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Verbrechen

Auf Spurensuche mit Baumers Verlobtem

Der Verlobte beteuert seine Unschuld. Mithilfe eines Privatrechercheurs suchte er 2014 nach Spuren, die das beweisen sollen.
Von Isolde Stöcker-Gietl, MZ

Regensburg.Christian F. steht vor einer Vertiefung im Waldboden. Hier, an dieser Stelle, wurde seine Verlobte Maria Baumer vor über zehn Monaten gefunden. Ein Stück Absperrband weist noch den Weg, hin zu der kleinen Lichtung. Auf Nachfrage sagt er, dass er das erste Mal an diesem Ort ist. Die Stelle sieht anders aus als auf den Fotos in den Ermittlungsakten: „Ich habe mir die Lichtung viel größer vorgestellt.“ Dann richtet er seinen Blick wieder auf den Boden, steigt über das herumliegende Geäst und läuft einige Schritte um die Grube herum.

Christian F. sagt, er wolle in diesem Waldstück bei Bernhardswald nicht seine Unschuld demonstrieren. Es gehe ihm um Aufklärung. Er beteuert: „Ich war es nicht.“ Die Polizei, die Staatsanwaltschaft, viele, die von dem Tötungsdelikt gehört oder gelesen haben, glauben ihm das nicht. Bei der Polizei haben aber Freunde und Bekannte des 30-Jährigen ausgesagt, sie könnten sich nicht vorstellen, dass Christian F. die junge Frau umgebracht hat. Selbst Maria Baumers Familie glaubt an seine Unschuld.

Gegen ihn spricht die Statistik: 90 Prozent aller Tötungsdelikte sind Beziehungstaten. Christian F. war nach Ansicht der Staatsanwaltschaft der Letzte, der Maria Baumer lebend gesehen hat. Bis heute konnte aber nicht geklärt werden, warum vier Zeugen im Raum Gevelsberg so sicher waren, die junge Frau im Juni 2012 auf dem Jakobsweg gesprochen zu haben.

Im Visier der Ermittler

Ein Streit zwischen der 26-Jährigen und Christian F. um dessen Absichten, sein Medizinstudium abzubrechen, wird in den Ermittlungsakten als Motiv angeführt, warum er seine Verlobte wenige Monate vor dem Hochzeitstermin umbrachte. Diese Tathypothese der Polizei hat sein Anwalt Michael Haizmann zerpflückt. Nach knapp acht Wochen Untersuchungshaft holte er seinen Mandanten aus dem Gefängnis. Die erste Haftbeschwerde war noch abgeschmettert worden, bei der zweiten Überprüfung sah das Landgericht Regensburg keinen dringenden Tatverdacht mehr. Die Ermittlungen begannen danach, so betonte die Staatsanwaltschaft, wieder bei Null.

In Wahrheit hätten die Ermittler aber nie wirklich nach einem anderen Verdächtigen gesucht, sagt Christian F.: „Man baut starken psychischen Druck gegen mich und mein Umfeld auf, weil man nur mich als möglichen Täter sieht.“ In Maria Baumers übrigem Bekanntenkreis oder in der Katholischen Landjugend, wo sie sich stark engagierte, hätten die Ermittler dagegen kaum recherchiert, sagt der 30-Jährige. Nicht dass er dort ein Motiv sieht. Er glaubt aber, dass nicht alle Informationen für ein komplettes Bild zusammengetragen werden.

Alle Fakten zusammentragen

Das will er jetzt nachholen. Einen Unterstützer hat er dabei in Werner B. gefunden, einem privaten Rechercheur aus Norddeutschland. Der möchte zunächst unbehelligt von der Polizei auf Spurensuche gehen und deshalb seinen vollen Namen nicht genannt sehen. Erst wenn er alle Fakten zusammengetragen hat, will er sich an die Ermittlungsbehörden wenden und ihnen seine gesammelten Erkenntnisse zur Verfügung stellen.

