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Wissen

Die Jäger der verlorenen Bodenschätze

Die Kreis-Archäologen Kurt Engelhardt und Harald Schaller erläutern, wie „totes Material“ aus Äckern zum Leben erweckt wird.
Von Reinhold Willfurth

  • Ein Archäologiestudent legt das Skelett eines Jungen frei, das 2013 in einem Acker in Iffelsdorf von Archäologen entdeckt wurde. Foto: Rieder/Archiv
  • Kistenweise Geschichte: Die Arbeit wird den neuen Kreisarchäologen Harald Schaller (links) und Kurt Engelhardt so schnell nicht ausgehen.Foto: fu

Schwandorf.In den unscheinbaren Obst- und Gemüsekartons stapeln sich, feinsäuberlich eingetütet, Kurt Engelhardts Schätze. Es wird allmählich eng im kleinen Arbeitszimmer im ersten Stock seines Hauses in Nabburg. Gehoben hat Engelhardt seine Schätze auf langen, einsamen Exkursionen bei Wind und Wetter auf den Äckern des Landkreises Schwandorf: Wer nicht gut zu Fuß ist, sollte sich nicht auf das Amt des „Kreisheimatpflegers Archäologie“ einlassen.

Engelhardt (66) wurde zusammen mit seinem Kollegen Harald Schaller (49) im Dezember vom Kreistag in dieses Ehrenamt berufen. Die beiden waren die Wunschbesetzung von Vorgänger Ernst Thomann (81), der es nach 21 Jahren etwas ruhiger angehen lässt und als anerkannte Kapazität große Fußstapfen auf dem Gebiet der Archäologie hinterlässt. Vor denen ist den beiden Neuen aber nicht bange. „Wir haben großen Respekt vor seiner Leistung, aber wir kommen schon zurecht“, sagt Kurt Engelhardt. Um die Arbeit wissenschaftlich in den Griff zu bekommen, haben sich Schaller und er den Großlandkreis aufgeteilt. Engelhardt betreut 21 Gemeinden im Norden, Schaller den Rest im Süden – für jeweils 167 Euro Aufwandspauschale vom Landkreis. Auch fachlich konzentrieren sie sich auf ihre Spezialgebiete: „Harald ist unser Mittelalter-Spezialist, ich bin bei der Vor- und Frühgeschichte in der Vorhand“, sagt Engelhardt im Gespräch mit der MZ.

Scherben als Einstiegsdroge

Harald Schallers Einstiegsdroge in die Archäologie bestand aus ein paar vorgeschichtlichen Scherben, die ihm in der sechsten Klasse des Nabburger Gymnasiums sein Lehrer Elmar Hartl, „ein profunder Kenner der Archäologie“, in die Hand drückte. Die Faszination für Dokumente der Heimatgeschichte geriet zur Leidenschaft, als die Stürme „Vivian“ und „Wiebke“ 1991 eine große Buche auf dem Warnberg bei Neunburg fällten. Burgen-Fan Schaller wusste, dass auf der Anhöhe einst die Burg Warberg stand. Er grub und legte eine Burgmauer frei, fand Knochen, Asche, Scherben. „Das war so beeindruckend, dass ich wusste: Das ist was für mich“, erzählt Schaller, und seine Augen leuchten. Die Burg Warberg ist sein Referenzprojekt. Ein Wikipedia-Eintrag und ein Buch waren unter anderem die Spätfolgen seiner Forschung. Was fasziniert ihn am Mittelalter? Spontane Antwort: „Man konnte einfach loslegen“. Bei der Fülle an Dokumenten aus dieser Zeit ist das Landesamt für Denkmalschutz froh um jeden kundigen Schatzsucher, der sich der Lokalgeschichte annimmt.

