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Der pfiffige Zeitgeist-Kritiker

Aktionskünstler Michael Werner aus Maxhütte strebt ständig nach Rekorden. Damit stellt er jedoch den Leistungswahn infrage.
Von Thomas Rieke

Michael Werner darf seine Kunst in seinem Haus in Maxhütte voll ausleben. Für die MZ hat er einen Teil seiner Bananen-Serie ausgerollt, mit der er kürzlich in Berlin für Aufsehen sorgte. Foto: Rieke
Michael Werner darf seine Kunst in seinem Haus in Maxhütte voll ausleben. Für die MZ hat er einen Teil seiner Bananen-Serie ausgerollt, mit der er kürzlich in Berlin für Aufsehen sorgte. Foto: Rieke

Maxhütte-Haidhof. 1000 Meter Folie, bedruckt mit dem Profil eines Autoreifens, 1001 gemalte Colaflaschen, 1048 übergroße Bananen... Michael Werner liebt vierstellige Zahlen. Der Aktionskünstler aus Maxhütte verblüfft seit fast zwanzig Jahren bundesweit mit immer neuen Höchstleistungen, bei denen sich natürlich die Frage aufdrängt: Was soll das?

Werner, 56, ein gebürtiger Münchner, bezeichnet sich auf einer seiner Websites als Gründer des Superlativismus. Er schreibt, er habe es sich zur Lebensaufgabe gemacht, berühmte Künstler, entsprechend dem Motto „höher, schneller, weiter“, zu übertreffen. Der Kunstschaffende von heute habe nämlich die Verpflichtung, das „starke gesellschaftliche Verlangen nach neuen Bestmarken“ permanent zu reflektieren. Mit Normalität sei kaum noch jemand zu erreichen.

Lauter prominente Vorbilder

Die Ideen für seine Aktionen stammen also größtenteils nicht von ihm. „Konsequent verweigert er sich“, wie er in typischer Selbstironie betont, jeder Kreativität. Er blättert in Magazinen und hält dort Ausschau nach Projekten, die es in seinen Augen verdienten, aufgegriffen und getoppt zu werden. Den „Reifendruck“ hat sich der 56-jährige Sonderschullehrer vom US-amerikanischen Pop-Art-Künstler Robert Rauschenberg abgeschaut. Aus Spielerei wurde Ehrgeiz. „Ich wollte besser sein.“ Beim „Fest der Bayern“ in Regensburg im Jahr 2000 lieferte er den Beweis. Die Colaflaschen sind eine Idee des Multitalents Andy Warhol. Der hatte einst 210 Flaschen in Serie gedruckt, Werner sprayte bei einem internationalen Festival in Magdeburg 2003 exakt 1001 Exemplare.

Die Banane, ein Symbol, mit dem der Kölner Thomas Baumgärtel schon 1983 für Aufsehen sorgte, nutzte Werner, um sich jetzt, im Juni beim großen freien Kunstfestival in Berlin in Szene zu setzen. 1000 Bananen wollte er binnen 48 Stunden zu Papier bringen. Ein anstrengendes Unterfangen, das wegen stürmischen Wetters und eines Knieleidens fast gescheitert wäre.

Unerwartete Unterstützung

Doch Werner ist ein Kämpfer, als wollte er sagen: Wer das Streben nach Rekorden auf die Schippe nimmt, darf nicht kneifen! Trotzdem wäre er vermutlich verloren gewesen, hätte es nicht unerwartete Unterstützung gegeben.

Binnen 48 Stunden malte Aktionskünstler Werner im Juni über 1000 Bananen. Die Aufmerksamkeit beim Festival in Berlin-Neukölln war ihm sicher. Foto: Fischer
Binnen 48 Stunden malte Aktionskünstler Werner im Juni über 1000 Bananen. Die Aufmerksamkeit beim Festival in Berlin-Neukölln war ihm sicher. Foto: Fischer

Die Bewohner des „Problembezirks“ Neukölln, in dem das Festival zum 20. Mal über die Bühne ging, beeindruckten durch Solidarität. Immer wenn das Wetter einen Abbau erforderte, standen Freiwillige parat und halfen mit, die Metallstangen, die das Bild unter normalen Bedingungen problemlos gesichert hätten, einzusammeln. Oder sie fragten den leidenden Künstler: „Wollen Sie Kaffee?“

Extreme Bedingungen und das Ausreizen der eigenen Leistungsfähigkeit, das sind Teile von Werners Konzept. Und mit Ursache des Erfolgs. Überall, wo er auftaucht, ist ihm Aufmerksamkeit sicher. Veranstalter schätzen es, dass er für Action sorgt, denn seine Werke entstehen ja erst vor Ort, während andere Künstler fertige Produkte anschleppen, die sie bequem zuhause in ihrem Atelier kreiert haben.

Dass aus Michael Werner ein Aktionskünstler geworden ist, ist eher Zufall. Seine Eltern hatten vermutet, er hätte musisches Talent, doch als Gymnasiast sah Werner das anders. Der Pfad war ihm zu eng, er hatte das Gefühl, sich nicht entwickeln zu können. Dabei drängte es ihn, was für einen 18-Jährigen alles andere als ungewöhnlich ist, „immer wieder Neues auszuprobieren“. Der Umgang mit Farbe schien ihm da sehr reizvoll.

Michael Werner bei seiner „Reifendruckaktion“ in Regensburg im Jahr 2000  Fotograf I. Werner
Michael Werner bei seiner „Reifendruckaktion“ in Regensburg im Jahr 2000 Fotograf I. Werner

Seine erste Kunstaktion setzte er als junger Mann nachts auf einer Münchner Straße um. Der Reifen eines VW Käfer wurde mit Tinte getränkt, um das Profil am Asphalt zu verewigen. Werner erinnert sich noch, als ob es gestern gewesen wäre. „Wir fühlten uns wie Helden!“

Doch während solche Kunstwerke noch als reiner Spaß oder ironische Auseinandersetzung mit unserer Leistungsgesellschaft abgetan werden könnten, zeigt ein weiteres Beispiel, dass sich Werner auch mit sehr ernsten Dingen beschäftigt – und auf seine Weise Zeichen zu setzen weiß. Als der chinesische Regimekritiker Ai Weiwei 2011 inhaftiert und damit an der erneuten Teilnahme der Documenta in Kassel gehindert wurde, startete Werner aus Protest eine Doppelgängeraktion.

Um an den inhaftierten chinesischen Künstlers Ai Weiwei zu erinnern, organisierte Werner 2012/13 jede Menge Doppelgänger. Foto: F. Werner
Um an den inhaftierten chinesischen Künstlers Ai Weiwei zu erinnern, organisierte Werner 2012/13 jede Menge Doppelgänger. Foto: F. Werner

Tausende erklärten sich im Laufe der Zeit solidarisch und ließen sich mit Masken ablichten, die das Gesicht Ai Weiweis zeigten. „Ich dachte mir, wenn da niemand was macht, ist der Mann ja weg, tot. Deshalb stellte sich für mich die Frage: Was kann ich als kleines Würstchen dagegen tun, dass dieser Mann in Vergessenheit gerät?“ Ai Weiwei wusste das Engagement später zu schätzen und hält bis heute via Twitter Kontakt zu seinem mutigen Unterstützer in Maxhütte.

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