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Gedenken

17 Stolpersteine für Schwandorf

Zur Erinnerung an das Schicksal der Juden erhält Schwandorf am Dienstag „Stolpersteine“. Mit seinem Manuskript vervollständigt Erich Zweck die Geschichte.
Von Micha Matthes

Studiendirektor Erich Zweck mit seinem Werk. Foto: Matthes

Schwandorf. Am Mittwoch stellt sich Schwandorf einem dunklen Kapitel seiner Geschichte. Die ersten 17 „Stolpersteine“ des Kölner Künstlers Gunter Demnig werden gesetzt. Die golden schimmernden, gravierten Pflastersteine sollen in der Friedrich-Ebert-Straße, in der Höflingerstraße und in der Dr.-Martin-Luther-Straße an das Schicksal der jüdischen Bürger in Schwandorf erinnern, die während des Nationalsozialismus deportiert und meist ermordet wurden.

Doch „bloß die Stolpersteine mit den Namen der Opfer zu setzen wäre sinnlos“, findet Erich Zweck, der am Carl-Friedrich-Gauß-Gymnasium Geschichte und Deutsch lehrt. Darum hat sich der Studiendirektor und passionierte Historiker daran gemacht, das Schicksal aller in Schwandorf lebender Juden niederzuschreiben. Heraus kam das rund 200 Seiten starke Manuskript „Leben, Freiheit und Ehre im deutschen Vaterland“, das die Stadt in den kommenden Monaten als Buch herausgeben wird. Obwohl es noch keinen Verlag gibt, gebe es schon zahlreiche Interessenten für sein jüngstes Werk, erzählt Zweck. Von jüdischen Gemeinden bis zur Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem reichten die Anfragen.

Er habe „eine starke Verpflichtung, fast schon einen Zwang verspürt, die Geschichte der Juden in Schwandorf niederzuschreiben“, sagt der Studiendirektor. Schon seit den 80er Jahren beschäftigt er sich mit dem Thema. Auslöser war damals ein Schülerwettbewerb der Bundeszentrale für politische Bildung.

Seitdem hat den Geschichtslehrer „der jüdische Aspekt nie losgelassen.“ Manchmal verlaufe sich die Spur der Opfer einfach, wie bei der Familie Wollenberger, die 1931 aus Sitzenhof wegzog; „dann sind sie einfach verschwunden“, sagt Zweck resigniert. Trotzdem konnte der Hobbyforscher in zahlreichen Aufsätzen die Geschichte von Schwandorfer Juden wie Trudy Vorch, oder der Familie Bloch, die ein Schuhgeschäft in der Dr.-Martin-Luther-Straße besaß, erzählen.

Dabei fand er zunehmend Material. Immer weiter sammelte Zweck, so dass er bereits in den 90er-Jahren eine Ausstellung zu dem Thema gestalten konnte. Als dann die Sache mit den Stolpersteinen aktuell wurde, bot sich die Gelegenheit, eine größere Abhandlung über die Juden in Schwandorf zu verfassen. „Hier trafen sich mein Interesse und der Wunsch der Stadtverwaltung“, sagt Zweck. Der Geschichtslehrer dachte dabei zunächst an einen Umfang von 40 bis 50 Seiten. Als er sich an die Arbeit machte, wurde aber schnell klar, dass das Material weitaus umfangreicher ist.

Unter anderem recherchierte er im Staatsarchiv Amberg in Steuerakten, was die Juden für Abgaben zu leisten hatten und studierte die Einwohnermeldebögen im Stadtarchiv Regensburg. Aber auch in der Fürst Thurn und Taxis Hofbibliothek in Regensburg und im Hauptstadtarchiv in München wurde er fündig. Besonders viel Material bot natürlich auch das Schwandorfer Stadtarchiv, wo ihm Josef Fischer zur Hand ging. Der Leiter des Schwandorfer Stadtarchivs kümmert sich auch um die Bebilderung für das Buch.

Die bewegendsten Geschichten erfuhr Zweck aber in persönlichen Gesprächen oder Briefwechseln mit Zeitzeugen. Sogar ehemalige „Täter“ wie Thorwald Fellner waren zum Gespräch bereit. Als 14-jähriger erlebte Fellner die Reichskristallnacht in Schwandorf aufseiten der Hitlerjugend. Dabei schlug er sogar selbst einen Juden. Diese Tat habe er dann aber sehr schnell bereut, erzählt Zweck. Im Verlauf des zweiten Weltkriegs beschloss Fellner dann, Pfarrer zu werden. Heute lebt der über Neunzigjährige als engagierter Pazifist im Taunus.

Insgesamt wurden ihm bei der Recherche nur wenige Stolpersteine in den Weg gelegt, berichtet Zweck. „Ganz im Gegenteil“, meist sei er auf überaus hilfsbereite Zeitzeugen und Mitforscher gestoßen. Insgesamt konnte der Studiendirektor so ungefähr 50 Einzelschicksale ermitteln.

Am meisten bewegte Zweck bei seinen Nachforschungen die allmähliche Enteignung, die systematische Einengung der Lebenswelt und die Verfolgung der Juden in Schwandorf. Einen Angehörigen der Konfession habe dieser Terror schließlich sogar in den Suizid getrieben, berichtet Zweck.

Die Stolpersteine sind eine wichtige Erinnerungshilfe, die Erich Zweck mit seiner Forschung vervollständigt.

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