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SSV Jahn

Packt es der Jahn ohne Tretzel?

Immer wieder glich der Unternehmer ein dickes Minus in den Bilanzen aus. Nun wird es von ihm keine Millionen mehr geben.
Von Jürgen Scharf, MZ

Müssen den Jahn in eine neue Zukunft führen: Vorstandsvorsitzender Hans Rothammer (li.) und Geschäftsführer Christian Keller (Mitte) im Gespräch mit MZ-Redakteur Jürgen Scharf
Müssen den Jahn in eine neue Zukunft führen: Vorstandsvorsitzender Hans Rothammer (li.) und Geschäftsführer Christian Keller (Mitte) im Gespräch mit MZ-Redakteur Jürgen Scharf Fotos: Nickl

Regensburg.In der Saison 2014/2015 machte die GmbH und Co KGaA des SSV Jahn Regensburg ein Minus von 1,5 Millionen Euro. In der Saison davor fehlten 1,1 Millionen Euro. Beide Male glich Volker Tretzel den Fehlbetrag aus – wie so oft in den vergangenen Jahren. An die zwölf Millionen Euro soll der Immobilienunternehmer seit 2005 in den Traditionsverein gesteckt haben. Nun, da er wegen Bestechungsvorwürfen rund um städtische Grundstücksvergaben in Untersuchungshaft sitzt, brechen für den Jahn neue Zeiten an. Tretzel hat bereits bekannt gegeben, seine Sportförderung einzustellen. Der Fußball-Verein muss in Zukunft ohne seine Millionen auskommen. Die Jahn-Fans fragen sich: Schafft der Klub das?

Tausende Autos fahren auf der A3 jeden Tag an der Continental Arena im Regensburger Stadtsüden vorbei. Knapp 53 Millionen Euro hat sie gekostet. Sie war das Leuchtturmprojekt der Kommune. 2015 wurde sie feierlich eröffnet. Für den SSV Jahn, der in ihr spielt, sollte von da an alles besser werden. Ein neues Stadion ziehe Sponsoren an, hieß es. Nun, im Zuge der Regensburger Korruptionsaffäre, wurde aber klar, dass der Traditionsverein bis zuletzt auf die Zuwendungen eines einzigen, langjährigen Gönners angewiesen war: auf das Geld von Volker Tretzel. „In der Tat hätte der Jahn Insolvenz anmelden müssen, wenn die Fehlbeträge nicht gedeckt worden wären“, sagt Hans Rothammer. Er ist seit zweieinhalb Jahren Vorstandsvorsitzender beim Jahn. Nun muss er den Klub in eine neue Zukunft, eine ohne Tretzel, führen.

Soll an die zwölf Millionen Euro in den Jahn gesteckt haben: Immobilienunternehmer Volker Tretzel
Soll an die zwölf Millionen Euro in den Jahn gesteckt haben: Immobilienunternehmer Volker Tretzel Archivfoto: Lex

2010 wurde die Profimannschaft des Jahn sowie die U21 und die U19 in eine Kapitalgesellschaft ausgegliedert. Das haben bereits viele Fußball-Klubs gemacht. Ansonsten würde der Gesamtverein mit all seinen Abteilungen dafür haften, wenn die Fußballer Mist bauen. Zudem können nach einer Ausgliederung Investoren hinzu geholt werden. Als Rechtsform für die Kapitalgesellschaft wählte der Jahn eine GmbH und Co KGaA. Die ist im Fußball weit verbreitet. Zum einen ist sie für Investoren interessant, da diese nur mit ihrem eingebrachten Kapital, nicht aber darüber hinaus – etwa mit ihrem sonstigen Vermögen – haften. Zum anderen erfüllt sie die 50plus1-Regel des Deutschen Fußball-Bundes, nach der Investoren nicht ins operative Geschäft hineinreden dürfen.

