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Aktion Tschernobyl: Der Motor dreht sich weiter

Am 20.Jahrestag der Reaktorkatastrophe werden in der Ukraine Hilfsgüter verteilt / ?Das ist unser aller Geschichte?

  • Der „bisher härteste Konvoi“: Unterwegs Richtung Kiew im März 2005Fotos: Aktion Tschernobyl
  • Ein verlassenes Dorf in der 30-Kilometer-Zone
  • Dr.Josef Ziegler (li.) bei Fernsehaufnahmen vor Ort

Unser aller Geschichte beginnt am 26.April 1986 um 1.23 Uhr, als im Atomkraftwerk Tschernobyl Reaktorblock IV explodiert. Oder ein paar Tage später, als der GAU zur weltweiten Nachricht geworden ist. Oder im Jahr 1991. „Die Meldungen aus der Ukraine kamen damals mit Verzögerung. Zunächst wusste keiner, wie viel Strahlung frei gesetzt worden ist“, erinnert sich Dr.Ziegler. 1986 war für ihn kein Schlüsselerlebnis, nur eine Erwartung: „Jetzt muss auch etwas mit der WAA passieren. Das muss doch Auswirkungen haben“.

Fünf Jahre danach ist der damalige BRK-Chefarzt eher „als neugieriger Mensch mitgefahren“ beim ersten Hilfskonvoi, der auf Initiative von Landrat Hans Schuierer gestartet wurde. Lebensmittel und Kleidung hatte man geladen, aber bei der Tour durch die Krankenhäuser hat Dr.Ziegler gesehen, dass es an anderem fehlte. „Es war ein Schock für mich. Geräteausstattung und Infrastruktur waren völlig unzureichend. Da haben wir uns entschlossen, wir machen weiter“. Wir — das waren Funktionäre des BRK-Kreisverbands, dann auch Mitarbeiter des Bundesgrenzschutzes und zahlreiche freiwillige Helfer.

Seit dem ersten Konvoi 1991 hat die Aktion Tschernobyl — von 1997 an als eigener eingetragener Verein — Hilfsgüter im Wert von 14 Millionen Euro in die Ukraine gebracht: Hochwertige medizinische Ausrüstung wie Ultraschallgeräte oder Sterilisatoren, OP-Mikroskope, Neuroskope — aber auch Bedarfsgüter vom Krankenhausbett bis zum Einweghandschuh, vom Waschmittel bis zum Röntgenfilm. Die Versorgungslage in der Ukraine hat sich nach den Worten Dr.Zieglers nicht wesentlich verbessert. „Die Ausbildung der Mitarbeiter ist gut. Aber manche Krankenhäuser können nur die Löhne für die Beschäftigten zahlen. Das Essen müssen die Patienten selber mitbringen“. Kein Essen, keine Geräte, keine Ersatzteile.

Ist also das ganze 14-Millionen-Hilfspaket nur ein Tropfen auf den heißen Stein? Dr. Ziegler schüttelt den Kopf. Sicher — es hat Rückschläge gegeben und Enttäuschungen. Die Care-Pakete der Anfangszeit haben nicht wirklich etwas gebracht, und so manches Krankenhaus musste aus der Versorgungsliste gestrichen werden, weil die Geräte in der Ukraine nicht ausreichend gewartet wurden. Doch aus solchen Erfahrungen hat die Aktion Tschernobyl gelernt. „Wir sind professioneller geworden, haben uns zum medizinischen Versorgungsverein gewandelt“, sagt Dr.Ziegler.

Und so kümmert sich der Verein inzwischen auch um die Fortbildung von Ärzten oder Medizinischen Assistentinnen aus der Ukraine, von Laboranten, Technikern oder Krankenschwestern. Die Hilfsmaßnahmen wurden regional konzentriert; in Jagotin, etwa 140 Kilometer von Kiew, gibt es seit zwei Jahren eine eigene Werkstatt, in Kiew ein Büro mit Fax und PC-Anschluss. Und Dolmetscherin Sofija. Hier werden Kontakte geknüpft, hier laufen die Bedarfslisten von den Krankenhäusern ein, die gezielte Hilfe möglich machen.

Professionell sind auch die Helfer selbst, die wegen der heiklen Fracht die Mühen des Konvois auf sich nehmen. Kfz-Mechaniker sind dabei und Funktechniker, Lkw-Fahrer, die einen 40-Tonner auch über Schlaglochpisten sicher ans Ziel bringen. Koffer voller Papiere führen sie mit, und kistenweise Betriebsanleitungen. Die Trucks selber stammen überwiegend von Speditionen, bei denen sich schon mal der Chef selber ans Steuer setzt. Der Verein selbst verfügt nur über einen Mini-Fuhrpark von vier Fahrzeugen, und nur der alte 16-Tonner läuft das ganze Jahr. Ohne die Leitl, Mosandl oder Poeppel, die Göppl, Conrad oder Koch wäre er aufgeschmissen, sagt Dr.Ziegler. Die Münchner Medizin Mechanik unterstützt den Verein ebenfalls — auch ohne Spendenscheck.

Dass ohne professionelle Hilfe für die Helfer nichts geht, hat sich bei der letzten Hilfslieferung im März 2005 besonders drastisch gezeigt. Für Dr.Josef Ziegler war es „der bisher härteste Konvoi“. Rund 19 Stunden dauerte die Fahrt in die Ukraine, bei Temperaturen bis minus 25 Grad begann sogar das Hydrauliköl einzufrieren. Und bei 25 Zentimetern Neuschnee wurde jede Steigung zur Zitterpartie. Bloß nicht stehen bleiben...

Bloß nicht stehen bleiben. Weiter machen. Ein wenig gilt das auch für Dr.Josef Ziegler, auch wenn er sich selber nicht in Zugzwang sieht. „Wir sind keine Verpflichtungen eingegangen. Solange wir Spenden kriegen, komme ich wieder“. Aber die Hilfsaktion ist ihm schon längst zur Passion geworden.

Vielleicht will er auch nur ergründen, was damals, vor 20 Jahren, eigentlich passiert ist. Man kann es nicht verstehen. 30 Kilometer vor dem Sarkophag — ein Schlagbaum öffnet sich, und schon taucht man ein in ein Idyll. Hier gibt es Weißstörche und verlassene Dörfer. Der Wald sieht wie ein richtiger Wald aus. Dass er radioaktiv verseucht ist, kann man nicht sehen, nicht riechen und auch nicht schmecken. Und weiter drinnen arbeiten schon wieder 2000 Menschen an der riesigen Atomruine.

Ansprechpartner: Aktion Tschernobyl e.V., Dr.Josef Ziegler, Freyung 5, Pfreimd; Tel. 09606/1435 oder 1518; Fax: 7385; e-Mail: Josef.Ziegler@T-online.de

Spendenkonto: Aktion Tschernobyl Pfreimd e.V.; Kto. 570050344 bei der Sparkasse Pfreimd (BLZ: 75051040)

www.aktiontschernobylpfreimd.de

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