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Schauspiel

Dialekt – die Sprache des Herzens

Der Theaterverein feierte mit „Stoapfälzer Pygmalion - My Fair Lady“ gelungene Premiere. Das Musical hat viel Lokalkolorit.
Von Renate Ahrens

Entsetzt verfolgt die feine Gesellschaft, wie Lissy in derbes Oberpfälzisch verfällt. Dabei hatte sie so lange geübt.  Foto: Renate Ahrens
Entsetzt verfolgt die feine Gesellschaft, wie Lissy in derbes Oberpfälzisch verfällt. Dabei hatte sie so lange geübt. Foto: Renate Ahrens

Nittenau. Ist der Dialekt tatsächlich nur die Sprache der Bauern, der einfachen Arbeiter und des Volkes? Davon ist jedenfalls der selbstgerechte Professor Högner überzeugt. Der Mensch definiere sich nicht über die Herkunft, sondern über seine Sprache, so glaubt er. Schließlich kennt er sich damit bestens aus - während jeder einen Oberpfälzer von einem Franken unterscheiden könne, weiß er praktisch auf die Straße genau, wo jemand herkommt, ob aus Kaspeltshub oder aus Hof am Regen. Das eine sei übrigens nicht schlimmer als das andere.

Dem armen Blumenmädchen Lissy, dem er zufällig begegnet, will er ihren derben Dialekt gehörig austreiben - dieser „Fleisch gewordenen Beleidigung der deutschen Sprache“. Furchtbar strenge ihn das „Hören von Urlauten“ an, seufzt der Professor.

Rollen auf Leib geschrieben

Die Liebe spielt natürlich auch eine Rolle.
Die Liebe spielt natürlich auch eine Rolle.

Ob es ihm gelingt? Die Zuschauer verfolgten gespannt und amüsiert dieses Schauspiel, das auf dem antiken Mythos des Pygmalion beruht, einem sagenhaften König, der sich in eine von ihm selbst geschaffene Statue verliebte. Christina Fink-Rester hat den Schauspielern des Theater- und Festspielvereins Nittenau die Rollen auf den Leib geschrieben und führt Regie.

Regisseurin Christina Fink-Rester schrieb den Darstellern die Rolle auf den Leib.
Regisseurin Christina Fink-Rester schrieb den Darstellern die Rolle auf den Leib.

Wie immer legt der Verein nicht nur viel Wert auf das Stück selbst, sondern auch auf ein stimmungsvolles Ambiente. Dieses Mal wurden die Zuschauer durch ein Blumenspalier auf den Kirchplatz geführt, wo sie eine andere Welt betraten - die Zeit der 1950er Jahre, in denen der Stoapfälzer Pygmalion spielt. Die dunklen Regenwolken hatten sich pünktlich zu Premierenbeginn verzogen und in dem blauen Himmel zogen viele Störche ihre Kreise – nicht nur die, die oben am Haus des Gastes nisten. Neugierig schauten sie auf das Treiben herab. Schließlich war das historische Haus des Gastes, das aus dem 14. Jahrhundert stammt, die ideale Kulisse. An einer Champagner-Bar erfrischte man sich und erfreute sich an stilvollem Blumenschmuck, passend zum Stück.

Die Petticoats flogen, es wurde gesungen und getanzt.
Die Petticoats flogen, es wurde gesungen und getanzt.

Denn Lissy ist ein armes Blumenmädchen. Sie sei ja „entzückend ordinär, aber auch furchtbar dreckig“, seufzt der Professor und wettet mit seinem Freund, dem Oberst Prechtl, innerhalb weniger Wochen aus Lissy eine feine Dame zu machen. Ein Bad mit der Wurzelbürste wird angeordnet, ehe Lissy weiß, was ihr geschieht. Aber schließlich träumt auch sie von ein wenig Wohlstand. So ein bisschen Kernseife mache viel aus, sind alle überrascht – und die Geschehnisse nehmen ihren Lauf. Lissy muss von morgens bis abends sprechen üben, wie die Vokale in: „Es grünt so grün, wenn Spaniens Blüten blühen“. Vom Professor wird sie ruppig und herablassend behandelt.

Feine Gesellschaft ist entsetzt

Turbulent geht es in dem Stück oft zu.
Turbulent geht es in dem Stück oft zu.

Endlich gelingt ihr der Durchbruch, sie spricht Hochdeutsch und darf im feinen Kleid auf die Galopprennbahn nach Straubing. Dort geht es um nichts Geringeres als um den großen Preis der Stadt Nittenau. Doch Lissy verfällt vor Aufregung in den Dialekt und die feine Gesellschaft ist entsetzt.

Die Geschichte beruht auf einer antiken Sage

  • Schauspieler: Der Nittenauer Arnold Pöppl Junior und Lena Strunz aus Oberpfraundorf hatten die Hauptrollen. Strunz nimmt sogar vier Wochen Urlaub während der Spielzeit. Eberhard Geyer erteilte den Darstellern Gesangsunterricht.

  • Verein: Seit 27 Jahren führt der Theater- und Schauspielverein erfolgreich Stücke auf. Auch für den „Stoapfälzer Pygmalion“ bekamen die Laienschauspieler stehende Ovationen. Heuer hatte erneut Christina Fink-Rester Regie. Viele Ehrengäste ließen sich das Stück nicht entgehen.

  • Ambiente: Die Atmosphäre auf dem Kirchplatz war grandios. Damen in schwingenden Petticoats und Herren mit Hosenträgern spielten mit und versetzten in die 1950er Jahre. Bei Einbruch der Dunkelheit zauberten Lichtergirlanden magisches Flair.

  • Aufführungen: Weitere Vorstellungen über das „akademische Experiment“, Lissy in eine „My fair-Lady“ zu verwandeln, sind 14., 15. 16. und 17. August, jeweils um 20 Uhr. Karten gibt es auf www.okticket.de, im Tourismusbüro Nittenau oder an jeder anderen okticket-Verkaufsstelle.

Natürlich haben Professor und Oberst die Rechnung auch noch ohne die Liebe gemacht. Die Vereinsmitglieder standen in diesem Stück vor einer besonderen Herausforderung: Es wurde getanzt und gesungen, und das in aufwendigen Kostümen. Die berühmten Lieder aus „My Fair Lady“ wie „Es grünt so grün“ oder „Ich hätt‘ getanzt heut‘ Nacht“ fehlten natürlich nicht - aber in Oberpfälzer Version. Hauptdarstellerin Lena Strunz erwies sich nicht nur mit ihrer großartigen Stimme als Naturtalent, sondern überzeugte, wie auch die anderen Darsteller, durch ihre Schauspielkunst. Neben zahlreichen Theaterproben hatten die Mitglieder, die größtenteils keine Gesangserfahrung haben, Gesangs- und Tanzproben absolviert. Die Nittenauer City Girls legten Tanzeinlagen ein.

Nach dem „Stoapfälzer Jedermann“ im Treidlinger Steinbruch vor zwei Jahren hatte sich der Verein heuer erneut an ein Freilichtstück gewagt – und der Erfolg gibt ihnen recht. Aber wie geht die Geschichte mit Lissy weiter? Darf sie den Alfred heiraten? Wird sie sogar eine Dame, wenn auch keine feine, in einem eigenen Blumenladen werden? Um das zu erfahren, sollte man eine Vorstellung am Kirchplatz besuchen. Der Professor ist am Ende jedenfalls zur Einsicht gekommen. Der Dialekt, so wurde allen klar, ist nicht nur die Sprache der einfachen Leute, sondern auch die des Herzens.

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