mz_logo

Region Schwandorf
Donnerstag, 16. August 2018 27° 1

Kirche

Die Neunburger Glocke schweigt

Bereits seit Ostern ist die zweitgrößte der insgesamt fünf Glocken im Turm der Pfarrkirche St. Josef verstummt.
Von Ralf Gohlke

Stadtpfarrer Stefan Wagner hofft, dass die Reparatur bis zur Festspielpremiere am 30. Juni erledigt sein wird. Foto: R. Gohlke
Stadtpfarrer Stefan Wagner hofft, dass die Reparatur bis zur Festspielpremiere am 30. Juni erledigt sein wird. Foto: R. Gohlke

Neunburg. Ähnlich wie der Gong im Theater, signalisierte das „Gebetsläuten“ vom Turm der Stadtpfarrkirche St. Josef den Beginn des Festspiels vom Hussenkrieg. Vergeblich warteten Regisseur Cornelius Gohlke und das Festspielensemble kürzlich, bei einer der ersten Proben, auf den markanten Glockenschlag, pünktlich um 21 Uhr. Das führte zunächst zu Spekulationen, ober jemand ein „Abschalten“ bestellt hatte. Stadtpfarrer Stefan Wagner, selbst Mitglied im Ensemble, sorgte aber schnell für Klarheit. Grund des Schweigens war schlicht ein Bruch des Klöppels.

Kein zusätzlicher Schaden

„Wann genau das passiert ist, können wir eigentlich gar nicht sagen“, bestätigte Pfarrer Wagner im Gespräch mit dem Reporter der Mittelbayerischen Zeitung. Ein aufmerksamer Kirchgänger habe am Ostersonntag auf den offenbar fehlenden Klang hingewiesen. Eine Nachschau auf dem Turm brachte dann die Ursache zutage: Der Klöppel von „St. Michael“, einer 27-Zentner-Glocke, lag unter ihr auf dem Boden. Der Grund war ein Bruch am sogenannten Klöppl-Blatt, offenbar als Folge einer Material-Ermüdung.

Mit vier Schrauben ist die bewegliche Aufhängung des Klöppels, wie hier an einer anderen Glocke der Pfarrkirche, in der Mitte der Glocke, befestigt. Der Klöppelballen bringt die Glocke zum Klingen, nachdem sie in Schwingung versetzt wurde. Foto: ggo
Mit vier Schrauben ist die bewegliche Aufhängung des Klöppels, wie hier an einer anderen Glocke der Pfarrkirche, in der Mitte der Glocke, befestigt. Der Klöppelballen bringt die Glocke zum Klingen, nachdem sie in Schwingung versetzt wurde. Foto: ggo

„Alle unsere fünf Glocken stammen aus der Nachkriegszeit“, erklärte Pfarrer Wagner. Die alten hätten zu Beginn des Zweiten Weltkrieges abgeliefert werden müssen, um die wertvolle Bronze in der Rüstungsindustrie verwerten zu können. Nach dem Anbau an die Pfarrkirche wurden 1947 die neuen Glocken geweiht und im Turm etabliert.

„Beschütz mit Deinem Schild und Schwert die Kirch, den Hirten und die Herd“, zitierte Pfarrer Wagner die Inschrift der Glocke, die im Normalfall täglich um sechs Uhr, um 12 Uhr sowie im Winter um 17 Uhr und im Sommer um 21 Uhr zum Gebet läutet. „Das jetzt extra umzuprogrammieren, wäre sehr aufwendig“, sagte er und war zudem froh, dass nicht mehr Schaden entstanden war. Nicht betroffen davon sei der Stundenschlag der Turmuhr. In dem Fall werde die Glocke von einem Hammer, von außen angeschlagen.

Neuer Klöppel wird geschmiedet

„Eine Reparatur kommt da nicht mehr in Frage“, sagte Sören Draack vom Regensburger Traditionsunternehmen Rauscher, das den Schaden begutachtet und die weiteren Schritte eingeleitet hat. Den Stahl zu schweißen sei zwar grundsätzlich möglich, häufig würde das Material aber dann genau daneben erneut brechen. „Das kann schlimmstenfalls schon zwei Tage später der Fall sein“, weiß er aus Erfahrung.

