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Dem Phänomen Widerstand auf der Spur

Irina Kosean (24) möchte mit ihrem Film „Halbwertszeiten“ zum Nachdenken anregen

Die Regisseurin Irina Kosean will nicht moralisieren.Foto: Hirzinger

Von Elisabeth Hirzinger

Irina Kosean war vier Jahre alt, als sie auf ihrer ersten Demo war. Das war vor 20 Jahren. 20 Jahre sind vergangen seit dem Reaktorunfall in Tschernobyl, 20 Jahre, seit ihr Vater, ein Architekt aus München, „zum Bäume festhalten“ nach Wackersdorf fuhr. Bis heute ist für die 24-jährige Studentin vieles, was damals geschah, kaum vorstellbar – dass der Protest gegen eine Wiederaufarbeitungsanlage fast eine Million Menschen mobilisierte. Dass WAA-Gegner über Jahre fast jedes Wochenende demonstrierten. Wäre das heute noch vorstellbar? Wäre es wieder möglich, einen Widerstand zu organisieren?

Mit diesen Fragen im Kopf hat sich die junge Frau aus München, die Politikwissenschaften und Medienpädagogik studiert, auf den Weg in die Oberpfalz gemacht, auf die Suche nach dem Phänomen Widerstand. Irina Kosean hat im Archiv ihres Vaters gewühlt, mit WAA-Gegnern und -Befürwortern geredet und schließlich einen Film gedreht.

Der Film beginnt 1986. Damals fuhr Irinas Vater immer in „so ein Dorf“. Was ihr Vater in dem Dorf Wackersdorf genau getan hat und warum, das wollte Irina 20 Jahre später herausfinden. Denn, dass dort die Guten von bösen Kräften bedroht wurden und sich wehren mussten, so einfach wie sich Irina Kosean das als Kind vorgestellt hatte, konnte es wohl nicht gewesen sein.

Irina lässt Irmgard Gietl, eine kämpferische Oberpfälzerin, erzählen, blendet den damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß ein, filmt den früheren bayerischen Innenminister Karl Hillermeier, zeigt Stefan Vogel aus München, den Landwirt Josef Fischer aus Kölbldorf, den Autonomen Peter Jungfleisch und Gert Wölfel, damals im Vorstand der DWK. Von einem Gesprächspartner zum anderen schwenkt die Kamera.

Dazwischen sind historische Aufnahmen von prügelnden Polizisten oder vom Hüttendorf zu sehen, oder auch nur vom Wald bei Wackersdorf, hinterlegt mit WAA-Gegnern vertrauten Geräuschen – Hubschrauber, Schreie, „Aufruhr, Widerstand, keine WAA im Land“.... Mit dem zeitlichen Abstand wirken die Gesänge befremdlich.

Genauso befremdlich wie Karl Hillermeier, der viel lacht und Strauß interpretiert, der damals enttäuscht gewesen sei, „weil wir dem ganzen Raum was Gutes tun wollten“. Strauß war ob der Proteste verärgert, „mit Recht“ wie der Innenminister a. D. findet. Es will ihm nicht in den Kopf, dass sich die Oberpfälzer, wie er meint, vor den Karren der Chaoten haben spannen lassen. Und Hillermeier versteht „bis heute nicht“, warum das Projekt „von der Energiewirtschaft abgeblasen worden ist“.

„Kaum noch vorstellbar“ ist auch für Irmgard Gietl, was sich damals in Wackersdorf angespielt hat. Wenn sie die alten Aufnahmen sieht („Gejagt haben sie uns wie die Hunde“) steigt ihr heute noch die Wut auf.

Stefan Vogel aus München ist „heute noch gerührt“ ob der Freundlichkeit der Oberpfälzer. Von ihm weiß der Zuschauer am Ende des Films, dass er nie Hass empfand und mittlerweile erfolgreich einen Lampenladen führt.

Authentisch wirkt dagegen der Landwirt Josef Fischer aus Kölbldorf. Sein Hof wurde eines Morgens von 500 Polizisten umstellt. Schelmisch grinsend zitiert er aus einem Schreiben: „... wurden vom Stall verdächtige Metallgeräusche wahrgenommen“. Die Geräusche gibt es heute noch, lacht er. Und die Kamera zeigt eine Kuh, die ihren Kopf schüttelt.

In der Oberpfalz hängen geblieben ist Peter Jungfleisch, ein Autonomer, der als erstes seine „berühmte Maske mit Augenschlitz“ ins Bild hält. Er beschwört den Geist der Jugend, trauert den alten Zeiten nach, bedauert, dass der „Aufhängepunkt“ fehlt und möchte am liebsten eine Brücke vom Gestern ins Heute schlagen.

Die Verbindung zum Heute setzt Mole Hofmann, der im Burglengenfelder Jugendzentrum Billard spielt und darüber sinniert, dass das Feindbild früher leichter zu definieren war. Gegen Ende des Films fährt noch Gert Wölfel durch das Industriegebiet Wackersdorf und spricht von „einem der dunkelsten Kapitel in meinem Leben“.

Irina Kosean hat „sehr unterschiedliche Menschen“ mit der Kamera begleitet, die Oberpfälzer Hausfrau genauso wie den auswärtigen Autonomen. Der Blick auf die jüngste Geschichte hat die junge Regisseurin nachdenklich gemacht. Und sie, die mit ihrem Film weniger dokumentieren, gar nicht moralisieren, sondern nur nachdenklich stimmen wollte, hat sich schließlich gefragt: Wo ist eigentlich mein Widerstand? Wenn sich das auch nur ein paar Zuschauer am 27. November fragen, hat sie das Ziel, das sie sich gesteckt hat, erreicht.

Vergangene Woche war Kosean in Schwandorf, hat im Pfarrheim in Fronberg vor einem kleinen Kreis von WAA-Gegnern und Interview-Partnern ihren Film gezeigt. Emotionen hat der Film in dem Kreis nicht mehr geweckt. Ganz im Gegenteil: Auf allgemeinen Wunsch wurde nicht über Kernenergie diskutiert.

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