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Tiere

Burglengenfelder Falken stets im Blick

Kaum war der Horst im Zementwerk gereinigt, wurde auch schon das erste Ei gelegt. Per Webcam kann jeder beim Brüten zugucken.
Von Thomas Rieke

Fast scheint es, als würde der Falke einen skeptischen Blick in Richtung Kameralinse werfen. Ob er spürt, dass er laufend beobachtet wird? Foto: HCAG
Fast scheint es, als würde der Falke einen skeptischen Blick in Richtung Kameralinse werfen. Ob er spürt, dass er laufend beobachtet wird? Foto: HCAG

Burglengenfeld.Das nennt man Timing: Am 27. Februar haben Stefan Preisl und Walter Preis von der Baumpflege Zentrale Burglengenfeld den Horst der Wanderfalken, die am Areal des Zementwerks zuhause sind, von Schmutz befreit; nur wenige Stunden später wurde das gemachte Nest besetzt, und tags darauf hat das Greifvogelweibchen ein erstes Ei gelegt. Mittlerweile sind es drei. Mit Inbrunst wird gebrütet!

Wer’s nicht glaubt, überzeuge sich selbst. Seit 2014 gibt es die Möglichkeit, über eine Webcam direkt einen Blick ins Schlafzimmer der Falken zu werfen. Im Minutentakt werden Bilder aufgenommen und gespeichert. Das Herz eines jeden Tierfreunds schlägt dabei höher.

Das Geheimnis der „Black-Box“ entschlüsselt

2014: Höhenkletterer installieren im Zementwerk die erste Falken-Cam. Bis dahin war der Nistkasten eine „Black-Box“. Foto: HCAG
2014: Höhenkletterer installieren im Zementwerk die erste Falken-Cam. Bis dahin war der Nistkasten eine „Black-Box“. Foto: HCAG

Möglich wurde dies durch ein Gemeinschaftsprojekt. Paul Muck, kaufmännischer Leiter bei HeidelbergCement (HC), hatte dem damaligen Werkleiter, Wilhelm Lotz, vorgeschlagen, die „Black-Box“, welche der Nistkasten seit seiner Installierung 2001 dargestellt hatte, mit einer Webcam auszustatten. „Wir wussten bis dahin ja nicht, was darin vorgeht und stellten uns immer die Frage: Brüten die Falken schon? Wie viele Junge haben sie diesmal?!“ Lotz gab grünes Licht.

Wie der Zufall so spielt, gab es zeitgleich eine Anfrage von Michael Hitzek, Pressereferent der Stadt, und Markus Heller, ebenfalls ein gebürtiger Burglengenfelder, von der Münchner relix-GmbH. Ob sie am Wärmetauscherturm nicht eine Kamera montieren dürften, um von der Stadt wunderbare Panoramabilder ins Netz zu stellen? Schnell wurden HeidelbergCement und relix zu Partnern.

Allerdings gab es im Premierenjahr auch Probleme, die einen schmunzeln lassen. Die Kamera war so montiert, dass sie die Vögel regelmäßig vollpfefferten. Die Sicht war also bald schwer getrübt.

6. Oktober 2015: Wegen der Modernisierung des Zementwerks musste für den Nistkasten ein neuer Standort gesucht werden. Heute hängt er auf rund 65 Meter Höhe am rechten Wärmetauscherturm, und dort soll er auch bleiben. Foto: Muck
6. Oktober 2015: Wegen der Modernisierung des Zementwerks musste für den Nistkasten ein neuer Standort gesucht werden. Heute hängt er auf rund 65 Meter Höhe am rechten Wärmetauscherturm, und dort soll er auch bleiben. Foto: Muck

Für die Generalsanierung des Betriebs, die 2016 starten sollte, musste der Nistkasten freilich weichen, was aber leichter gesagt als getan war. Der Biologe Jochen Röder (er arbeitet hauptberuflich und deutschlandweit für HC) berichtet, der Artenschutz schreibe es vor, dass auch bei selbst installierten Greifvogel-Nisthilfen vor Veränderungen Alternativen anzubieten sind. Das heißt: Am Zementwerk-Gelände wurden an drei anderen Standorten weitere Kästen montiert. Um die Falken zum Umzug zu motivieren, wurde der bisherige mit einem Brett verschlossen.

Industriebetrieb mit Herz für die Natur

  • Engagement:

    Peter Muck ist nicht nur „Büromensch“. Er leitet zwar die kaufmännische Abteilung von HeidelbergCement in Burglengenfeld und ist insofern viel an Schreibtisch und PC gebunden. Gleichzeitig aber hat er eine große Leidenschaft für den Natur- und Artenschutz. „Raus aus dem Büro, rein in die Natur“, ist sein Motto.