Weil in dem Fall das Risiko zu groß wäre, würden solche Maßnahmen nur in begründeten Ausnahme- oder Notfällen zum Tragen kommen, eventuell, wenn ein unaufschiebbares Fest anstehen würde oder Ähnliches.

Eine „normale Lebensdauer“ für einen Klöppel anzugeben, sei laut Draack so gut wie unmöglich. Zu viele Faktoren würden dabei eine Rolle spielen, von der Güte des Stahles über die Art der Aufhängung bis hin zum Umfang der Belastung durch die Häufigkeit der Anschläge. Die Eigenvibration und die Vibrationen der Glocke spielten dabei eine nicht unwesentliche Rolle.

Auch Sören Draack kennt Berichte von Klöppelbrüchen, die heftige Folgen nach sich gezogen hätten. „Es ist schon eine ordentliche Masse, die da bewegt wird, da lässt sich kaum voraussagen, wohin so ein Klöppel im schlimmsten Fall fliegt“, sagt er.

Das Zwölfuhrläuten der Pfarrkirche St. Josef wurde am 11. Juni 2017 im Rahmen der Jahrtausendfeier und des Kirchenjubiläums vom Bayerischen Rundfunk übertragen. Dabei waren alle fünf Glocken im Einklang zu hören. Foto: ggo
Das Zwölfuhrläuten der Pfarrkirche St. Josef wurde am 11. Juni 2017 im Rahmen der Jahrtausendfeier und des Kirchenjubiläums vom Bayerischen Rundfunk übertragen. Dabei waren alle fünf Glocken im Einklang zu hören. Foto: ggo

Selbst habe er schon einen Schaden gesehen, bei dem ein Klöppel einen circa fünf Zentimeter dicken Fichtenboden wie ein Stanzwerkzeug durchschlagen und ein Stockwerk tiefer, in den darunter liegenden Boden noch bis zur Kugel eingedrungen sei.

„Das war wohlgemerkt frisches Fichtenholz, kein Boden, der schon ewig in dem Turm gelegen hatte und schon morsch gewesen wäre“, schildert er.

Was nun den Klöppel aus der Stadtpfarrkirche betraf, sei der nun genau vermessen und der Auftrag für eine Neuanfertigung an die Rottaler Hammerwerke in Anzenkirchen vergeben worden. Der Betrieb der Familie Wensauer (gründet 1863) sei noch einer der ganz wenigen, der sich mit dem Schmieden von stählernen Klöppeln beschäftige. Sogar weltweit brächten daher Klöppel aus den Rottaler Hammerwerken die Glocken zum Klingen.

„Die Glocken der Kirchen im Stadtbereich haben eine ganz eigene Geschichte“, weiß Heimatpfleger und Museumsleiter Theo Männer zu berichten. Aus dem Grund sei den Klangköpern im Museum auch in der Abteilung Stadtgeschichte ein eigenes Fach mit interessanten Exponaten gewidmet worden. Dafür würden auch gerade die Texte aktualisiert.

Die geschmiedeten Klöppel sind aufgrund der Tonschwingungen großen Belastungen ausgesetzt. Materialermüdung kann daher leicht zur Ursache für einen Bruch werden. Der Bruch bei St. Michael lag erfolgte am Klöppelblatt. Foto: ggo
Die geschmiedeten Klöppel sind aufgrund der Tonschwingungen großen Belastungen ausgesetzt. Materialermüdung kann daher leicht zur Ursache für einen Bruch werden. Der Bruch bei St. Michael lag erfolgte am Klöppelblatt. Foto: ggo

Auf einem neu gestalteten Tableau finde sich auch die historische Aufnahme von der Glockenweihe im Jahr 1947, auf denen die fünf neuen Glocken zu sehen seien, darunter auch die jetzige Schadensglocke, „St. Michael“.

Eine umfassende Dokumentation über das gesamte Läutwerk lässt sich auch im Archiv des Bayerischen Rundfunks nachlesen. Am 11. Juni 2017 erklangen die Glocken bayernweit bei der Übertragung des Zwölfuhrläutens aus Anlass des Jubiläums der Kirchenerweiterung.

Pfarrer Stefan Wagner hofft jetzt vor allem darauf , dass die Reparatur so über die Bühne gehen wird, dass die Glocke zur Premiere wieder klingt.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht