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Neonazis

Die einzige Überlebende bricht das Schweigen

Bei dem Brandanschlag vor 23 Jahren auf das Schwandorfer Habermeierhaus verlor Leyla Kellecioglu ihre Familie.
Von Susanne Faschingbauer

  • Ein schwarzer Tag in der Geschichte Schwandorfs: Ein Neonazi verübte einen Brandanschlag auf das Habermeier-Haus.
  • Fatma Can, Osman Can und ihr Sohn Mehmet starben in dem Feuer.
  • Leyla Kellecioglu blättert in der Vergangenheit. Sie hat deutsche und türkische Zeitungsartikel, die über den Brandanschlag berichten, in einem Ordner abgeheftet.

Schwandorf. An einem Freitagabend im Dezember 1988 sah sie ihre Familie zum letzten Mal. Leyla Kellecioglu, 19 Jahre alt, frisch verheiratet, seit wenigen Monaten Mutter und im sechsten Monat schwanger, lebte nur wenige Straßen von ihrem Elternhaus entfernt. Die Eltern und ihr zwölf Jahre junger Bruder Mehmet kamen zu Besuch, wie immer freitags. Sie kochten, aßen und plauderten, Mehmet spielte mit seinem kleinen Neffen. Gegen 23 Uhr verabschiedeten sie sich. Auf der Treppe drehte sich Mehmet nochmals um, winkte und rief: „Bis morgen!“ Er kam nie wieder.

An einem Samstagnachmittag im Dezember 2011 erzählt Leyla Kellecioglu von diesem letzten Abend mit ihrer Familie. Sie sitzt zuhause auf dem Sofa, wischt eine Träne von der Wange, blickt durch gerötete Augen in die Vergangenheit. „Es fühlt sich an, als wäre es vor 23 Tagen passiert.“ Sie erinnert sich genau.

Klopfen und Rufe rissen sie aus dem Schlaf. Wach auf! Wach auf! Der Schwiegervater schrie vor der Haustür: Das Haus Deiner Eltern brennt! Sie hörte die Worte, verstand sie aber nicht. Benommen schlüpfte sie in Schuhe, zog sich etwas Warmes über und trat in die Dezemberkälte. Die Autoschlösser waren gefroren, also rannte sie zu Fuß zum Habermeier-Haus. Rauch stieg auf, Flammen loderten aus dem Dachstuhl. Dort oben lag die Wohnung ihrer Eltern. Feuerwehrleute und Notärzte waren angerückt, Bewohner kletterten über eine Leiter aus dem brennenden Haus. Sie irrte durch das Chaos und fragte nach ihrer Familie. Niemand wusste etwas. Erschöpft kehrte sie heim.

An ihrem Wohnhaus pappte ein Aufkleber, ein Hakenkreuz und die Aufschrift: „Türken raus“. Damals brachte sie den Aufkleber noch nicht mit dem Brand in Verbindung, ging achtlos daran vorüber.

Am Mittag erhielt sie die Nachricht, die sie bislang nicht zu denken gewagt hatte. Sie saß in ihrer Küche inmitten von Nachbarn und Freunden. Sie schrie nicht, sie klagte nicht. Sie schwieg.

„Ich wollte nicht weiterleben“, sagt Kellecioglu heute, die Stimme schwach, die Hände zittrig. Sie blättert in einem Ordner, in der sie deutsche und türkische Zeitungsartikel, die über den Brand berichten, abgeheftet hat. Sie zeigt auf Schwarz-Weißbilder des qualmenden Hauses, auf Fotografien ihrer Eltern.

Fünf Tage nach dem Tod ihrer Familie reiste sie in ihre türkische Heimatstadt Iznik, 200 Kilometer östlich von Istanbul. In der Türkei berichtete der Fernsehsender TRT1 über den Brand in Schwandorf. Die Ursache stand fest. Es war kein Funken, der aus dem Ofen in die Wohnung übersprang und ein Feuer entzündete. Es war ein Brandanschlag, die Tat eines Neonazis. Der 19 Jahre alte Lackiererlehrling Josef Saller hatte Kartons entflammt, die im Treppenhaus gestanden hatten. Das Feuer erfaßte das ganze Gebäude. „Das war der zweite Schock! Wir wären nie auf den Gedanken gekommen, dass uns jemand hasst.“ Zwei Wochen später ist Leyla Kellecioglu nach Schwandorf zurückgekehrt. „Josef Saller wollte uns raushaben!“ Diesen Gefallen tat sie ihm nicht.