„Mir geht es um die Menschen“

Technik fasziniert Schaller, zum Beispiel die Art und Weise, wie sich die Menschen damals mit Wasser versorgt haben. Die Beschäftigung mit Technik soll allerdings kein Selbstzweck sein: „Mir geht es um die Menschen“, sagt Schaller – auch und besonders um die einfachen Menschen. Herauszufinden, wie diese etwa im elften/zwölften Jahrhundert rund um die Burg Warberg gelebt haben, welches Material sie verwendet, wie und was sie gejagt und gekocht, sich gekleidet und geschmückt haben, macht für ihn die Faszination der Archäologie aus. Und, nicht zu vergessen: „Das Mittelalter ist für viele der Zugang zur Archäologie“.

Kurt Engelhardt hatte einen ganz anderen Zugang. Schon immer an Vor- und Frühgeschichte interessiert, war es die Ausgrabung der Totenstadt in Zangenstein durch Ernst Thomann, die ihn auf die Spur gebracht hat. Nach seiner Pensionierung als Richter am Amberger Landgericht 2008 klopfte er bei Thomann an. „Ich hab ihn gefragt, ob er noch jemand brauchen konnte“ – eine eher rhetorische Frage bei dem notorischen Personal- und Geldmangel der Archäologie.

Und so begann Engelhardt seine wissenschaftliche Karriere im heißen August 2008 damit, den knochenharten Boden von Zangenstein Millimeter für Millimeter abzugraben. „Das war eine harte Lehre damals“, erinnert sich Engelhardt. Heute blickt er auf zehn Grabungen bei Wind und Wetter zurück, darunter auch eine Wintergrabung im Untergrund der heutigen Park- und WC-Anlage bei Pfreimd. „Eine intellektuelle Herausforderung“ war es aber auch für ihn, sich in die Materie einzulesen, um die für einen Laien bisweilen verwirrende Epochenvielfalt einordnen zu können. Ähnlich systematisch geht er auch bei der Erkundung seiner Heimat vor: „Ich bin der, der die Felder abgeht und schaut, wo es Besiedelung gab“. Eine schier unerschöpfliche Fundgrube ist für ihn die Gegend um Pfreimd. Engelhardt zeigt die penibel aufgezeichneten Areale zwischen Iffelsdorf und dem Autobahndreieck vor, die er sich in den nächsten Monaten vorgenommen hat zu erkunden: Ein weites Feld.

Vorgenommen haben sich die Archäologen, ihre Schätze künftig stärker an die Öffentlichkeit zu bringen. Das soll nicht nur mittels Museumsvitrinen geschehen, sondern zum Beispiel auch durch experimentelle Archäologie, womit auch Jüngere zu begeistern sind. Ausstellungen soll es natürlich auch weiterhin geben, gerne auch jenseits der Museen. Denn das Archäologenduo will möglichst viele Landkreisbewohner erleben lassen, dass vermeintlich totes Material tolle Geschichten erzählen kann. Kurt Engelhardt nimmt einen „Probierstein“ aus dunklem, glattem Material in die Hand, mit dem die Menschen durch Reiben Metalle und andere Materialien geprüft haben, und sagt: „Wenn man sich die Leute vorstellt, die den benutzt haben – das ist eine Faszination“.

Ernst Thomann

  • Ära.

    Der bisherige Kreisarchäologe Ernst Thomann wurde 1993 von Landrat Hans Schuierer ernannt. Am Montag wird er in Nabburg verabschiedet. Seine Leidenschaft pflegte Thomann damals schon seit 35 Jahren. 1958 hatte den gebürtigen Bamberger ein Lehrer für die Wissenschaft von den alten Dingen entflammt.

  • Fund:

    Aufsehen in der Fachwelt erregte Thomann, als er 2008 bei Zangenstein das Hallstattgrab eines Mannes aus der Eisenzeit entdeckte. Ist ein Fundort ausgemacht, müssen der Grundstückseigentümer, das Landesamt für Denkmalschutz und die Untere Naturschutzbehörde ihr Plazet geben.

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