Wer zahlt, schafft an

Wie das alles in der Praxis läuft, ist eine andere Frage. 2011 begründete der damalige Vorstandsvorsitzende Matthias Klemens öffentlich seinen Rücktritt damit, dass Volker Tretzel als Mehrheitseigner der KGaA einen neuen Klubchef gefordert habe. Rothammer und Jahn-Geschäftsführer Christian Keller waren damals noch nicht im Amt. Bei der Frage, ob eine solche Äußerung mit der 50plus1-Regel zu vereinbaren sei, zucken sie mit den Schultern. Dass Tretzel große Macht hatte, ist bekannt. Wer zahlt, schafft an, heißt es in einem Sprichwort. Beim Jahn zahlte Tretzel. Es sei ohnehin legitim, auch in Anbetracht der 50plus1-Regel, wenn ein Investor „zur Deckung des Haushalts, also zum Wohle des Vereins, Mittel bereit stellt, und dies an grundsätzliche Bedingungen knüpft“, sagt Rothammer.

Klicken Sie sich durch die interaktive Übersicht über die Besetzung der Jahn-Organe:

Tretzel war beim Jahn nicht nur irgendein Investor. Bereits kurz nach Gründung der Kapitalgesellschaft besaß er die Mehrheit der Anteile. Immer wieder glich er mit Darlehen Verluste des Klubs aus. Diese wurden später in neue Anteile umgewandelt. Von ursprünglich 1,5 Millionen Euro stieg die Einlage auf acht Millionen Euro. Tretzel gehören davon aktuell 90 Prozent. Zusätzlich zahlte er dafür, im Stadion Werbung für sein Unternehmen platzieren zu können. In den Bilanzen des Jahn taucht außerdem ein Darlehen von etwas über einer Million Euro auf. Dieses soll auch von Tretzel stammen. Von wem das Darlehen ist, will Keller zwar nicht sagen, er weist jedoch darauf hin, dass es keine Bedrohung für den Klub darstelle, da es nicht kurzfristig zurückgefordert werden kann. „Ein Großteil der Rückzahlung dieser Verbindlichkeiten ist nicht an einen Zeitpunkt sondern an ein Sachereignis, das diese Rückzahlung ermöglicht, geknüpft“, sagt er. Bei dem „Sachereignis“ dürfte es sich um einen Aufstieg handeln – und in der 2. Liga würden die Einnahmen aus den Fernsehgeldern steigen.

Hier finden Sie ein Porträt des Unternehmers Volker Tretzel

Wie sich Tretzel als Mehrheitsaktionär in Zukunft verhält – ganz egal, ob sich die Bestechungsvorwürfe erhärten –, weiß niemand. Dass er jemals wieder neues Geld in den Verein stecken wird, scheint allerdings ausgeschlossen. „Das kann ich mir im Moment nicht vorstellen“, sagt auch Rothammer. Vor mehreren Monaten soll Tretzel bereits versucht haben, seine Anteile zu verkaufen – erfolglos. Einen Käufer zu finden, der in etwa das bezahlt, was der Unternehmer selbst für die Anteile ausgegeben hat, dürfte schwer werden. Die Kapitaleinlagen sind schließlich weg: „Das Geld ist durch die Verluste in den Jahren 2009 bis 2016 aufgezehrt worden“, erklärt Rothammer.

Am Samstag hat der Jahn nicht nur sein erstes Heimspiel im neuen Jahr, es ist auch das erste seit Bekanntwerden der Bestechungsvorwürfe. Der Neujahrsempfang vor zwei Wochen stand bereits im Schatten der Verhaftungen von Tretzel und Oberbürgermeister Joachim Wolbergs, der auch im Jahn-Aufsichtsrat sitzt. Keller gab sich damals kämpferisch. Der Jahn habe zuletzt bereits viele neue Sponsoren hinzu gewinnen können, sagte er da.

Händlmaier zieht sich zurück

Der Senf-Hersteller Händlmaier wird aber bald nicht mehr in der vordersten Sponsorenreihe dabei sein. Das Unternehmen gab gestern bekannt, dass es ab der kommenden Saison nicht mehr als Premium-Partner und Trikotärmel-Sponsor des Jahn fungieren wird.

