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2000 Polizisten beenden den Traum vom Wackerland

Von 14. Dezember 1985 bis 7. Januar 1986 leisteten 500 WAA-Gegner in der „Freien Republik Wackerland“ Widerstand

Von Elisabeth Hirzinger

7. Januar, 2 Uhr. Das Thermometer zeigt 10 Grad, minus. Der Boden ist hart gefroren, genauso wie die Nutella, die sich Uli aufs Brot schneidet. Sie versucht sich am Lagerfeuer aufzuwärmen. In ihrer Hütte, die sie sich aus Baumstämmen und Plastikplanen gebaut hat, ist es nur unwesentlich wärmer. Ihre Finger, die die Kaffeetasse umklammern, sind genauso steif wie meine. Uli hat sich vor Weihnachten im Taxöldener Forst häuslich niedergelassen. Uli ist Atomkraftgegnerin und wohnt mit 500 Gleichgesinnten in der „Freien Republik Wackerland“, einem Hüttendorf, das kurz vor Weihnachten gebaut wurde und am 7. Januar geräumt wird. Das ist auch der Grund, warum ich dort an einem der vielen Lagerfeuer herumstehe und friere. Ich warte auf die Räumung, über die ich berichten werde, irgendwann so gegen Mittag.

Seit Monaten sind wir Journalisten regelmäßig vor Ort. Viele tausend Oberpfälzer hat die Bürgerinitiative mittlerweile für den Widerstand gegen die im Taxöldener Forst geplante Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) mobilisiert. Bisher war der Protest gegen das gigantische Atomprojekt relativ friedlich verlaufen. Die Wende kommt mit dem Beginn der Rodungsarbeiten am 11. Dezember 1985, die die DWK (Deutsche Gesellschaft für Wiederaufarbeitung von abgebrannten Kernbrennstäben) wie eine geheime Kommandosache behandelt.

In den nächsten Monaten will die DWK für einen Stahlzaun um das WAA-Gelände eine 30 bis 40 Meter breite und 5,3 Kilometer lange Schneise durch den Taxöldener Forst schlagen. An diesem Zaun wird es noch zu vielen blutigen Auseinandersetzungen kommen, zu Knüppeleinsätzen, die Polizei warf CN- und CS-Gas aus Hubschraubern ab, es kam zu Szenen, die keiner, der sie erlebt hat, jemals vergessen wird.

Bereits wenige Tage nach Rodungsbeginn verschärfen sich die Auseinandersetzungen zwischen WAA-Gegnern und Polizei. Der Taxöldener Forst gleicht bald einem polizeilichen Heerlager. Das mobilisiert die Kräfte der Atomkraftgegner: 40000 Demonstranten kommen am 14. Dezember nach Wackersdorf. Allerdings nicht auf direktem Wege. Die Polizei, die ihre Einheiten von 400 auf 1000 Mann erhöht hat, fängt die Demonstranten, unter ihnen auch der damalige hessische Umweltminister Joschka Fischer, reihenweise im Vorfeld ab. Busse werden fünf Kilometer vor dem Ziel gestoppt, die zu Fuß anrückenden WAA-Gegner müssen mehrere Polizeisperren überwinden, x-mal die Rucksäcke öffnen.

Trotz der polizeilichen Übermacht gelingt es etwa 1000 Gegnern der geplanten Wiederaufarbeitungsanlage, ein Hüttendorf errichten. Es steht nicht lange. Zwei Tage später wird das Dorf geräumt. 2000 Kräfte von Polizei und BGS sind im Einsatz. Bayerns Innenminister Karl Hillermeier spricht vom bislang größten Polizeieinsatz im Freistaat. 869 Besetzer werden in Gewahrsam genommen.

Wenige Tage später werden die Rodungsarbeiten eingestellt. Bis 7. Januar ist „von oben“ Weihnachtsfriede angeordnet. Auch die Polizeieinheiten werden abgezogen. Diese Chance nutzen die WAA-Gegner. Am Wochenende vor Weihnachten wird im Taxöldener Forst wieder gesägt, gehämmert und gebohrt auf Teufel komm raus. 15 „Indianerzelte“ entstehen zunächst auf der von der DWK gerodeten Fläche. Das zweite Hüttendorf wächst. Während Polizeihubschrauber über dem Dorf kreisen, zum Teil so niedrig, dass den WAA-Gegnern am Boden der Dreck nur so um die Ohren fliegt, entstehen fachmännisch gezimmerte Baumhäuser, reihen sich primitive Zelte an Blockhäuser, die zum Teil sogar mit Öfen beheizt werden.

Es ist ein bunter Haufen, der da mitten im Taxöldener Forst campiert. Gorleben-gestählte Autonome wohnen Hütte an Hütte mit Bürgerinitiativlern aus der Oberpfalz. Das Leben in dem Hüttendorf ist primitiv. Die Zelte bieten kaum Schutz vor der eisigen Kälte, es gibt keine Möglichkeit, sich zu waschen, „gekocht“ wird – zunächst – am Lagerfeuer. Trotzdem müssen die Hüttendorfbewohner keine Not leiden. Sie werden liebevoll ver- und umsorgt von den Bürgern des Landkreises, die tagtäglich mit Rucksäcken voll Proviant in den Forst pilgern.

Viele der Besucher bieten den Bewohnern der „Freien Republik Wackerland“ auch an, sie zum Duschen mit nach Hause zu nehmen oder ihre Klamotten zu waschen. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen. Dankbar wird alles Essbare angenommen. Zum Teil kommt es sogar zur Überversorgung. Die Mengen an Stollen und Plätzchen, die die Oberpfälzer Hausfrauen anschleppen, sind kaum zu bewältigen.

