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Porträt

Ein Bibliothekar, der das Neue begrüßt

Nach 36 Jahren ist Schluss: Alfred Wolfsteiner, der Chef der Schwandorfer Stadtbibliothek, freut sich auf seinen Ruhestand.
von Cornelia Lorenz

Alfred Wolfsteiner freut sich darauf, bald mehr Freizeit zu haben. Foto: scl
Alfred Wolfsteiner freut sich darauf, bald mehr Freizeit zu haben. Foto: scl

Schwandorf.Eigentlich steht Alfred Wolfsteiner nicht gerne im Rampenlicht. Der Leiter der Schwandorfer Stadtbibliothek liebt seine Arbeit und den Kontakt zu den Besuchern sehr – großes Aufsehen um seine Person braucht der 63-Jährige aber nicht. Darum wird er im Juli wohl kaum herumkommen, wenn er sich nach knapp 36 Jahren als Chef der Bibliothek in den Ruhestand verabschiedet.

Egal, ob E-Books, DVDs oder Musikstreaming-Dienst: Wolfsteiner hat das Angebot in seiner Amtszeit konsequent und so schnell wie möglich erweitert. „Mein Ziel war immer, aktuell zu sein. Ich kann doch nicht sagen, ich mag Neuerungen nicht – als Bibliothekar gehört eine gewisse Toleranz einfach dazu“, sagt er schmunzelnd.

Von klein auf eine Leseratte

Mit 75 000 Medien ist die Schwandorfer Stadtbibliothek die größte Bücherei im Landkreis. In den 40 Jahren ihres Bestehens hat die Stadt rund 8,2 Millionen Euro in die Bibliothek investiert. Foto: scl
Mit 75 000 Medien ist die Schwandorfer Stadtbibliothek die größte Bücherei im Landkreis. In den 40 Jahren ihres Bestehens hat die Stadt rund 8,2 Millionen Euro in die Bibliothek investiert. Foto: scl

Die Faszination für Bücher hat Wolfsteiner bereits als kleinen Jungen gepackt. Er wuchs als ältestes von sieben Kindern in Schnufenhofen im Landkreis Neumarkt auf und entwickelte sich schnell zu einer richtigen Leseratte. Egal, ob Geschichten von Karl May, Comics von Ritter Sigurd oder die Tageszeitung, die sein Vater abends mit heimbrachte – nichts war vor ihm sicher. Weil seine Familie nicht viel Geld hatte und es im Elternhaus außer dem Gotteslob kaum ein Buch gab, nutzte Wolfsteiner regelmäßig die Schnufenhofener Pfarrbücherei, um sich mit Nachschub einzudecken.

„Ich wollte doch mit Menschen zu tun haben und selber etwas gestalten.“

Alfred Wolfsteiner, Leiter der Stadtbibliothek

Kein Wunder, dass sein Berufswunsch schnell feststand: Er beschloss, nach dem Abitur am Ostendorf-Gymnasium in Neumarkt Bibliothekar zu werden. Von 1976 bis 1979 absolvierte er an der Bayerischen Beamtenfachhochschule in München die Ausbildung und arbeitet anschließend als Bibliotheksinspektor an der Universitätsbibliothek in Regensburg. Doch glücklich war er auf diesem Posten nicht. „Das war mir zu viel Verwaltungstätigkeit. Ich wollte doch mit Menschen zu tun haben und selber etwas gestalten“, sagt Wolfsteiner.

Ins kalte Wasser geworfen

Da kam das Angebot, in Bamberg die Leitung der Stadtbücherei zu übernehmen, gerade recht. Seine endgültige berufliche Heimat fand Wolfsteiner schließlich im Oktober 1982, als er den Chefposten an der Schwandorfer Stadtbibliothek angeboten bekam. An seinen ersten Arbeitstag erinnert er sich noch sehr genau. „In meinem Büro habe ich einen Haufen neuer Bücher vorgefunden – ich wurde ins kalte Wasser geworfen und habe einfach angefangen“, sagt er.

Rund 40 Prozent der Kunden kommen von außerhalb des Stadtgebiets. Vor drei Jahren wurde ein neues Regalsystem angeschafft, das auch bei einem Umzug weitergenutzt werden könnte. Foto: scl
Rund 40 Prozent der Kunden kommen von außerhalb des Stadtgebiets. Vor drei Jahren wurde ein neues Regalsystem angeschafft, das auch bei einem Umzug weitergenutzt werden könnte. Foto: scl

Der Streit um die WAA in Wackersdorf ging damals auch an Wolfsteiner nicht spurlos vorbei. Als engagierter Gegner der Wiederaufarbeitungsanlage sei es nicht immer einfach gewesen, unter den Augen eines CSU-Oberbürgermeisters den richtigen Weg zu finden. „Ich wurde damals darauf aufmerksam gemacht, mich zurückzuhalten – schließlich sei ich ja auch in meinem Privatleben Angestellter der Stadt Schwandorf“, erinnert sich Alfred Wolfsteiner schmunzelnd. Er tat damals trotzdem, was er für richtig hielt und ging protestieren.