  • Projekte:

    Schon mehrfach hat er im Zementwerk Projekte zur Förderung der Biodiversität umgesetzt. Als Beispiele nennt er die Ziegen- und Schafbeweidung zur Erhaltung und Förderung der ökologisch wertvollen Magerrasenflächen und die erfolgreiche Ansiedelung der gemeinen Küchenschelle. Vor einigen Jahren ließ die Firma Magerrasen von außerhalb des Steinbruchs liegenden Flächen abmähen und die Mahd im Steinbruch ausbringen. So sollten neue Magerrasenflächen auf den nährstoffarmen Böden entstehen.

  • Anerkennung:

    Der Konzern HeidelbergCement (HC) wird für sein grünes Engagement von Natur- und Tierschutzverbänden gelobt. Tatsächlich hat das Unternehmen schon vor vielen Jahren als erster Betrieb der Steine-Erde-Industrie in Deutschland einen hauptamtlichen Biologen angestellt. Seit geraumer Zeit kümmert sich Jochen Röder auf allen der rund hundert Abbaustätten von HC um den Artenschutz. Die Abbaustätten seien „interessante Sekundärlebensräume“, bestätigt der Leiter der LBV-Bezirksgeschäftsstelle, Christoph Bauer. (ht)

Bis solche bezaubernden Bilder wieder zu sehen sind, müssen sich die Burglengenfelder noch etwas gedulden. Dies ist eine Archivaufnahme. Foto: HCAG
Bis solche bezaubernden Bilder wieder zu sehen sind, müssen sich die Burglengenfelder noch etwas gedulden. Dies ist eine Archivaufnahme. Foto: HCAG

Der Trick funktionierte, die Falken nahmen einen anderen Brutort in Beschlag, und zwar genau den, der den Naturschutzexperten am geeignetsten erschien. Der Kasten befindet sich auf der Ostseite des rechten Wärmetauscherturms auf nunmehr 65 Meter Höhe (vorher 86) – und soll dort auch bleiben. Hätten die Vögel das Angebot verweigert, wäre das alte Nest wieder geöffnet worden, sagt Röder. Nur so wäre eine Brutunterbrechung zuverlässig zu vermeiden gewesen. Die Verantwortlichen hätten sich einen Plan B überlegen müssen; sogar zu einer Verzögerung der Baumaßnahmen hätte es kommen können.

Die Population hat sich stark erholt

Die Geschichte der Falken am Zementwerk-Areal reicht aber noch weiter zurück. Schon 2001, als zur Renovierung der alten Kamine Gerüste aufgestellt wurden, entschied man sich, für die damals als stark gefährdet eingestufte Vogelart einen Nistkasten anzubringen. Einen entscheidenden Impuls dazu gab nach Informationen unseres Medienhauses der stellvertretende Kreisvorsitzende des LBV, Hermann Rank. Er hatte an seinem Arbeitsplatz, der Raffinerie Neustadt a.d.Donau, von einer entsprechenden Initiative erfahren und sofort erkannt, dass sich auch das Betriebsgelände von HC in Burglengenfeld dafür eignen müsste. Er wandte sich an die Unternehmensleitung – und rannte offene Türen ein.

7. März 2019: Drei Eier liegen derzeit im Nest, das erste wurde bereits am 28. Februar gelegt. Die Brutpflege dauert rund einen Monat. Die Jungvögel brauchen rund 40 Tage, bis sie flügge werden. Foto: HCAG
7. März 2019: Drei Eier liegen derzeit im Nest, das erste wurde bereits am 28. Februar gelegt. Die Brutpflege dauert rund einen Monat. Die Jungvögel brauchen rund 40 Tage, bis sie flügge werden. Foto: HCAG

Der Erfolg des „Reproduktionsprojekts“ ist unstrittig. Rund 35 Wanderfalken haben seit dem Start das Licht der Welt erblickt. Auch wenn längst nicht alle Jungtiere die erste Zeit überlebten, so hat sich laut LBV-Bezirksgeschäftsstellenleiter Christoph Bauer die Population des Falken deutlich erholt. „Es geht ihm besser, wir haben ein stabiles Niveau erreicht.“

Hermann Rank aus Maxhütte ist ein Vogelliebhaber und sammelt Federn. Foto: Sigel
Hermann Rank aus Maxhütte ist ein Vogelliebhaber und sammelt Federn. Foto: Sigel

Hermann Rank geht noch ein Stück weiter: In den letzten hundert Jahren habe es in Bayern nie mehr Wanderfalken gegeben als heute. Den Bestand speziell in Burglengenfeld noch weiter hochzuzüchten, mache gar keinen Sinn, weil sich die Vögel nur in die Quere kämen. Die Territorien seien genau abgesteckt. Das ist übrigens auch der Grund für den Namen des Wanderfalken: Die Jungen müssen sich eigene Gebiete suchen, also auf Wanderschaft begeben.

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