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Geschichte

Der Tag, als Erzhäuser beschossen wurde

Vor 73 Jahren nahmen die Alliierten die Bahnlinie bei Erzhäuser ins Visier. Es spielten sich dramatische Szenen ab.
Von Randolf Alesch

Vor 83 Jahren entstand das Foto von einem Zug, der in Erzhäuser einige Passagiere aussteigen lässt. Vor 73 Jahren wurde die Bahnlinie von den Aliierten unter Beschuss genommen. Reprofoto: Erwin Weinfurtner, Neunburg
Vor 83 Jahren entstand das Foto von einem Zug, der in Erzhäuser einige Passagiere aussteigen lässt. Vor 73 Jahren wurde die Bahnlinie von den Aliierten unter Beschuss genommen. Reprofoto: Erwin Weinfurtner, Neunburg

Erzhäuser.Es war ein ohrenbetäubender Lärm. Die Erde bebte und eine riesige schwarze Rauchwolke stieg zum Himmel empor. Genau 73 Jahre ist das inzwischen her. Damals, in den Vormittagsstunden des 17. April 1945, griffen zwei alliierte Jagdbomber einen Zug an, der auf der Fahrt von Bodenwöhr nach Neunburg war.

Bei Erzhäuser preschten die beiden Flieger aus östlicher Richtung heran und nahmen den kleinen Zug, der auf dem höher gelegenen Bahndamm ein leichtes Ziel bot, ins Visier. Während der erste Jäger wie ein Geier im Sturzflug von hinten auf den Zug zuraste und das Feuer eröffnete, flog der zweite in Richtung Westen weiter, drehte eine Schleife, um dann das „Bockerl“ und seine wehr- und hilflosen Fahrgäste von der anderen Seite her aufs Korn zu nehmen. Zwei Menschen starben im Kugelhagel, mehrere wurden schwerverletzt. Es sind Szenen, die heute undenkbar sind.

Den Garten komplett zerstört

Der Angriff erfolgte nur wenige Meter vom Wohnhaus des damals 15-jährigen Wolfgang Spitzer entfernt. Der 88-Jährige erinnert sich im Gespräch mit unserem Medienhaus noch genau an seine Eindrücke von diesem denkwürdigen Tag. Spitzer hatte Glück: Er war an diesem Tag nicht zu Hause, sondern in der Arbeit bei der Firma Ellert in Blechhammer. Als er den Angriff bemerkte, ging Spitzer sofort durch den Wald nach Hause. „Der Garten hat durch die beim Aufprall explodierenden Geschosse ausgesehen, als ob eine Rotte Wildschweine darin herumgewühlt hätte.“ Fahrgäste hatten auf dem Anwesen Schutz vor dem Angriff gesucht.

Der Kriegsschauplatz mit dem erhöhten und gut einsehbaren Bahndamm, auf dem der Zug zum Halten kam und unter Beschuss genommen wurde. Repro: Johannes Wiemann
Der Kriegsschauplatz mit dem erhöhten und gut einsehbaren Bahndamm, auf dem der Zug zum Halten kam und unter Beschuss genommen wurde. Repro: Johannes Wiemann

Während der erste Waggon vollkommen zerschossen wurde und ausbrannte, blieb der zweite Waggon nahezu unversehrt. Dieser Fliegerangriff zum Ende des Zweiten Weltkriegs dürfte wohl das aufsehenerregendste Ereignis in der über 120-jährigen Geschichte der Bahnlinie gewesen sein, die nun seit rund 15 Jahren als Radweg genutzt wird. Für Erzhäuser, das damals eine eigene Station erhielt, war sie für den Transport der dort produzierten Ziegel und Sandsteine sowie des Schotters aus dem Porphyrwerk am Kolm, aber auch hinsichtlich der Fahrgastbeförderung enorm wichtig. Jetzt erinnern nur noch wenige Merkmale daran, wie zum Beispiel der mitten durch den Ort führende, mächtige, rund 500 Meter lange und bis fünf Meter hohe Bahndamm, die Bahnbrücke und vereinzelte Kilometersteine.

Nach Fertigstellung der Bahnlinie von Schwandorf über Bodenwöhr nach Cham im Jahr 1861 wollten auch die Städte Neunburg und Rötz unbedingt eine Bahnanbindung nach Bodenwöhr. Trotz Geldmangels und topografischer Probleme (der Höhenrücken bei Penting war zu überwinden) begann der Kampf um die Eisenbahn.

„Der Garten hat nach dem Luftangriff so ausgesehen, als ob Wildschweine darin herumgewühlt hätten.“

Wolfgang Spitzer, Anwohner der damaligen Bahnlinie

Durch die Bahnlinie rechnete man mit positiven Impulsen für die gesamte Wirtschaft in der Region. Die Baukosten für die fast elf Kilometer lange Strecke von Bodenwöhr nach Neunburg wurden damals auf rund 700 000 Mark geschätzt. Der erste Spatenstich erfolgte im Mai 1895. Zeitweise waren über 300 Arbeiter beschäftigt. Nur 14 Monate dauerte es, bis die Bahnstrecke fertig war, was damals eine überraschend kurze Bauzeit war. Am 2. August 1896 fuhr dann der erste offizielle Zug festlich geschmückt nach Neunburg. An der Station in Erzhäuser, wo ein Holzgebäude errichtet wurde, bereitete man dem ersten Zug sprichwörtlich einen „großen Bahnhof“. Fortan verkehrten täglich vier Zugpaare.

