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„Das Festival wird das deutsche Woodstock“

„WAAhnrock“ eröffnete die Schwandorfer Dokumentarfilmtage. Regisseur Helge Cramer berichtet, wie der Film entstand.
Von Franziska Biederer

Regisseur Helge Cramer nimmt in seinem Film „WAAhnrock“ den „Großeinsatz der Polizei aufs Korn“.

Schwandorf. Über 100.000 Menschen reisten 1986 nach Burglengenfeld. Sie kamen zum Anti-Waahnsinns-Festival, um friedlich gegen die geplante Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf zu protestieren. Stars wie Udo Lindenberg, Herbert Grönemeyer, Wolfgang Ambros, Rio Reiser und die Toten Hosen traten damals auf dem Lanzenanger auf. Die Polizei kontrollierte nahezu jeden Besucher. Regisseur Helge Cramer nimmt in seinem Film „WAAhnrock“ den „Großeinsatz der Polizei aufs Korn“. Im MZ-Gespräch erzählt er, wie er den Widerstand erlebt hat und warum damals zwei verschiedene Filme entstanden.

Nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima haben Sie den Film „WAAhnrock“ auch in Regensburg und Nürnberg gezeigt. Wie war die aktuelle Eröffnungsvorstellung in Schwandorf?

Ich glaube, wenn wir im Anschluss diskutiert hätten, hätte das Stunden gedauert. Schließlich waren Menschen im Publikum, die das Festival und den Widerstand miterlebt haben. Die Ablehnung der WAA war damals nicht einhellige Meinung in der Oberpfalz. Auch wenn es nur – wie es damals den Anschein hatte – eine Minderheit von WAA-Befürwortern gab. Früher ging der Riss ja richtig durch Familien. Heute hat sich das in der Oberpfalz wieder gelegt – es hat keine unüberwindbare Gräben gerissen, sondern es ist Geschichte. Insofern finde ich das toll, wenn beide Lager, die ja heute im Alltag friedlich zusammen- leben und nach wie vor in Familien sind, zusammen im Kino sitzen.

Was glauben Sie: Wie sieht ein Zuschauer, der als Polizist während des Festivals im Einsatz war, Ihren Film?

Na ja, der Polizist hat ja damals erlebt, wie er seine Marschbefehle und seine Aufträge hatte... Es gab ein Feindbild, das war der Schwarze Block, nicht aber die Bevölkerung. Nicht der einzelne Polizist persönlich, sondern die Einrichtung Polizei hat das schließlich übertragen, letztendlich auch auf die einheimische Bevölkerung, die Widerstand geleistet hat.

Und so haben sich die beiden Lager verhärtet?

Natürlich glaubten sich die Befürworter genauso im Recht wie die Gegner. Und das war dann eben so, dass da kein Gespräch mehr möglich war. Auch deshalb, weil die Polizei und die Justiz immer wieder über die Strenge geschlagen haben – auf eine unglaubliche Weise. Der Schwarze Block – da flogen dann auch Steine und da sind dann auch Mollis geworfen worden, das wissen wir alle... Aber das ist ein Phänomen, das es bei allen Protestbewegungen dieser Republik gibt, dass dann eben ein paar verbohrte Leute kommen. Schön und gut, aber das kann man nicht dem Widerstand anlasten. Man kann dann nur der Polizei oder den Machthabenden sagen – ja dann sorgt eben dafür, dass diese Leute nicht zum Zug kommen, aber zerstört nicht den Widerstand, greift nicht den Widerstand an. Der Widerstand ist legitim und auch gesellschaftlich notwendig.

Also auch Polizisten und ehemalige WAA-Befürworter können bei Ihrem Film schmunzeln?

Ja, das glaube ich schon. Weil es ging ja nicht darum, dass der Film die Position vom Schwarzen Block vertritt und sagt, wir müssen mit Mollis den Staat aufräumen und die gesamte Gesellschaft abschaffen. Das wollte weder die Bevölkerung, noch ist es die Message dieses Filmes. Der Film zeigt einfach, was hier installiert werden sollte. Er zeigt, wie bei diesem Festival, auf einmal ganz normale bürgerliche Rechte eingeschränkt wurden. Ich finde das heute noch hundserbärmlich, wenn ich das sehe... wie die ganze Region abgesperrt worden ist...

Sie zeigen die Kontrollen der Festivalbesucher.

Ja ich höre im Film dazu, wie der Polizeioberhäuptling sagt: Es werden nur bei einzelnen Fahrzeugen Stichproben gemacht. Der Polizeibeamte vor Ort, der aus Westfalen kommt, sagt aber nein nein, wir haben einen klaren Auftrag: Jedes einzelne Fahrzeug wird durchsucht. Mit solchen Befehlen konnte genau diese Schikane Platz greifen und die Wut der Bevölkerung und die der Festivalbesucher wurde eigentlich mit Vorsatz inszeniert und geschaffen. Wohl in der Erwartung, dass dann schon einige Festivalbesucher irgendwelche Gewalttaten anwenden werden. Dann hätte man sich wiederum im Recht sehen und sagen können: „Wir hätten das ganze verhindern müssen... und wir müssen jetzt unsere neuen Waffen einsetzen.

Wie haben Sie die Publikumsreaktionen während des Filmes erlebt?

Ich glaube das Publikum ging mit und war gefesselt.

Und wie gefällt Ihnen selbst der Film nach so vielen Jahren?

Als ich den Film wieder gesehen habe, dachte ich mir. Oh Gott, oh Gott, der Vorspann ist ja grauenhaft. Deshalb habe ich ihn auch eingedickt – ursprünglich war er noch eineinhalb Minuten länger. Ein Film muss von Anfang an funktionieren. Der Film geht aber erst ab Minute acht richtig los. Den Beginn würde ich heute etwas anders machen. Ansonsten habe ich in dem Film mit einer Montageform gearbeitet, zu der ich heute noch stehe.

Wie ist es eigentlich zu der Idee für den Film gekommen?

Das kam von verschiedenen Himmelsrichtungen. Zunächst war da die Situation, dass in Burglengenfeld die Jugendinitiative saß, der Verein zur Förderung der Jugendkultur, als Träger der Anti-WAA-Festivals. Es gab schon vier Vorläufer-Festivals regionaler Art, die nicht über die Region hinaus bekannt wurden und natürlich nicht diese Riesenmengen an Zuschauern hatten. Und es gab natürlich den Widerstand vor Ort, es gab regionale Autoren, zu denen zählte ich, die haben die WAA-Geschichte beobachtet. Ich habe für verschiedene Fernsehanstalten Magazinberichte erstellt und mir damit nicht nur den Unwillen der hiesigen Polizeileitung, sondern auch die des Bayerischen Rundfunkes, der damals mein Hauptarbeitgeber war, zugezogen.

Hatte das Folgen für Sie?

Mein erster großer Monitor-Bericht, mit dem ich den radioaktiven Zerfall von Bürgerrechten in der Oberpfalz thematisiert habe, bedeutet das Ende meiner Karriere beim Bayerischen Rundfunk. Zwei Tage nach der Sendung hatten alle Redaktionen einen Brief vom Intendanten erhalten, dass der Autor Cramer nicht mehr beschäftigt werden dürfe. Das ging damals von Stoiber aus und hatte eine längere Vorgeschichte. Jedenfalls wurde das Auftragsverbot über zwei Jahrzehnte eisern befolgt – heute ist das alles wieder ein bisschen aufgelöst. Aber zu dieser Zeit konnte ich so noch freier die Themen machen, die ich machen wollte...

Damals griffen Sie das Thema „WAA-Widerstand in Wackersdorf“ auf?

Ja, ich habe weiter die Geschehnisse in Wackersdorf beobachtet und sehr frühzeitig erfahren, dass ein großes Festival geplant wird. Da habe ich gesagt: Ja – das ist der Moment für den Deutschen Woodstock-Film. Das wird das Deutsche Woodstock.

Einen Auftraggeber hatten Sie also nicht für den Film?

Nein. Ich habe damals die Bürgerinitiative angerufen in Burglengenfeld und habe gefragt. Ich sagte, ihr kennt mich und meine Magazinbeiträge – ich hätte Lust hier einen Film zu machen. Die Mitglieder der BI sagten, das sei prima. Sie hätten schon den Journalisten Uwe Heitkamp gefragt, ob er einen Beitrag macht und ich solle ihn fragen, ob das zusammengehe. Damals habe ich den Uwe das erste Mal getroffen. Er hatte schon im Schulhaus seinen Bereich. Uwe hatte damals auch schon Christian Wagner mit dazugeholt.

Und wie haben Sie die Aufgaben untereinander aufgeteilt?

Christian Wagner war der Rock-Palast-Regisseur..., Er war eigentlich der Erfinder des Rock-Palastes – er kannte die Musikgruppen alle. Es war zwar trotzdem mit den üblichen Schwierigkeiten behaftet, wirklich alle in ein Boot zu holen und ein Papier zu haben, das alle unterschrieben haben. Das war eine hochkomplizierte Angelegenheit. Christian hat hier ganz hervorragende Arbeit geleistet. Er machte also seine Rockshow – auch mit der Rockpalast-Crew.

Und Ihre Rolle?