Alles rund um den Widerstand gegen die WAA lesen Sie in unserem Spezial.

Seit dieser Zeit hat sich im Bibliotheksgebäude an der Sandstraße viel verändert. 1982 konnten die Nutzer dort zwischen rund 25000 Medien auswählen – hauptsächlich Bücher und nur ein kleiner Anteil Kassetten und Langspielplatten. Heute ist der Bestand auf rund 75000 Medien mit 250000 Entleihungen pro Jahr gewachsen. „Wir waren eine der ersten Bibliotheken in Bayern, die DVDs eingeführt haben“, sagt Wolfsteiner nicht ohne Stolz. Auch wenn er selbst dem gedruckten Buch den Vorzug gibt, hat er dafür gesorgt, dass die Stadtbibliothek so schnell wie möglich E-Books ins Sortiment aufnahm.

Die neuen elektronischen Angebote sorgten denn auch für eine bemerkenswerte Steigerung bei den Entleihzahlen. 1999 wurde erstmals die Marke von 100000 geknackt, fünf Jahre später gab es bereits 200000 Ausleihen zu verzeichnen. „Das hat sich damals rasend schnell entwickelt“, erinnert sich Wolfsteiner.

Lesen Sie auch ein Interview mit Alfred Wolfsteiner zur Entwicklung der Medien in der Stadtbücherei

Beengte Verhältnisse

Der Standort an der Sandstraße ist 1977 eingeweiht worden. Hier stehen 600 Quadratmeter an Fläche zur Verfügung. Regelmäßig finden hier Lesungen, Vorträge und Theatervorführungen für Kinder statt. Foto: scl
Der Standort an der Sandstraße ist 1977 eingeweiht worden. Hier stehen 600 Quadratmeter an Fläche zur Verfügung. Regelmäßig finden hier Lesungen, Vorträge und Theatervorführungen für Kinder statt. Foto: scl

Wenig vorwärts ging derweil bei der Suche nach einem neuen Standort für die Bibliothek. Das aktuelle Gebäude wurde im November 1977 eingeweiht, nachdem sich der damalige Oberbürgermeister Dr. Josef Pichl für die Baumaßnahme an der Sandstraße eingesetzt hatte. Rund 600 Quadratmeter Fläche stehen Wolfsteiner und seinen sechs Mitarbeitern hier zur Verfügung, um einen stetig wachsenden Medienbestand nutzerfreundlich zu präsentieren. Das stellt das Personal vor Herausforderungen. „Es ist bei uns sehr beengt. Eine großzügigere Fläche wäre wünschenswert“, sagt Wolfsteiner.

„Man muss das Ohr immer bei den Lesern haben.“

Alfred Wolfsteiner, Leiter der Stadtbibliothek

Die Diskussionen im Stadtrat um einen möglichen Umzug hat er stets aufmerksam verfolgt – und dabei zusehen müssen, wie sich alle Pläne immer wieder in Luft auflösten, zum Beispiel die Idee vom Standort beim Pfleghof oder beim Arbeitsamt. Auch die aktuelle Idee vom Bibliotheksumzug auf das Schmidtbräu-Areal hat Wolfsteiner intensiv beschäftigt. In seiner Amtszeit wird er eine potenzielle Standortverlagerung nicht mehr aktiv mitgestalten, Gedanken um die Zukunft „seiner“ Bibliothek macht er sich dennoch. „Man muss für eine Einrichtung mit so großer Besucherfrequenz Parkplätze garantieren“, mahnt er. 250 bis 300 Nutzer strömen pro Tag in die Bibliothek. Ob sie weiterhin in so großer Zahl kommen, wenn sie weite Fußwege zurücklegen müssen, sei fraglich, sagt Wolfsteiner.

Lesen Sie auch: Zum Jubiläum gab es für die Schwandorfer Stadtbibliothek viel Lob. Die Verwaltung registrierte 6,5 Millionen Entleihungen.

Bald muss er sich über solche Fragen nicht mehr den Kopf zerbrechen. „Ich bin immer gerne in die Arbeit gegangen. Aber jetzt freue ich mich darauf, dass mir durch den Job bald kein Zeitkorsett mehr übergestülpt wird“, sagt er. Mit seiner Frau und Hündin Ceres will er in Schwarzhofen die neu gewonnene Freiheit genießen.

Liebe zur Kommunalpolitik

Langeweile wird bei Wolfsteiner auch im Ruhestand nicht aufkommen: Er ist für die SPD als zweiter Bürgermeister aktiv. „Kommunalpolitik macht mir Spaß, weil man da viel bewegen kann“, sagt er. Auch zwei Bienenvölker fordern seine Aufmerksamkeit – und nicht zuletzt sein großes Hobby, die Heimatgeschichte. Etliche Bücher und Aufsätze hat er verfasst oder herausgegeben. Besser dotierte Stellen als seinen Posten in der Stadtbibliothek hat Wolfsteiner stets ausgeschlagen, weil er sich in Schwandorf um die Heimatsgeschichtsforschung kümmern konnte. Auch wenn er hier ab August nicht mehr arbeitet: Seine Publikationen bleiben den Lesern erhalten.

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