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Interview

„Der Herrgott kennt keine Religionen“

Heiner Riepl war ein Vierteljahrhundert lang Leiter des Oberpfälzer Künstlerhauses. Im „Ruhestand“, startet er neu durch.
Von Helmut Hein, MZ

Heiner Riepl stellt in der Regensburger Galerie von Andrea Madesta aus.
Heiner Riepl stellt in der Regensburger Galerie von Andrea Madesta aus. Foto: altrofoto.de

Regensburg.Nach einem halben Jahrhundert ist Heiner Riepl in sein Kelheimer Elternhaus zurückgekehrt. Das hat viele Räume und ist doch fast zu klein. Denn mit den Jahren sammelt sich viel an. Bei einem Künstler mehr noch als bei anderen. „Vom Keller bis zum Speicher“, so Riepl, lagern seine Arbeiten. Und als er die leise Verwunderung bemerkt: „Naja, nach Jahren harter Arbeit.“ Und nach der künstlerischen Arbeit beginnt die andere, fast noch härtere: die des Archivars. Heiner Riepl: „Ich will und muss das alles ordnen.“

Wenn der Leser nach solchen Worten freilich meint, da habe einer mit seinem Leben oder zumindest mit seinem Lebenswerk abgeschlossen, dann irrt er sich gründlich. Ein Künstler ist kein Angestellter. Er kennt keinen „Ruhestand“. Jetzt, mit Ende 60, endlich in Freiheit, startet Heiner Riepl erst richtig durch, malt unverdrossen, hat mit Andrea Madesta eine neue, hervorragende Galeristin und Kunsthändlerin an seiner Seite und plant – er ist schließlich, ob er will oder nicht, ein politischer Mensch – Aktionen im öffentlichen Raum.

Vor allem sein neuestes Projekt „Der Herrgott kennt keine Religionen“, ein vielschichtiges Abrissbild, ist ihm so wichtig, dass er es dutzend-, nein hundertfach plakatieren möchte, in prominenten Räumen, aber auch draußen im Freien, vor aller Augen. Und wenn ihn keiner unterstützen sollte – was er aber natürlich nicht hoffen will –, dann will er die Kosten selber tragen. Wenn es nicht fast zu harmlos klänge, könnte man sagen: Es handelt sich um eine Herzensangelegenheit. Denn Heiner Riepl wurde natürlich, wie so viele seines Jahrgangs (1948), erzkatholisch sozialisiert. Aber er ist längst zum „Freigeist“ geworden und schaut mit Sorge auf das, was Glaubensfanatiker jeder Couleur anrichten.

Er musste Speditionskaufmann werden

Die besten Wege sind oft die krummen, die voller Hindernisse. Die Eltern waren einst der Meinung, der Bub solle „was Gescheites“ lernen. Flausen aller Art waren unerwünscht. Also musste der junge Heiner Riepl nach der mittleren Reife die Schule verlassen und eine Lehre als Speditionskaufmann beginnen. Drei Jahre dauerte die, „aber schon nach zwei Wochen wusste ich, dass das nichts für mich ist.“ Aber Heiner Riepl war schon damals zäh und konsequent: „Was ich anfange, das führe ich auch zu Ende.“ Und, muss man hinzufügen: Ich suche zugleich nach Auswegen. „Im dritten Lehrjahr begann ich dann mit dem Abendgymnasium.“. Und, nach einer kurzen Pause, „zweiter Bildungsweg“. Das war doch sicher schwer, tagsüber arbeiten, abends lernen?! „Nicht, wenn man weiß, was man will. Und noch mehr, was man nicht will.“

Anfang, Mitte der 1970er Jahre studierte Heiner Riepl dann Philosophie und Wissenschaftsgeschichte in Regensburg. Den Magister wollte er bei Professor Zellinger machen, die Magisterarbeit war schon bis ins Detail besprochen. Zellinger – jeder, der ihn kannte, wird es bestätigen – war ein kraftstrotzender Naturbursche im Denkeramt. Scheinbar unverwüstlich. Aber plötzlich, von einer Sekunde auf die andere, war er tot. Noch keine 60, mitten im Urlaub, in den geliebten Bergen. Ein weiterer Stolperstein. Denn wo sollte Riepl nun hin mit seinen Plänen? Schließlich, zögernd und halb widerwillig, landete er bei Ulrich Hommes, der ihm eigentlich zu konservativ war. Aber sie fanden ein gemeinsames Thema: Was wird aus den Werten im Zeitalter der Säkularisierung? Das interessierte beide, den, der fest auf katholischen Fundamenten stand, und den Freigeist.

