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Debatte auch in Teublitz: Darf Straße nach Kriegsverbrecher benannt sein?

Die Dr.-Fr.-Flick-Straße in Teublitz

Die Stadträte von Maxhütte-Haidhof haben sich einstimmig für die Beibehaltung des Straßennamens ausgesprochen. Die Teublitzer Bürgermeisterin Maria Steger unterstreicht, dass der Name Dr. Friedrich Flick untrennbar mit dem Standort des Eisenwerks verbunden ist. „In der Zeit, als Dr. Flick Mitinhaber des Eisenwerkes war, flossen Teublitz immer wieder Gelder für soziale und kulturelle Bereiche zu. Insbesondere hat Flick den sozialen Wohnungsbau in der Stadt intensiv gefördert. In Teublitz verbindet die ältere Generation mit dem Namen Flick Arbeit und Wohlstand. Unleugbar negativ zu sehen ist dagegen die Rolle Dr. Flicks vor und während des 2. Weltkrieges. Er hat das Naziregime unterstützt und Kriegsgefangene als Zwangsarbeiter in seinen Betrieben beschäftigt. Fakt ist, dass Flick ein verurteilter Kriegsverbrecher ist. Da Flick von den Amerikanern bereits 1950 begnadigt worden ist, konnte er im Nachkriegsdeutschland wieder ein Wirtschaftsimperium aufbauen. Später erhielt er u. a. das Bundesverdienstkreuz und den Bayerischen Verdienstorden. Nun stellt sich die Frage, muss vor diesem Hintergrund die Dr. Friedrich-Flick-Straße umbenannt werden? Die Antwort darauf kann nur durch einen Stadtratsbeschluss erfolgen. Wie dieser Beschluss aussehen wird, kann ich nicht vorhersagen. Ich hoffe jedoch auf eine sachliche Diskussion. Die Entscheidung muss jeder Stadtrat für sich selbst treffen. Natürlich interessiert uns auch die Meinung der Bürgerinnen und Bürger. Deshalb werden wir uns für diese Entscheidung viel Zeit nehmen und die Argumente gründlich gegeneinander abwägen. Bei der Sitzung in der nächsten Woche wird dieses Thema nicht öffentlich erstmals beraten.“

CSU-Fraktionssprecher Stephan Leistikow stellt ebenfalls die Frage, was Teublitz ohne das damalige Eisenwerk wäre? „Ohne Frage“, so fährt er fort, „ist es ein sehr sensibles und für mich sehr schwieriges Thema, über das momentan gesprochen wird.

1947 wurde Friedrich Flick als Kriegsverbrecher verurteilt. 1950 wurde er von den Amerikanern begnadigt. Warum? 1953 benannte der Gemeinderat die Dr.-Friedrich-Flick-Straße. Warum? Für mich stellen sich einige Fragen. Warum wurden hohe Auszeichnungen bis heute von der großen Politik nicht aberkannt? Ist es vielleicht so, dass hier die Verdienste zählen sollten, die Dr. Flick nach Kriegsende für Deutschland, Bayern und Teublitz im speziellen geleistet hat? Ohne Frage, die Geschehnisse des Zweiten Weltkriegs und die Beschäftigung von Zwangsarbeitern waren grausam. Wenn man sich mit der Biografie von Friedrich Flick beschäftigt, merkt man, dass er sich immer auf die Seite der Regierenden gestellt hat. Er hat diese unterstützt, um betriebswirtschaftlich erfolgreich zu sein. Ist das richtig oder falsch? Ich fordere für mich noch Zeit, bevor eine Entscheidung getroffen wird. Ich rege auch an, alle Teublitzer in den Entscheidungsprozess einzubeziehen. Vielleicht gibt es ja noch bessere Lösungen, die wir gemeinsam im Laufe der nächsten Wochen finden könnten.“

SPD-Fraktionssprecher Franz Pfeffer gelangt ebenfalls zu der Feststellung, dass „für die Menschen bei uns der Name Flick gleichbedeutend mit Wiederaufbau und Wohlstand ist. Der Name steht aber genau so für unvorstellbares Leid und maßlose Verbrechen gegen die Menschlichkeit in der Nazizeit. Er hat sich an der millionenfache Ausbeutung von Zwangsarbeitern bereichert. Wenn wir in Teublitz den Straßennamen ändern, gehen beide Erinnerungen verloren: an die Verdienste und an die Verbrechen. Den Namen einfach beizubehalten und die entflammte öffentliche Diskussion zu ignorieren, verbietet sich aber genau so. Als Sozialdemokraten wollen wir nicht, dass Teublitz ein ähnlich brauner Ruf anhaftet wie Regensburg nach der jahrelangen Diskussion um den Nazidichter Florian Seidl. Auch hier war ein Straßenname der Auslöser.

