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Integration

Bürger kämpfen für den Iraker Naji

Ein junger Iraker erfährt im Kreis Schwandorf eine Welle der Hilfsbereitschaft. Freunde setzen sich für sein Bleiberecht ein.
Von Renate Ahrens

Naji Yako soll eine Chance bekommen, fordert Kurt Seifert (li.). Michaela Mayer-Beer lernte Naji kennen, als er in der Engelswerkstatt half. Foto: Ahrens
Naji Yako soll eine Chance bekommen, fordert Kurt Seifert (li.). Michaela Mayer-Beer lernte Naji kennen, als er in der Engelswerkstatt half. Foto: Ahrens

SCHWANDORF.Naji Yako ist ein zurückhaltender, ein sympathischer junger Mann – er pflegt die leisen Töne. Das spürt jeder sofort, der ihm zum ersten Mal begegnet. Der 42-Jährige aus dem Irak hat nur einen einzigen Wunsch: mit seiner Familie vereint zu sein. Seit fast fünf Jahren lebt der gelernte Tontechniker und IT-Fachmann in Deutschland, seit einem Jahr in Schwandorf in einem winzigen Zimmer in einer Gemeinschaftsunterkunft. Von Anfang an habe er außergewöhnliche Eigeninitiative zur Integration gezeigt, sagen alle seine Freunde, Lehrer und seine deutschen „Eltern“, zu denen er sogar Papa und Mami sagt. „Alle sind so nett. Ich habe null Diskriminierung erlebt“, betont Naji mit leiser Stimme.

Kurt Seifert kämpft für Naji

Den sechsmonatigen Deutschkurs, den der Iraker im vergangenen Jahr machte, bestand er mit Auszeichnung, ebenso wie den Kurs „Politsche Bildung“. Sein Einsatz für seine Mitschüler ging sogar so weit, dass er zusammen mit dem Zeugnis 100 Euro von der Schule als Anerkennung bekommen habe, erzählt der Wackersdorfer Kurt Seifert, der Naji kürzlich bei einer Geburtstagsfeier kennengelernt hat und nun zusammen mit Freunden für ein Bleiberecht für Naji kämpft.

Naji Yako spielt mehrere Instrumente und liebt die Musik. Damit vertreibt er sich die Zeit, aber viel lieber würde er arbeiten. Foto: Kurt Seifert
Naji Yako spielt mehrere Instrumente und liebt die Musik. Damit vertreibt er sich die Zeit, aber viel lieber würde er arbeiten. Foto: Kurt Seifert

Dieser ist schlicht überwältigt von der Welle der Hilfsbereitschaft und Aufmerksamkeit, die ihm entgegenschlägt, auch in den sozialen Medien. Denn Najis Aufenthaltsgestattung läuft am 19. August ab, dann könnte er in den Irak abgeschoben werden, so wird befürchtet.

Unter seinen vielen deutschen Freunden herrscht darüber Empörung. Naji sei immer hilfsbereit und höflich und stets zur Stelle, wenn er gebraucht werde, so lautet der Tenor der Eintragungen auf Kurt Seiferts Facebookseite. Naji wehrt bescheiden ab: „Ich habe ja Zeit.“

Arbeitsplatz soll die Abschiebung verhindern

  • Ausbildung:

    Naji Yako ist IT-Fachmann und Tontechniker. Er wäre bereit zur Umschulung und würde praktisch „jede Arbeit“ annehmen.

  • Fähigkeiten:

    Von den rund 300 Euro, die Naji im Monat erhält, sparte er lange Geld und konnte den deutschen Führerschein bezahlen. Er spricht Aramäisch, Arabisch, Kurdisch, Englisch und Deutsch.

  • Einstellung:

    Politisch war Naji nie aktiv. „Die Menschen interessieren mich mehr als jede Partei“, sagt er.

  • Vita:

    Geboren wurde Naji Yako in Mossul im Nordirak. Die meisten Einwohner dort sind sunnitische Muslime. Mit 24 Jahren hat Naji seine Heimat verlassen und ist über Damaskus, wo er elf Jahre lebte, und der Türkei und Dubai nach Deutschland gekommen. In jedem Land lernte er die Sprache. Seine Mutter und Geschwister leben seit 2002 in Schweden. Sein Hobby ist die Musik.

  • Kontakt:

    Potentielle Arbeitgeber erreichen Naji unter der Telefonnummer (01 52)  16 73 21 65.

Gegen die drohende Abschiebung hat er nun Widerspruch eingelegt und erwartet mit Anspannung die Verhandlung am 3. September. Bei Erfolg verlängert sich seine Aufenthaltsgestattung, allerdings nur um ein halbes Jahr. Ansonsten rutscht Naji in den Duldungsstatus und bleibt weiter ausreisepflichtig. „Ich habe niemanden mehr im Irak“, erzählt Naji in nahezu perfektem Deutsch und schüttelt den Kopf. Außerdem ist er aramäischer Christ und gehört somit zu einer verschwindenden Minderheit. Seine Mutter und seine vier Geschwister leben in Schweden, doch auch dieses Land hat den Einreiseantrag dreimal abgelehnt.

Odyssee durch viele Länder

Schon einmal, als er über mehrere Jahre in Kemnath bei Fuhrn wohnte, drohte ihm die Ausreise, und zwar zunächst nach Italien. Dort war er nach einer Odyssee durch viele Länder erstmals in Europa angekommen. Sein damaliger Vermieter Winfried Hoffmann aus Kemnath äußert sich noch heute voller Lob für Naji: „Er ist ein offener und liebenswerter Mensch und hat es verdient, bleiben zu dürfen. Vorurteile haben bei ihm keine Chance.“

Von dieser deutschen Familie wurde Naji praktisch „adoptiert“. Zu Winfried Hoffmann (li.) sagt er Papa. Foto: Selina Weinfurtner
Von dieser deutschen Familie wurde Naji praktisch „adoptiert“. Zu Winfried Hoffmann (li.) sagt er Papa. Foto: Selina Weinfurtner

Schnell gehörte Naji zu Hoffmanns Familie, er sagt längst Papa zu ihm, „Mami“ zu Hoffmanns Lebensgefährtin Sieglinde Hösl und „Schwester“ zu Tochter Selina Weinfurtner. „Oma Lilo hat kürzlich ihren 99. Geburtstag gefeiert“, erzählt Naji strahlend. Hoffmann vermittelte Naji damals Kirchenasyl in Nabburg. Sieben Monate wohnte er dort, bis Italien nicht mehr auf der Ausreise bestand. Nur ein einziges Mal durfte er sein Zimmer mit polizeilicher Genehmigung verlassen und das Mittelalterfest besuchen – für Naji ein außergewöhnliches Erlebnis.

Naji soll endlich eine Heimat finden, sagen seine Freunde – wenn schon nicht in Schweden bei seiner Familie, dann in Deutschland. Eine Ausweisung stehe nicht unmittelbar bevor, erklärt Maria Zwick von der Ausländerbehörde in Schwandorf der Mittelbayerischen. Naji hätte noch viele Möglichkeiten, dagegen vorzugehen, betont sie.

Seine größte Chance zu bleiben, so sind seine Freunde überzeugt, sei eine sozialversicherungspflichtige Arbeitsstelle. Und so haben sie längst einen Aufruf in den sozialen Medien gestartet. „Wir sollten uns einmal in Najis Lage versetzen. Wie würde es uns gehen, wenn wir unsere Heimat verlassen müssten?“, sagt Kurt Seifert.

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