mz_logo

Region Schwandorf
Freitag, 20. April 2018 26° 2

Gastronomie

Ein Glas zerstörte die Existenz

Eine Frau wird in Nittenau durch ein Reinigungsmittel schwer verletzt. Auch für die Gastronomen ist es eine Katastrophe.
Von Philipp Seitz

In einem Nittenauer Restaurant, das seit Januar geschlossen ist, schenkte eine Bedienung versehentlich ein Glas mit Spülmittel aus.Symbolfoto: Heimken/dpa

Nittenau.Er könne das, was passiert sei, nicht mehr ändern, auch wenn er es sich noch so sehr wünsche, sagt Alexander B. (Name von der Redaktion geändert) mehrmals und wischt sich mit einem Taschentuch über die Augen. Der 18. November vergangenen Jahres habe sein Leben ruiniert, ihm den Boden unter den Füßen weggezogen, all das, was er sich mühsam in Nittenau über die Jahre hinweg aufgebaut habe, wie ein Kartenhaus in Sekundenschnelle zusammenfallen lassen.

Es war ein schwerwiegender Fehler, den Alexander B. machte. Er selbst spricht von „einem unentschuldbaren Fehler“, für den er alle Konsequenzen trage und der ihm schlaflose Nächte bereite. Die Servicekraft eines Nittenauer Restaurants füllte nach eigenen Angaben Spülmittel in eine Ouzoflasche. Das Schwandorfer Landratsamt spricht von einem „konzentrierten Reinigungsmittel“. Die Flüssigkeit servierte er versehentlich einer Kundin.

Drei Wochen im Krankenhaus

Ein Krankenwagen brachte die aus Nittenau stammende Kundin mit Blaulicht ins Krankenhaus. Ihr sollen nach eigenen Angaben der Mund-Rachenraum und die Speiseröhre durch die Flüssigkeit komplett verätzt worden sein. Drei Wochen lag die Nittenauerin im Krankenhaus, noch heute leidet sie an den Folgen. Unklar ist, ob sie jemals wieder vollständig gesund wird. Das Essen fällt ihr immer noch schwer, regelmäßig muss sie Behandlungen über sich ergehen lassen.

Die Stimme von Alexander B. zittert, wenn er über den verhängnisvollen Tag spricht. „Ich würde die Zeit so gerne zurückdrehen, wenn ich es nur irgendwie könnte“, sagt er. Für sein Restaurant hätten er und seine Lebensgefährtin gelebt, Tage und Nächte hart gearbeitet. Die Kunden hätten sie immer für ihren Fleiß gelobt und für ihre Herzlichkeit. Das alles sei nun vorbei, sie würden vor dem Nichts stehen. Seine Frau sei arbeitslos, er erkrankt.

Am Schlimmsten treffen ihn aber die Anschuldigungen, die in der Stadt verbreitet würden, und die Vorwürfe, mit denen er konfrontiert wird. Für ihn sei das jedes Mal ein Stich ins Herz. Mängel habe es in seinem Lokal gegeben, räumt er ein. Das sei aber den alten Räumlichkeiten geschuldet. Bemängelt worden sei etwa, dass der Putz an der Decke abgehe. Von mehreren Beanstandungen mit Buß- und Ordnungsgeldern, wie es das Landratsamt unserem Medienhaus mitgeteilt hatte, will er nichts wissen: Einmal in sieben Jahren hätte seine Lebensgefährtin ein Bußgeld bezahlt: 30 Euro.

„Ich würde die Zeit gerne zurückdrehen und meinen Fehler rückgängig machen.“

Alexander B. (Name geändert), Bedienung des Nittenauer Lokals

Was in den Tagen und Wochen nach dem verhängnisvollen Tag passiert sei, beschreibt die Servicekraft mit einer Lawine, die über ihn hereingebrochen sei und nicht nur ihn, sondern seine Familie unter sich begraben habe. Die eigene Tochter sei von der Putzfrau auf den Fall angesprochen worden: „Haben sich Deine Eltern um Maria (Name des Opfers geändert; Anmerkung der Red.) gekümmert?“

Der Bayerische Hotel- und Gaststättenverband teilt mit, dass in Bayern keine vergleichbaren Fälle bekannt seien. Die Staatsanwaltschaft Amberg wirft Alexander B. fahrlässige Körperverletzung vor. Zum beantragten Strafmaß will sich Oberstaatsanwalt Thomas Strohmeier öffentlich noch nicht äußern. Er habe den Strafbefehl akzeptiert, sagt Alexander B. und streitet nichts ab. „Ja, ich bin schuld.“ Und: „Ich kann mich nur tausendmal dafür entschuldigen. Dass das geschehen ist, tut mir am meisten leid.“

Vor 18 Jahren eröffneten Alexander B. und seine Lebensgefährtin das Restaurant. Jeder Tag in diesem Beruf sei für sie ein Geschenk gewesen, die Räumlichkeiten des Lokals bezeichnet Alexander B. als „das Paradies auf Erden“. Hier habe er Freundschaften geschlossen, mit den Gästen gefeiert und gescherzt. Tausende Flaschen Ouzo habe er in all den Jahren ausgeschenkt. Ein einziges Glas aus der falschen Flasche wurde ihn zum Verhängnis. Er habe am 18. November sofort den Krankenwagen gerufen, die Flasche an die Polizei übergeben.

Für den Fehler entschuldigt

Für Alexander B. ist der Fall eine Tragödie. Er, der immer wieder Ouzo aufs Haus spendierte, weiß nicht mehr weiter. „Wo sollen wir noch hin? Was sollen wir tun?“ Bei der Kundin habe er mehrmals angerufen und versucht, sich zu entschuldigen. In das Krankenhaus war Alexander B. ebenfalls gefahren. „Ich wollte für alle Menschen immer das Beste“, sagt er. Nun wünscht sich Alexander B. vor allem eines: Unterstützung. Von den Nittenauern, die ihn vor 18 Jahren so herzlich aufgenommen hatten und ihm bis vor Kurzem das Gefühl gegeben hatten, eine neue Bleibe, ja eine neue Heimat gefunden zu haben.

Weitere Nachrichten aus Nittenau lesen Sie hier.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht