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Geschichte

Ein alter Gedenkstein gibt Rätsel auf

In Dieterskirchen erinnert ein Gedenkstein an einen Kriegsgefangenen. Nun kam seine tragische Geschichte ans Licht.
Von Theo Männer

Albert Wagner zeigt den Gedenkstein bei Frauenhäusl. Foto: Theo Männer
Albert Wagner zeigt den Gedenkstein bei Frauenhäusl. Foto: Theo Männer

Neunburg v. Wald.Die Lektüre des Artikels in der Mittelbayerischen über die französischen Kriegsgefangenen im Zweiten Weltkrieg in Thanstein vom Oktober 2018 ermunterte Albert Wagner von Frauenhäusl, beim Heimatpfleger nachzufragen, ob er vom tragischen Tod eines französischen Kriegsgefangenen beim Frauenhäusl und dem dort gesetzten Gedenkstein etwas wisse. Der Heimatpfleger verneinte, und Albert Wagner löste mit seiner Anfrage eine halbjährige Recherche aus.

Zunächst besichtigten beide den fraglichen Gedenkstein und Wagner erzählte alles Wissenswerte. Wer den Stein setzte oder setzen ließ, war zunächst strittig. Über Förster Alois Nißl stieß Männer auf den damaligen Revierförster Robert Liegl, der den Stein aufstellen ließ. Seine damals schriftlich fixierten Informationen gingen leider verloren, er hat sie aber weitgehend rekonstruiert – und noch dazu alte Fotos geliefert.

In Bodenwöhr waren während des Zweiten Weltkriegs Kriegsgefangene einquartiert

In Bodenwöhr waren während des Zweiten Weltkriegs im „Stalag Kriegsgefangenen-Kommando 205“ Kriegsgefangene privat einquartiert und zu Arbeiten im Hüttenwerk, in Betrieben, im Handwerk und in der Land- und Forstwirtschaft eingesetzt. Einer von ihnen war André Chauvet, geboren am 27.2.1917 in Villers Allerand an der Marne (oder Département Marne), katholisch, französischer Staatsangehöriger, verheiratet, wohnhaft bei Schießl, Bodenwöhr, Haus Nr. 1 (Gasthof, Metzgerei, Landwirtschaft), seit 8.7.1940.

Kunst

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André war mit einem Kameraden und „seinem Bulldog“ (einem „Lanz“ der Familie Schießl) am 16. Juni 1944 nachmittags um 14 Uhr zu Waldarbeiten im „Frauenwald“ bei Frauenhäusl, im Staatswald „Stocka“ westlich des Warbergs, eingesetzt. Es galt, Holz auf Bulldog und Anhänger zu verladen und abzutransportieren zu einem Sägewerk. Dabei kippte der Bulldog um und zerquetschte Andrés Kopf und Brustkorb. Der tödlich Verunglückte wurde – vermutlich von seinen Kameraden – nach Bodenwöhr transportiert.

Französischer Kriegsgefangener wurde im Familiengrab beerdigt

Pfarrer Haustein erwirkte einen bischöflich genehmigten Abendgottesdienst, ein Requiem mit Libera. Die Beerdigung erfolgte am 18. Juni 1944 auf dem Friedhof in Bodenwöhr. André wurde im Familiengrab Schießl, nahe dem Kreuz, beerdigt. Eine wahrhaft humane und christliche Geste für die damalige Zeit. Sie deutet auch auf ein gutes Verhältnis zwischen Chauvet und der Schießl-Familie hin (nach Infos von Peter Schießl).

„Um das Geschehene nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.“

Robert Liegl, Revierförster a. D.

Nach Wagner und Liegl haben die Kameraden Chauvets am Unglücksort 1944/45 ein Holzkreuz aufgestellt mit einem herzförmigen „Taferl“ aus Aluminium und folgender Inschrift: „Chauvet André mort écrase par son bulldog le 16.6.44“ ne/geb. 17.2.17 – Tödlich zerquetscht von seinem Bulldog am 16.6.44“. In die Mitte des Herzens wurde ein Foto von André montiert. André Chauvet blieb aber nicht im Grab der Familie Schießl. Die Familie Chauvet veranlasste nach dem Krieg eine Exhumierung der Leiche und eine Überführung in die französische Heimat. Christine Feldmeier (geboren 1939) kann sich erinnern, dass sie und einige Mitschülerinnen sich neugierig dem Grab näherten, aber mit der Bemerkung „haut’s ab, da wird grod a Franzos asgrob’n“ weggescheucht wurden.

Altes Holzkreuz wurde durch Gedenkstein ersetzt

Waldarbeiter stellten den Gedenkstein auf.  Foto: Robert Liegl
Waldarbeiter stellten den Gedenkstein auf. Foto: Robert Liegl

Laut Peter Schießl hatte seine Schwester mit einem Kriegskameraden von André namens Gustave (Familienname unbekannt) in Paris Kontakt und selbiger wäre auch in Bodenwöhr zu Besuch gewesen. Der einzige „Gustav“, den Helga Zwerenz bei der Durchsicht der Meldekarteikarten finden konnte, hieß Gustav Nahant, geboren 26. August 1912 in Fruges bei Calais, war von Beruf Bäcker und wohnte in Kaltenbrunn Nr. 13. Das Gebäude existiert nicht mehr. Ob dieser Gustav der Gesuchte ist, bleibt offen. Das Holzkreuz bei Frauenhäusl verfiel derweil.

Bald nach seinem Dienstantritt 1993 wurde Revierförster Robert Liegl auf das alte Holzkreuz aufmerksam, hat versucht, etwas über die Hintergründe zu erfahren, und ließ sich von älteren Waldarbeitern über die Geschichte berichten. „Um das Geschehene nicht in Vergessenheit geraten zu lassen“, entschloss sich Liegl – im Rahmen einer privaten Aktion – das alte Holz-Kreuz durch einen Gedenkstein zu ersetzen. Er suchte einen passenden Findling in der Waldabteilung „Krimlingerhöh“, ließ diesen durch Steinbruchbesitzer Josef Tischler zum Frauenhäusl karren.

Historie

Gefangenschaft in Bildern festgehalten

Der Kriegsgefangene André Vergnes hat in Thanstein viele Kunstwerke hinterlassen. Zeitzeugen erzählen seine Geschichte.

Und er spannte die Waldarbeiter Michael Mühlbauer aus Dautersdorf, Alfred Paulus aus Denglarn und Adolf Lacher aus Bach ein, um den Stein zu setzen. Steinhauer Paul Schmid aus Prackendorf hat an dem Gedenkstein ein Kreuz herausgemeißelt und eine Vertiefung geschaffen, um das alte Aluminium-Herz mit Foto und Inschrift wieder einzusetzen. Das alte Holzkreuz und das Eisenteil, das André erdrückte, haben sogar die Ehrenamtlichen, die für Gottes Lohn arbeiteten, am Gedenkstein hinterlassen. So erinnert dieses Flurdenkmal an den französischen Kriegsgefangenen André Chauvet, der 1944 fern der Heimat ums Leben kam.

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