Bis Silvester ist die „Freie Republik Wackerland“ auf 100 Holzhäuser und Zelte angewachsen. Für die mittlerweile 400 Dorfbewohner gibt es sogar eine zentrale Küche und ein „Haus der Begegnung“, in dem, streng demokratisch, alle Widerstands-Aktionen besprochen werden. Ein 15 Meter hohes Holzkreuz mit einer Christusfigur überragt mahnend den Dorfplatz. Die Platzbesetzer sind friedlich-weihnachtlich gestimmt. Doch der Friede hält nicht an. Zum Jahreswechsel ändert sich die Polizeitaktik. Das Hüttendorf wird permanent observiert, das Leben dort in allen Facetten auf Video gebannt. Die Hubschrauber umkreisen das Dorf und setzen bei Bedarf schon mal zum Tiefflug an. Die Platzbesetzer fühlen sich dadurch schikaniert und schießen mit Leuchtraketen, wodurch sich wiederum die Polizei provoziert fühlt. Je näher der Termin 7. Januar heranrückt, desto nervöser werden die Platzbesetzer, die rund um ihr Dorf Barrikaden errichten. Denn, dass die DWK an anderer Stelle weiter roden lässt, daran glaubt niemand. Mehrere 1000 WAA-Gegner kommen noch am Wochenende vor dem 7. Januar ins Hüttendorf, und bekunden damit ihre Solidarität mit den Platzbesetzern. Seelisch- moralische Unterstützung erhalten die unermüdlichen Widerständler auch von Gerhard Polt, den „Biermöslblosn“ und den „Mehlprimeln“, die bei Minustemperaturen gegen die Polizei- und Atommacht ansingen und -frotzeln.

In der Nacht zum 7. Januar kann keiner im Hüttendorf so richtig schlafen. Die meisten sitzen oder stehen um die vielen Lagerfeuer herum, die auf dem besetzten Platz brennen. Derweil rollen lange Polizeikonvois in Richtung Wackersdorf. Viele hundert WAA-Gegner aus Schwandorf und Umgebung kommen in der Nacht ins Dorf. Sie müssen weit laufen, denn alle Zufahrtswege sind abgeriegelt. Auch der Landrat Hans Schuierer gesellt sich mit seiner Frau zu den Platzbesetzern. Die Stimmung im Lager ist gedrückt.

Die herannahenden Polizeikräfte können auch von Nagelbrettern und Krähenfüßen nicht gestoppt werden. 2000 Mann sind im Einsatz, und sie haben alles dabei, was man braucht, um ein Hüttendorf dem Erdboden gleich zu machen: Äxte, Sägen, Seile, Haken…. Erst im Morgengrauen sind sie zu sehen, die vielen weißen Punkte in der Ferne. Die weißen Punkte sind Polizeihelme.

Bewaffnet mit Schlagstöcken und zum Teil auch mit Gewehren (mit Aufsätzen zum Abschießen von Tränengaspatronen) kommen die Polizeibeamten näher. Sie bilden eine Kette entlang der Bahnlinie. Ihnen gegenüber formieren sich die WAA-Gegner. Mit dem Kommando „vorrücken“ nähern sich die Polizisten Stück für Stück dem Hüttendorf. Der Widerstand ist nur schwach. Zu Tumulten kommt es, als bei Massenfestnahmen Knüppel eingesetzt werden und die Polizei ihre Hunde auf die WAA-Gegner hetzt. Groß ist die Empörung, als ein Demonstrant von einem Polizeihund gebissen wird. Dieses Vorgehen der Polizei wird vor allem auch von Landrat Hans Schuierer angeprangert.

Wer nach dreimaliger Aufforderung nicht aus der Absperrung herauskommt, tönt es aus dem Polizei-Megaphon, wird „erkennungsdienstlich“ behandelt, sprich: die persönlichen Daten werden festgehalten, Fingerabdrücke genommen und Fotos gemacht. Darauf lassen es die meisten ankommen. Nur ich bin hin und her gerissen. Zum einen möchte ich nicht, dass mir etwas entgeht, andererseits kann ich es mir nicht leisten, im Polizeifahrzeug abtransportiert zu werden, weil ich ja noch den Bericht von der Räumung schreiben muss.

Ich pokere und bleibe bei den Eingekesselten. Mittlerweile ist der Polizeiring dicht und alle warten darauf, endlich festgenommen zu werden. Es sind immer noch schätzungsweise 1500 Leute auf dem Platz. Die Polizei holt sich die Platzbesetzer gruppenweise heraus, und lässt viele später einfach frei. Und die Freigelassenen sind, wie sich herausstellt, überwiegend Oberpfälzer.

Am gleichen Tag noch wird Innenminister Karl Hillermeier, der alles aus der Luft beobachtet hat, verkünden, dass 744 Personen festgenommen wurden, 18 von ihnen wohnen im Landkreis und 241 in der Oberpfalz. Was er damit sagen wollte: Die Mehrheit der Platzbesetzer kam von auswärts, oder: Der Widerstand ist nicht in der Oberpfalz verankert. Die vielen hundert WAA-Gegner, die die Polizei laufen ließ, sind in der Rechnung allerdings nicht enthalten, und die kamen zum großen Teil eben aus der Oberpfalz.

Gegen Mittag ist der Spuk vorbei. Der Kontrast zwischen der friedlich-weihnachtlichen Stimmung im Hüttendorf und der aggressiven Atmosphäre bei der Räumung hätte größer nicht sein können.

Vor mir liegt noch ein langer Fußmarsch zu meinem Auto. Müde und durchgefroren komme ich in die Redaktion zurück und hacke den Text in die Maschine, einen von tausenden – allein die Berichte über die Ereignisse im Dezember füllen schon einen Aktenordner –, die meine Kollegen und ich zu dem strittigen Thema geschrieben haben und noch schreiben werden.

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