Ich habe mich um das gekümmert, was im Umfeld passiert ist. Ich habe also beobachtet, wie die Polizei die ganze Geschichte behindert hat, was beim Aufbau los war und was es an Versuchen in der Bayerischen Staatsregierung gab, das Festival zu verhindern. Ich hab frühzeitig dafür gesorgt, dass Aufzeichnung gemacht werden. Uwe hatte damals auch schon eine Menge gearbeitet, zum Beispiel hat er die Interviews am Zaun geführt, die man im Film sieht, unter anderm das mit dem Polizeihäuptling.

Wie haben Sie den Dreh finanziert?

Wir haben selber produziert, obwohl es keinen Produzentenvertrag gab. Im Grunde war es so – wir hafteten alle mit unseren Vermögen – oder wir hätten gehaftet, aber keiner hat sich darüber einen Kopf gemacht... Im Hintergrund hatten wir die BI, die gesagt hat, macht ihr – wir decken die Kosten ab, wenn es schiefgeht.

Alle Beteiligten haben ohne Lohn und Honorar gearbeitet.

Wir erhielten nur unsere Spesen.

Sie hatten rund 36 Stunden an Musikmaterial.

Die Musikauswahl war die Hauptarbeit. Ich habe assoziativ gearbeitet, und darauf geachtet, was passt gut zur Atmosphäre am Anfang, was zieht rein in den Film. Da habe ich mich dann für das Mühlhiasl-Zitat und die wunderbare Haindling-Nummer entschieden – das passte wie die Faust aufs Auge... dazu haben wir die Einstellung gedreht, von der aus man reingucken kann in das WAA-Lager und den gewaltigen Polizeiaufmarsch...

Am Ende entstanden zwei Filme: Der Kinofilm „WAAhnsinn – Der Wackersdorf-Film“ und WAAhnrock. Warum?

Wir haben uns in der Produktion hinterher heftig gestritten... Ganz am Ende, als es darum ging, wie kommt der Film jetzt ins Kino. Es gab auf der einen Seite die Filmfassung, die ich gemacht hatte... Der Rockpalast-Regisseur sagte aber, er wolle mit seinem Namen nach vorne und er wolle, dass eine Tonspur rausfliegt, nämlich die politische. Die Nachrichten, Zitate von Franz Josef Strauß, der Polizeifunk, alles, was den politischen Hintergrund ausmacht. Damit schwebten die dokumentarischen Teile großteils im luftleeren Raum. Auch der Verleih sagte, die Kids, die hier ins Kino gehen, die wollen die Stars sehen und nicht irgendwelche Politiker reden hören.

Sie entschieden sich für eine zweite Fassung.

Ja, ich habe zwei Monate lang jede Nacht in einer Firma geschnitten. Tagsüber brauchte die Firma selbst die Geräte. So kam das zustande, sonst hätte man nochmals mit einem fünfstelligen Betrag rechnen müssen und das wäre nicht drin gewesen. Eigentümer dieses Films ist nicht der Verleih, sondern die BI.

Und der Film „WAAhnsinn – Der Wackersdorf-Film“ ist hoffentlich für alle Zeiten in der Versenkung verschwunden. Der Film ist schlicht und einfach gruselig. Von der filmästhetischen Montage her ist der Film gerade in den wichtigen Szenen, die Musik und das politische Geschehen in direkten Kontext stellen – so grottig verhunzt worden.

Wäre der Widerstand, den Sie in Ihrem Film zeigen, heute noch möglich?

Wenn wir solch eine Situation hätten, wäre es heute noch möglich, ja. Stuttgart hat gezeigt – es geht noch, und es geht überall dort, wo Leute betroffen sind. Sie werden dann wach und merken – hier müssen wir uns ganz einfach engagieren.

Das weitere Programm:

Waahnrock: Samstag, 18.15 Uhr und Sonntag, 11. März, 16 Uhr; bei Vorstellungen sind allerdings bereits ausverkauft. Deshalb wird es am 17. und 18. März, jeweils um 18 Uhr, noch zwei Zusatzvorstellungen des Films im Union-Kino geben.

Frei: gespielt: Sonntag, 11. März, 11 Uhr;

Prinzessinenbad: Samstag um 16 Uhr;

Taste the waste: Sonntag, 11. März, um 18.15 Uhr (ist bereits ausverkauft)

The big Eden: Sonntag, 11. März, um 20. 15 Uhr, ab zwölf Jahren

Schwarzkopf: Samstag um 22 Uhr;

Gernstls Reisen: Sonntag, 11. März, um 16 Uhr

Lagerfeld Confidential: Heute um 16 und 20.15 Uhr, ab zwölf Jahren.

Der Film „WAAhnrock“ ist auch auf DVD erhältlich bei Wolfgang Novak von der BI gegen die Wiederaufarbeitungsanlage, unter Telefon (0 94 31) 36 83.

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