Die einzige Begegnung mit dem Neonazi hat sich in ihr Gedächtnis eingebrannt. Keine fünf Meter von ihr entfernt saß er auf der Anklagebank im Landgericht Amberg. Er habe das Haus aus Eifersucht angezündet. Türken hätten Geld, Autos, Wohnungen, viele Deutsche nicht.

Leyla Kellecioglu schüttelt verständnislos den Kopf. Von 1969 bis 1988 habe ihr Vater im Eisenwerk geschuftet, abends kam er verdreckt nach Hause, die Kleidung landete jeden Monat im Müll, die Hände schrubbte er sich wund, Eisensplitter entzündeten seine Augen. Wer konnte dieses Leben beneiden?

Als sich Josef Sallers und ihr Blick im Landgericht streiften, suchte sie Reue in seinen Augen. Sie fand Nüchternheit und Stolz. „Er muss eine Menge Leute hinter sich gehabt haben, die ihm sagten: Du bist ein Held.“

Der Täter wurde zu zwölfeinhalb Jahren Haft wegen besonders schwerer Brandstiftung verurteilt, einen Mord sahen die Richter nicht. Die Strafe musste er vollständig absitzen. Als der Brandstifter 2001 wieder rauskam, tauchte er in der Neonazi-Szene in Ostdeutschland unter. Leyla Kellecioglu hält die Strafe für zu gering. „Ich weine und er ist frei.“

Josef Saller hat ihr Leben zerstört; das einer Tochter, die zu ihren Eltern aufsieht, die Geborgenheit in der Familie sucht, die ihre Wurzeln in ihrer Herkunft findet. Aber Leyla Kellecioglu hat sich ein zweites Leben aufgebaut: das einer Ehefrau und Mutter von drei Kindern.

Familie Kellecioglu lebt in einem Einfamilienhaus im Schwandorfer Süden. Im Hausflur stapeln sich Schuhe, Mäntel und Jacken, Zimmertüren sind beklebt mit Fußballemblemen türkischer Mannschaften und mit Ernie aus der Sesamstraße. Hier leben: Ehepaar Kellecioglu, die Söhne Erkan, 23, und Mehmet, 22, Tochter Aysu, 14. „Wir sind glücklich in Schwandorf.“ Doch durch diese neue Welt ziehen sich Spuren der Vergangenheit.

Zur Zeit des Brandanschlags war Leyla Kellecioglu im sechsten Monat schwanger. Sie gab ihrem Sohn den Namen des verstorbenen Bruders, konnte ihn aber acht Monate lang nicht aussprechen. Die Geburt zerriss sie innerlich, sie schwankte zwischen überschwänglicher Freude und tiefer Trauer. Sobald sie die Augen schloss, sah sie Vater und Mutter vor sich. Als Sohn Mehmet drei Jahre alt war, diagnostizierten Ärzte einen Herzfehler. Als Leyla Kellecioglu wochenlang unter Schock stand, entwickelte sich das Baby in ihrem Bauch nur zögerlich weiter. Erst im Alter von 14 Jahren konnte Mehmet operiert werden.

Auch auf dem Fernsehbildschirm flimmert alter Schmerz wieder auf. Die Familie verfolgt die aktuellen Nachrichten über das Zwickauer Neonazi-Trio und das Netzwerk, das sich dahinter aufspannt. „Ich hoffe, dass all dies irgendwann ein Ende hat. Aber so ist es nicht, täglich sehen wir neue Nachrichten darüber.“

Es ist nicht lange her, dass Leyla Kellecioglu und ihre Tochter entlang des ehemaligen Habermeier-Hauses spazierten, vorbei an der Gedenktafel, die an den Brandanschlag erinnert.

Die Tochter fragte: Mama, warum sind Oma und Opa gestorben?

Aus Hass, antwortete die Mutter.

Mama, was ist das, Hass?

Eine Antwort darauf hat Leyla Kellecioglu bis heute nicht gefunden.

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