Die komplette Presseerklärung von Händlmaier gibt es hier:

Im Gespräch mit unserem Medienhaus erinnert Keller daran, dass Tretzel selbst gefordert habe, dass die Basis, auf der der Klub stehe, verbreitert wird: „Er hat immer betont, dass er den Jahn auf Dauer nicht allein mit seinem Engagement tragen kann.“ Rothammer hatte sich auf dem Neujahrsempfangbei Tretzel sogar öffentlich bedankt: Ohne seine finanzielle Unterstützung „wäre der Jahn nicht mehr da“.

Nun muss es der Klub ohne Tretzel schaffen. Der Verein hätte Rothammer zufolge auch dann kein ernsthaftes Problem, wenn der Unternehmer in Zukunft eine Blockadehaltung einnehmen würde: „Davon gehe ich ohnehin nicht aus. Aber selbst dann, könnte er als Mehrheitseigner im Prinzip nur die Zustimmung für einen ungedeckten Etat verweigern.“ Zudem darf der Vorstand bei einem Veto des Aufsichtsrats der KG die Berufung oder Entlassung des Geschäftsführers nicht durchführen. Weitere Mitspracherechte sieht die Rechtsform der GmbH und Co KGaA für den Hauptaktionär nicht vor.

Tickets und Trikots – der Jahn will an allen Fronten seine Erlöse steigern, um weiterhin genügend Geld für eine gute Mannschaft zu haben.
Tickets und Trikots – der Jahn will an allen Fronten seine Erlöse steigern, um weiterhin genügend Geld für eine gute Mannschaft zu haben.

Geht es nach Rothammer und Keller, soll eine Zustimmung zu einem ungedeckten Etat in Zukunft sowieso nicht mehr nötig sein. Die Zeiten, in denen Jahr für Jahr ein dickes Minus erwirtschaftet wird, sollen vorbei sein. „Wir werden in Zukunft nicht mehr ausgeben, als wir einnehmen“, kündigt Rothammer an. „Wir hätten bereits in dieser Saison einen ausgeglichen Etat gehabt, wenn uns eigentlich zugesagte Gelder nicht weggebrochen wären“, fügt Keller hinzu.

Muss der Etat gekürzt werden?

Diese zugesagten Gelder wären – wieder einmal – von Tretzel gekommen. 500 000 Euro sollte der Klub vom Unternehmer erhalten, um – wieder einmal – ein Minus aus der Vorsaison auszugleichen. Dann kochte die Korruptionsaffäre hoch. Das Geld kam nie beim Jahn an. Mit einem Sparkurs und neuen Sponsoren sei der Klub aber „auf einem soliden Weg, diese Lücke zu schließen“, sagt Keller. Dass diese Maßnahmen überhaupt nötig waren, führt allerdings vor Augen, wie sehr der Klub bis zuletzt am Tropf von Tretzel hing. Nun muss er sich freischwimmen. Das Resultat des Krisenmanagements wird auf dem Platz zu sehen sein. Geld schießt Tore, heißt es. Wenn der Klub seinen Etat für die Mannschaft in der kommenden Saison kürzen muss, werden die guten Spieler wohl abwandern. Soweit sei es aber noch lange nicht, sagt Rothammer. Der Etat werde derzeit geplant. Details will er nicht nennen, nur so viel: „Wir werden eine konkurrenzfähige Mannschaft haben.“

„Verfall“ droht nicht

  • Der SSV Jahn

    muss nicht befürchten, dass bei einer Verurteilung Volker Tretzels wegen Bestechung in diesem Zusammenhang an den Klub gezahlte Gelder beschlagnahmt werden.

  • Nach Auskunft

    der Staatsanwaltschaft gibt es im Rahmen einer richterlichen Ermessensentscheidung prinzipiell diese, juristisch „Verfall“ genannte, Möglichkeit. Da die Kapitaleinlagen von Tretzel beim Jahn aufgebraucht sind, also kein Geld vorhanden ist, ist dies in diesem Fall aber praktisch ausgeschlossen. (js)

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