Eine Entscheidung darüber hat der Stadtrat zu treffen. Es geht um eine echte Gewissensentscheidung. Wir täten gut daran, ein paar Fragen vorab zu klären. Wie haben sich andere Städte verhalten? Welchen Rat geben zum Beispiel die Leiter der KZ-Gedenkstätten in Dachau oder Flossenbürg?

Wichtig ist aber auch, mit den Anwohnern der Flick-Straße zu sprechen. Diese öffentliche Diskussion auch etwas Gutes: Die vielen jungen Leute und die Neubürger, die Friedrich Flick und das Eisenwerk höchstens noch aus Erzählungen kennen, werden so auf die Geschichte unserer Stadt aufmerksam gemacht.“

Mit Geschäftsleitendem Beamten Franz Härtl stöberte die MZ im Archiv im Rathaus. Vom 29. Juli 1953 stammt der Beschluss Nummer 193 des Marktgemeinderats Teublitz zum Tagesordnungspunkt „Bezeichnung der Straße Pl. Nr. 88/5 bei den Schulhäusern in Teublitz“. Darin ist aufgeführt: „Aufgrund seiner großen Verdienste, die sich Herr Dr. Friedrich Flick als Mehrheitsbesitzer der Eisenwerkgesellschaft Maximilianshütte AG für die wirtschaftliche, kulturelle und soziale Aufwärtsentwicklung auch in der Marktgemeinde Teublitz erworben hat, beschließt der Marktgemeinderat einstimmig, die neue Straße, an der gegenwärtig 36 Wohnungseinheiten von der Maxhütte AG errichtet werden und noch weitere Wohnbauten geplant sind, nach dem Namen des Herrn Dr. Friedrich Flick zu benennen. Mit der Bezeichnung der neuen Straße nach dem Namen des Herrn Dr. Flick möchte der Marktgemeinderat seinen gebührenden Dank für die hohen Verdienste um die Werktätigen der Marktgemeinde Teublitz sichtbaren Ausdruck verleihen. Damit soll auch der Namen des Herrn Dr. Flick in der künftigen Stadt in steter Erinnerung bleiben.“

Mit Schreiben vom 4. August 1953 holte Bürgermeister Josef Hochstettler die Genehmigung für die Straßennamensgebung bei Dr. Flick persönlich ein. „Die Marktgemeinde Teublitz ist mit Betriebsgemeinde ihres Werkes Maxhütte-Haidhof. Seit Bestehen des Werkes Haidhof stellte die Marktgemeinde das größte Arbeiterkontingent der Belegschaft in demselben. Gegenwärtig sind rund 700 Erwerbstätige dort beschäftigt. Der Marktgemeinderat fasste den einstimmigen Beschluss, eine Straße nach ihrem geschätzten Namen zu benennen. Durch die neue Bezeichnung will der Marktgemeinderat seinen gebührenden Dank für ihre hohen Verdienste um die Werktätigen der Marktgemeinde Teublitz sichtbar zum Ausdruck bringen. Gleichzeitig erlauben wir uns, sie zur Stadterhebungsfeier am 9. August einzuladen.“

Am 6. August 1953 teilte Dr. Flick der Marktgemeinde mit, dass er zu den Stadterhebungsfeierlichkeiten nicht kommen könne, da er eine dringende Geschäftsreise antreten müsse. „Aus dem vorliegenden Anlass habe ich mir erlaubt, der Stadt Teublitz eine Spende von 28000 DM für den sozialen Wohnungsbau zur Verfügung zu stellen. Von dem einstimmigen Beschluss des Marktgemeinderates, die neue Straße nach meinem Namen zu benennen, habe ich mit großer Befriedigung Kenntnis genommen. Ich nehme die mir damit zuteilwerdende Ehrung, für die ich ihnen meinen herzlichsten Dank ausspreche, gerne an.“

Mit Schreiben vom 21. August 1953 dankte Hochstettler Dr. Flick für die Spende und die Genehmigung, dass die Straße den Namen Friedrich Flick tragen darf. Hochstettler erinnerte auch an folgende Worte des Innenministers und stellvertretenden Ministerpräsidenten Dr. Wilhelm Hoegner anlässlich des Festaktes der Stadterhebung am 9. August 1953: „Der Zufall der Geschichte wollte es, dass Teublitz als ursprünglicher Ausgangsort der Maxhüttenindustrie von der Stadt Maxhütte überflügelt wurde, aber Teublitz ist in diesem Falle Muttergemeinde der Stadt Maxhütte und Mutter des Eisenwerkes.“

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