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In Erzhäuser gab es zudem einen eigenen Lagerplatz mit Gleis, an dem unter anderem der im örtlichen Steinbruch geschlagene Sandstein und ab 1902 die am Kolm im Dampfschotterwerk gewonnene Erzhäusener Arkose verladen wurden. Letztere erhielt durch eine Verwechslung mit einem ähnlich aussehenden vulkanischen Gestein irrtümlich den Namen „Pingartener Porphyr“.

Zum „Bahnagenten“ berufen

Auch zur Dampfziegelei Pöll führte dort ein Gleisanschluss, auf dem die produzierten Ziegel abtransportiert und die für das Brennen der Ziegel benötigte Braunkohle geliefert wurden. Weiter befand sich dort noch ein Durchlass für die Rollwagen, auf denen Lehm von der Grube, die auf der anderen Seite lag, zur Ziegelei transportiert wurde. Der Besitzer Josef Pöll, der den Bahnbau ebenfalls unterstützte, hatte keine Kinder. Deshalb übergab er das Werk später an seinen gleichnamigen Neffen, der zum ersten „Königlichen Bayerischen Bahnagenten“ an der Haltestelle in Erzhäuser berufen wurde.

Wolfgang Spitzer mit einem Blechstück vom getroffenen Waggon, das mehrere Einschusslöcher aufweist. Foto: Alesch
Wolfgang Spitzer mit einem Blechstück vom getroffenen Waggon, das mehrere Einschusslöcher aufweist. Foto: Alesch

Von April 1901 bis November 1919 leitete dieser Bahnagent zudem die „Bayerische Posthilfestelle Erzhäuser, Taxe Bodenwöhr“, die sich an der Station befand. Unterstützt wurde er hierbei von seiner Tochter Berta. Der jetzt 84-jährige Josef Fleischmann aus Buch war von 1957 bis 1960 oft mit einer bis zu 25 Mann starken Gleisbaurotte auf dieser Strecke eingesetzt. „Wir mussten dort immer wieder Ausbesserungsarbeiten an den Schienen, Schwellen oder am Gleisbett vornehmen“, erinnert sich Fleischmann. „Das war ein harter Job, bei dem ich mir meinen Rücken verbrannt habe, weil ich im Sommer nie ein Hemd trug.“ Später begann Fleischmann eine Ausbildung bei der Bahn.

Im Jahr 1969 endete der Personenverkehr auf der Strecke zwischen Bodenwöhr und Rötz. Die letzte Zugfahrt war am 1. April 1995. Danach wurden die Gleisanlagen zurückgebaut. Die Trasse wurde zum Rad- und Wanderweg.

Immer wieder ereigneten sich entlang der Bahnstrecke verschiedenste Vorfälle:

Wichtige Ereignisse bei der Bahnstrecke

  • Unglück:

    Am 8. Mai 1898 entgleiste der letzte Güterwagen eines Zuges bei der Station Erzhäuser.

  • Erdrutsch:

    Am 24. Februar 1904 gab es einen Erdrutsch bei Erzhäuser. Zwei Güterwagen stürzten einen Abhang hinab.

  • Todesfall:

    Am 13. Oktober 1928 gerieten zwei Männer aus Neunburg nach einer Geburtstagsfeier im Gasthof Pöll beim Warten auf ihren Zug in Erzhäuser wohl infolge der dürftigen Beleuchtung auf die Gleise und wurden erfasst. Die Männer starben im Krankenhaus.

  • Angriff:

    Am 17. April 1945 erfolgte ein alliierter Fliegerangriff bei Erzhäuser mit zwei Toten und mehreren Schwerverletzten. (tal)

Lesen Sie mehr: Gegner des Brückenabrisses in Erzhäuser nannten sich Brückenpfeiler. Zwei Jahrzehnte später scheint der Widerstand verpufft.

Unser Lesetipp: Einige Auszüge aus dem Bericht über die ehemalige Bahnlinie Bodenwöhr nach Neunburg stammen vom Eisenbahnexperten Johannes Wiemann aus Nürnberg (von 1984 bis 1989 Lehrer an der Gregor-von-Scherr-Realschule in Neunburg, heute an der Realschule in Schwabach), der über dieses Thema das Buch mit dem Titel „Bodenwöhr-Neunburg vorm Wald-Rötz – Eine Eisenbahnstrecke in der Oberpfalz – Geschichte und Geschichten“ geschrieben hat. In diesem Buch setzte er die Lokalbahnstrecke sehr umfangreich mit zahlreichen Fotos detailliert und anschaulich ins Bild. Wer noch mehr über dieses Thema wissen möchte, sollte in diesem interessanten Buch lesen, er wird seine Freude daran haben. Beziehen kann man es über den Johannes Wiemann Verlag.

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