„Mein Motto: Nehmt den Pinsel in die Hand und fanget an.“

Heiner Riepl

Aber Heiner Riepl wollte ja nicht Philosoph werden, sondern Künstler. Von Kindesbeinen an hatte er gemalt. Die Passion, die ein Leben prägt, zeigt sich oft schon früh. Warum dann der Umweg, nicht nur über den Speditionskaufmann, das war Vaters Wille, sondern auch über die Philosophie, aus freien Stücken? Heiner Riepl: „Ich brauchte eine Grundlage. Man muss von etwas zehren können.“

Freilich studierte er – Not kennt kein Gebot! – parallel zu seinem Philosophiestudium ab dem Wintersemester 1976/77 auch an der Kunstakademie Nürnberg. Und er ging, wie es sich für einen Künstler gehört, für ein halbes Jahr nach Frankreich. Wohin? Nach Paris? Oder in die Provence, ins Traum-Lichtland der Impressionisten? Dafür war Heiner Riepl vielleicht zu schwerblütig und zu eigensinnig. Er verbrachte seine Frankreich-Zeit in der Bretagne, erdenschwer, meerumtost.

Als er zurückkam, sein Studium abgeschlossen hatte – damals malte er noch figurativ –, ging es für Riepl, der bisher vor allem Umwege und Stolpersteine kannte, plötzlich ganz schnell. Mit gerade mal Mitte 30 wurde er BBK-Chef, also der durchaus einflussreiche Vorsitzende des Berufsverbands aller ostbayerischen Künstler. Sein Vorgänger war der legendäre Rupert Preißl, ein barocker Machtmensch, autoritär, aber auch, wie das vielleicht nur in Bayern geht, liberal und offen. Preißl hatte mit der Zeit so viele Ämter angehäuft, dass es an der Zeit war, eines abzugeben. Er favorisierte den jungen Heiner Riepl als seinen Nachfolger, vielleicht, weil er dachte, der sei noch lenk- und leitbar, und er, Preißl, könne hinter den Kulissen sein Regiment fortführen. Da hatte er sich freilich in Riepl getäuscht. Es gab viel Streit zwischen den beiden. Aber es kam nie zum Bruch. So konnte Riepl, nach fünf Jahren als BBK-Chef, und durchaus wieder gefördert und unterstützt von Preißl, die Stelle übernehmen, die sein weiteres Leben entscheidend prägte: die Leitung des Oberpfälzer Künstlerhauses, zu Hause in Schwandorf-Fronberg, in der schönen Kebbel-Villa.

internationales Renommee für Kebbel-Villa

Riepl kam zu diesem Job wie die Jungfrau zum Kind – weil der, der eigentlich dafür vorgesehen war, absprang –, aber er war, um im schiefen Bild zu bleiben, ein guter, fürsorgender Vater, ein „Kümmerer“, der dem Haus im Lauf der Jahre internationales Renommee verschaffte.

Das Zauberwort lautet da: Künstleraustausch. Es gibt eine transnationale Institution, „Res artis“, also, frei übersetzt, die Sache der Kunst, und einen sehr, sehr engagierten Leiter des amerikanischen „Virginia Center“, Bill Smart, der nach einer deutschen Dependance suchte. Regensburg hätte die Chance gehabt, aber sie verpasste sie – lokalpolitischen Querelen und Eifersüchteleien sei Dank. Heiner Riepl dagegen griff sofort zu, als sich die Gelegenheit bot, und der langjährige Schwandorfer Oberbürgermeister Hans Kraus unterstützte ihn. So wurde Schwandorf, genauer: die Kebbel-Villa zum Zentrum des Künstleraustauschs, bis zum heutigen Tag. Und zum Denkmal des Bürgersinns. Denn das sogenannte Haus II, in dem die Künstler aus aller Herren Länder residieren, wurde nicht aus Landes-, Bezirks- oder kommunalen Mitteln errichtet, sondern durch einen Förderverein mit etwa 150 Mitgliedern. Über die Kebbel-Villa und den Künstleraustausch soll demnächst in der Sonntagszeitung noch die Rede sein.

Jetzt soll es, zum Schluss, noch um den Künstler Heiner Riepl gehen, der hinter dem „Funktionär“ keineswegs zurückstehen darf. Riepl malt seit vielen Jahren abstrakt. Aber diese Abstraktion ist ohne die Figur, die ihr zugrundeliegt, nicht zu denken. Sie ist gewissermaßen ihre Steigerung. Reine Farbe, reine Form, „der Zusammenhang all dessen, was man denkt und was man macht“.

Bild kann manchmal Jahre dauern

Für das alte Goethe-Diktum, dass der Künstler nicht denken und nicht reden solle, hat Riepl nur milden Spott übrig. Und er fasst für alle, die es wissen wollen, kurz zusammen, was im Zentrum seiner Kunst steht: „die reine Farbform, der Rhythmus, vielfältige Abläufe, auch Psychisches, aggressiv oder meditativ“. Und Riepl ist keiner, der mit einem Bild rasch fertig ist: „Das kann Jahre dauern. Dann hole ich es wieder hervor und füge hinzu, was noch fehlt.“ Work in process heißt das in der ästhetischen Moderne.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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