Werner B. hat Erfahrung, so sagt er: In mehreren Mordfällen habe er den Ermittlern bereits neue Ansätze liefern oder zuvor übersehene Spuren vorlegen können. Nun hat er sich vorgenommen, im Kreuther Forst Spuren zu finden, die Hinweise auf den Tod von Maria Baumer geben können. Ob diese dann Christian F. be- oder entlasten, das spielt für den Rechercheur keine Rolle. „Wenn du schuldig bist, dann fährst du ein“, das habe er ihm gleich beim ersten Kontakt auf den Kopf zugesagt. Doch dass der 30-Jährige ihn in den Wald begleitet, ihm bei der Suche hilft und seine Fragen beantwortet, das bewertet er am Ende des Tages deutlich zu Christian F.s Gunsten.

Werner B. ist kein Spinner. Er ist ein Mensch, der nicht alles glaubt, was Polizei, Staatsanwaltschaft oder Richter sagen. Er schaut ihnen bei ihrer Arbeit sehr genau auf die Finger. Findet er Ungereimtheiten oder – aus seiner Sicht – schlampige Arbeit, dann wird er ungehalten. „Da kann ich mich doch schon wieder aufregen.“ Mehrfach fällt dieser Satz, während er mit Christian F. die möglichen Wege abläuft, auf denen Maria Baumer in den Wald gebracht worden sein könnte. Werner B. glaubt, dass die Hundertschaften der Polizei hier nicht mit der notwendigen Sorgfalt gearbeitet haben. „Ich bin mir sicher, das in dem Erdhaufen, der aus Marias Grab geschaufelt wurde, Haare zu finden sind. Das hat aber scheinbar niemand durchsiebt und danach gesucht. Wer sagt mir, dass hier nicht ein Haar des Täters zu finden ist?“

Christian F. lehnt derweil an einem Baum und zieht an seiner Zigarette. Seine Miene verrät nicht, wie er über diese Aktion im Wald denkt. Er versucht Ruhe auszustrahlen, trotz der schwierigen Fragen, die sich um Marias Auffindesituation, um ihre letzten gemeinsamen Stunden oder um die mysteriöse Facebook-Nachricht der damals 26-Jährigen drehen. „Du weißt, was wir uns versprochen haben“, soll sie nach ihrem Verschwinden am Pfingstsamstag noch an ihn geschrieben haben. Die Nachricht hat Christian F. aufbewahrt. Ob sie wirklich von der 26-Jährigen stammt, konnte die Polizei nicht klären. Er habe über diese Botschaft gegrübelt, sagt er. Maria habe nach dem Verkehrsunfall eines sehr engen Freundes oft über ihren eigenen Tod nachgedacht. „Immer wieder hat sie mir gesagt, dass ich, sollte sie sterben, mein Leben weiterleben solle. Vielleicht hat sie mir das noch mitteilen wollen?“

Christian F. zuckt mit den Schultern und senkt seinen Kopf mit den kurz geschorenen Haaren. Alles, was an diesem Pfingstsamstag passiert ist, die beiden Anrufe von Maria, die jeweils ohne Nummer auf seinem Telefon angezeigt wurden, Marias seltsames Verhalten am Telefon, die Auskunft, dass sie am Montag zurückkehren würde – „ich wusste damals nicht, wie wichtig es werden würde, das alles beweisen zu können“. Als die Soko „Maria“ das später versuchte, waren die eingegangenen Anrufe bei der Telefongesellschaft „1&1“ schon lange gelöscht worden.

Todeszeitpunkt bleibt unklar

So bleibt die Frage, ob Maria am Pfingstsamstag überhaupt noch gelebt hat. Ihre sterblichen Überreste ließen keine Rückschlüsse auf den genauen Zeitpunkt und die Ursache ihres Todes zu. Die Staatsanwaltschaft schließt eine fahrlässige Tötung oder Körperverletzung mit Todesfolge aus. Dies sei aufgrund des Aufwandes, den der Täter zur Beseitigung der Leiche betrieben habe, nicht zu rechtfertigen, so der Tenor in den Akten. Das bezweifelt Werner B. aber: „Das ist aus anderen bekannten Fällen widerlegt. Aus meiner Sicht war das Verbringen und Vergraben in dem Wald kein großer Aufwand. Ein vorsätzliches Tötungsdelikt ist für mich dadurch nicht belegt.“

