das Gelände des altehrwürdigen Jahn-Stadion an der Prüfeninger Straße als Baugrund interessant erscheinen lässt, als Erster – nun ja: informiert, eingeschaltet, kontaktiert, gefragt oder gar bevorzugt behandelt? Schaidinger beließ es bei vagen Aussagen und legte lediglich Wert auf Feststellung, es gebe keine bindenden Zusagen der Stadt an Tretzel, dass er bei diesem städtischen Filetstück zum Zug kommen würde.

All das erinnert frappierend an die Schilderung von Markus S. vor Gericht. Gerät eines der sportlichen Aushängeschilder Regensburgs in finanzielle Schieflage, ist ein Geflecht aus Kommunalpolitik und lokaler Wirtschaft zur Stelle und biegt die Angelegenheit wieder gerade.

Volker Tretzel sollte in der Folge nie mehr öffentlich so prominent in Erscheinung treten wie an jenem 10. Juni 2005. Indes, hinter den Kulissen fiel der Name des potenten Gönners über die Jahre zuverlässig immer dann, wenn beim SSV Jahn mal wieder Feuer unterm Dach war und es um regelmäßige Zuwendungen ging – oder um außerordentliche, wie im Zusammenhang mit der wundersamen Kapitalerhöhung der SSV Jahn Regensburg GmbH & Co. KG im Dezember 2014, auf die die Staatsanwaltschaft jetzt abhebt und die schon in die Zeit des Schaidinger-Nachfolgers fällt. Der am Mittwoch in U-Haft genommene Joachim Wolbergs gehört dem Aufsichtsrat des SSV Jahn Regensburg e.V. bereits seit Oktober 2009 an, seit Juni 2014 fungiert er als Vorsitzender dieses Gremiums. Interessenkonflikte seien ausgeschlossen, hieß es lapidar.

Wie eng die Verquickung zwischen der Stadtspitze und dem Jahn tatsächlich war und offenkundig auch ist, lässt sich anhand von Ereignissen nachvollziehen, die größtenteils fast schon der Vergessenheit anheimgefallen sind. Die Aufsichtsratsmitglieder Schaidinger (OB) und Wolbergs (Bürgermeister) zitierten Ende Februar 2010 den damaligen Jahn-Geschäftsführer Franz Gerber ins Rathaus und legten ihm dringend einen Rücktritt nahe. Das Ende vom Lied, angestimmt einen Monat später: Schaidinger teilt dem SSV Jahn mit, dass er seine Ämter als Aufsichtsrat im Verein und in der Kapitalgesellschaft des Fußball-Drittligisten mit sofortiger Wirkung niederlegt. Und der eigentlich bereits geschasste Franz Gerber bleibt vorläufig.

„Die persönlichen Befindlichkeiten des OB sind zu stark für einem gemeinsamen Weg.“

Matthias Klemens, ehemaliger Vorstandsvorsitzender des SSV Jahn Regensburg

Noch eine Episode aus jenen Tagen: Als der Jahn-Vorstandsvorsitzende Matthias Klemens 2011 zurücktritt, garniert er den Schritt mit diesen Worten: „Die persönlichen Befindlichkeiten des OB sind zu stark für einem gemeinsamen Weg.“

Joachim Wolbergs spielte im Komplex SSV Jahn spätestens ab dem Jahr 2010 eine zentrale Rolle, als er sich ganz auf der Linie Schaidingers zum prominenten Fürsprecher eines Stadionneubaus aufschwang. Anlässlich einer Podiumsdiskussion im Fürstlichen Brauhaus kehrte er die soziale Komponente des Projekts hervor („Fußball ist der Sport der kleinen Leute“), skizzierte kühn ein von Weiden im Norden bis Landshut im Süden reichendes Einzugsgebiet potenzieller Jahn-Fans und donnerte den Satz des Abends ins begeisterte, weil mehrheitlich dem SSV zugetane Publikum: „Wenn alles gut geht, kann die Arena 2013 stehen.“ Es dauerte letztlich zwei Jahre länger, bis die Conti-Arena stand.

Sportstadt Regensburg? Nicht um jeden Preis! - ein Kommentar von unserem Sportchef Heinz Gläser.

Etliche sportliche Projekte in der prosperierenden Metropole Ostbayerns weisen eine kommunalpolitische Komponente auf. Im sechsstelligen (Euro-)Bereich bewegte sich die jährliche Unterstützung, die die Stadt dem Schaidingerschen Prestigeobjekt Ironman angedeihen ließ. Das nach der Premiere 2010 nach drei Jahren wieder sanft entschlummerte Großereignis stiftete indes nur Unfrieden. Politisch, weil sich die vollmundig verheißene globale Aufmerksamkeit in der Realität auf Randnotizen auf Triathlon-Portalen und in Fachmagazinen beschränkte. Sportlich, weil sich die lokale Szene mit ihren Traditionsveranstaltungen wie Marathon und Arber-Radmarathon ignoriert fühlte.

Erst Ironman, dann Challenge

Wolbergs Herzensangelegenheit war es nach dem Aus für den auch von ihm höchst kritisch beäugten Ironman, mit der Challenge ein ähnliches Event in der Stadt zu etablieren. Er gewann dafür das regionale Triathlon-Aushängeschild Sonja Tajsich. Die Challenge ging 2016 erstmals über die Bühne. Hinter der Zukunft des Sportereignisses stehen Fragezeichen.

Letztlich stand immer eine Frage im Mittelpunkt, die Volker Tretzel am 10. Juni 2005 im fürstlichen Schloss in den Raum gestellt hatte. „Wer würde denn Schalke, dieses Kaff, kennen, wenn es nicht einen berühmten Fußballklub hätte?“, fragte der Jahn-Retter seinerzeit provokant – und im besten Einvernehmen mit dem neben ihm sitzenden OB Hans Schaidinger.

Nun, Regensburg kommt in diesen Tagen in den Genuss großer überregionaler Aufmerksamkeit. Allerdings eher widerwillig.

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