Der Rechercheur hat inzwischen seinen Metalldetektor ausgepackt und sucht das Gelände ab. Der Schlüsselbund und das Kreuz, das Maria um den Hals trug, sind bis heute verschwunden. So wie auch sämtliche Bekleidungsstücke, die laut einem Fragenkatalog der Polizei gesucht werden. Doch diese Annahme gerät im Kreuther Forst überraschend ins Wanken: Ein zufällig vorbeikommender Spaziergänger interessiert sich für die umherstreifende Gruppe. Er weiß, dass Maria Baumers Fundort ganz in der Nähe ist. „Suchen Sie nach Spuren?“, fragt er deshalb ganz unverblümt, um wenig später einige Überraschungen preiszugeben: „Dort vorne hat ein Spurensucher, so einer wie ihr, einen weißen Damenschuh gefunden.“ Der Mann habe seinen Fund zur Polizei bringen wollen.

Gestank und ein Loch im Boden

Christian bestätigt: „Maria hatte weiße Schuhe, und die fehlen.“ Er ist überrascht, dass dieser Schuh bislang nicht in den Ermittlungsakten aufgetaucht ist. „Warum?“ Und noch eine Aussage des Mannes erregt das Interesse von Werner und Christian F. „Hier, an der Bank, wo die Wildschweine gefüttert werden, da hat es einige Tage lang furchtbar gestunken.“ Er selbst habe das nicht mitbekommen, es sei ihm erzählt worden. Am Nachmittag bestätigt noch eine Spaziergängerin, dass es eine Zeit lang an dieser Stelle im Wald sehr unangenehm gerochen habe. Sie kann sich aber nicht mehr an den Zeitpunkt erinnern.

Privatermittler Werner B. sieht seine Annahme bestätigt, dass Maria Baumer umgebettet wurde. Die Knochen, wie sie später von Pilzsammlern gefunden wurden, lagen anatomisch nicht korrekt. „Ich halte es für denkbar, dass sie zuerst dort lag, wo es gestunken hat. Denn von dieser Stelle treibt der vorherrschende Wind den Geruch über den Weg.“ Tatsächlich findet er hinter einem Baum eine tief freigeschaufelte Stelle. „Vielleicht zwei Jahre alt“, schätzt Werner B., ein Körper hätte hineingepasst. Aber ist dieses Loch tatsächlich von Bedeutung? Die Polizei hat eine Umbettung nie bestätigt, hat aber nach Beobachtungen gefragt, die ab April 2013 in dem Waldstück gemacht wurden.

Nach MZ-Informationen hat der Täter in jedem Fall länger nach einem Ort gesucht, wo er sein Opfer vergraben kann. Denn im Umkreis des Auffindeortes fand die Polizei mehrere Stellen, an denen mit einem Spaten gearbeitet wurde. Vermutlich hatte der schwere, wurzeldurchzogene Boden Probleme bereitet.

Homepage mit allen Informationen

Der Spaten, den die Polizei neben der Leiche von Maria Baumer fand, und an dem zehn DNA-Spuren und ein Haar gefunden wurden, könnte für diese Arbeit verwendet worden sein. Zumindest als ein Werkzeug, sagt Spurensucher Werner. Er kreidet der Polizei an, dass sie der Öffentlichkeit kein Originalfoto des am Holz sichtbar abgegriffenen Spatens gezeigt hat. „Ein Bild eines ähnlichen, neuen Modells, bringt doch nicht weiter. Hier kann nur durch DNA-Abgleiche oder Zuordnung der Schuhspuren sinnvoll ausgeschlossen werden.“ Mit Christian F. konnte der Spaten nicht in Verbindung gebracht werden. Auch nicht die drei Schuhabdrücke, die die Polizei am Fundort sichergestellt hat.

Am Nachmittag brechen Christian F. und Spurensucher Werner B. die Suche ab. Vorerst. Familie und Bekannte des 30-Jährigen planen eine Homepage mit Informationen. Es geht um ungeklärte Fragen, belegbare Fakten und Ungereimtheiten bei den Ermittlungen. Das Ziel seiner Unterstützer sei, den Tod von Maria Baumer aufzuklären, sagt Christian F. Das sei auch in seinem Interesse.

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