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Kultur

Ein Plädoyer gegen Vorurteile

Es gehört Mut dazu, bei Zweifeln seine Meinung zu ändern. In „Die zwölf Geschworenen“ rührte das in Bruck die Zuschauer.
Von Renate Ahrens

Emotionen spielten bei dem Stück eine große Rolle, das war die Herausforderung. Foto: Renate Ahrens
Emotionen spielten bei dem Stück eine große Rolle, das war die Herausforderung. Foto: Renate Ahrens

BRUCK.„Natürlich schuldig! Nichts als Abfall, solche Kinder!“, ruft die Frau voller Verachtung. Insgesamt zwölf Geschworene müssen sich einig werden, und zwar einstimmig. Plädieren alle für schuldig, bekommt dieser junge Mann aus den Slums die Todesstrafe. Eingeschlossen in einem heißen Beratungsraum des Gerichts, sollen zwölf ganz verschiedene Charaktere unterschiedlichen Alters zu einem Urteil kommen.

Der junge Mann wird verdächtigt, seinen Vater getötet zu haben. Da die Argumente der Mord-Anklage schlüssig wirken und eine zügige Entscheidung erwartet wird, reagieren die Geschworenen zunächst sehr ungehalten, als einer aus ihrer Mitte ernste Zweifel an der bisherigen Beweisführung des Gerichts anmeldet. Dies scheint den Schuldspruch nur unnötig hinauszuzögern.

Botschaft ist angekommen

Unmut kommt auf: Wie kann man an der Schuld zweifeln? Moralische Anstrengung ist nötig. Foto: Ahrens
Unmut kommt auf: Wie kann man an der Schuld zweifeln? Moralische Anstrengung ist nötig. Foto: Ahrens

Erneut hat sich Karin Michl, die Regisseurin des Kultur- und Festspielvereins, an ein ernstes Stück gewagt: „Die zwölf Geschworenen“ von Reginald Rose. Der Erfolg gibt ihr wieder einmal recht: „Es kommen Menschen zur Vorstellung, die sonst nicht kommen“, ist ihre Erfahrung. Schüler, die das Stück vorab anschauen durften, seien sehr berührt und nachdenklich gewesen, ebenso wie dann das Premierenpublikum am Freitag. Die Botschaft ist angekommen: Das Thema Vorverurteilung sei heute aktueller denn je, davon ist auch zweiter Bürgermeister Robert Feuerer überzeugt.

Seit Januar hat die Regisseurin an dem Stück gefeilt, zum Proben selbst hatten die Laienschauspieler nach dem Sommerstück nur zwei Monate Zeit. Es war auch sonst eine große Herausforderung für alle. Kein Bühnenbild, keine Musik und keine großen Handlungen lenkten vom Schauspiel ab, allein die Frage fesselte die Zuschauer: Ist der Angeklagte schuldig oder nicht? Wie würde ich mich entscheiden? Die Zwölf saßen nebeneinander auf Stühlen und diskutierten immer heftiger.

Moralische Anstrengungen nötig

Anfangs stimmt nur eine Geschworene (Rebecca von der Osten) gegen den Schuldspruch, was die anderen ungehalten protestieren lässt, denn dies scheint den Schuldspruch nur unnötig hinauszuzögern. Es zwingt alle Geschworenen (Aegid Windl, Silke Faltermeier, Dieter Marschalt, Katharina Beck, Linda Scheuerer, Sebastian Beck, Daniel Gleixner, Rebekka von der Osten, Evi Irlbacher, Agnes Feuerer, Hedwig von der Osten und Christine Griesbeck) jedoch, sich an der Wahrheitsfindung zu beteiligen und den Fall zu rekonstruieren. Nach und nach wanken die Meinungen, immer mehr Zweifel kommen auf. Eine Menge moralischer Anstrengungen sind nötig, um Vorverurteilungen auszuräumen – das wird klar.

„Es kommen Menschen, die sonst nicht kommen.“

Karin Michl, Regisseurin

Karin Michl hat sich erneut an ein ernstes Stück gewagt – mit Erfolg. Es geht um Leben oder Tod. Foto: Ahrens
Karin Michl hat sich erneut an ein ernstes Stück gewagt – mit Erfolg. Es geht um Leben oder Tod. Foto: Ahrens

Michl war wichtig, mit diesem Stück zum Nachdenken anzuregen, auch die Schauspieler selbst. Das ist gelungen, denn am Rande der Proben sei immer wieder darüber diskutiert worden, oft sogar auch zu Hause mit den Familien. Man sei dadurch auch noch mehr zusammengewachsen. Schließlich erfordere es Mut, für seine Meinung als Einziger einzustehen und gegen den Strom zu schwimmen – und das, so die Schauspieler, käme heute zu kurz.

Auch Rebecca von der Osten machte sich darüber Gedanken. Sie liebt ernste Stücke – eine noch größere Herausforderung würden sie darstellen. Doch die ständige Präsenz aller Darsteller war nicht einfach. „Es gibt nicht nur Dialoge. Oft reden und reagieren fünf oder acht Darsteller gleichzeitig“, so Michl.

Das Ende überrascht. Aufführungen sind am 19. und 20. Oktober im Bauernmuseum Mappach. Foto: Ahrens
Das Ende überrascht. Aufführungen sind am 19. und 20. Oktober im Bauernmuseum Mappach. Foto: Ahrens

Auf der Bühne findet schließlich ein Geschworener nach dem anderen zu einer Haltung, die es ihm ermöglicht, den Fakten unvoreingenommen zu begegnen. „Wenn wir mit offenen Augen durch die heutige Zeit gehen und Medienberichte verfolgen, werden wir feststellen, dass Vorverurteilung immer öfter eine Rolle spielt“, hatte Feuerer vorher erklärt. Bei dem Stück seien die Geschworenen davon ausgegangen, der Angeklagte wäre allein wegen der Anklage schuldig. „Er ist doch der geborene Verbrecher“, ereifert sich eine Geschworene. Doch immer mehr Zweifel kommen auf.

Landrat Thomas Ebeling zeigte sich „tief beeindruckt“ von der Leistung der Schauspieler. Für ihn als Jurist wäre vor allem der Blick auf das amerikanische Rechtssystem interessant. „Aber die Frage, wem kann man was glauben, ist durchaus aktueller denn je.“

„Aber die Frage, wem kann man was glauben, ist durchaus aktueller denn je.“

Landrat Thomas Ebeling

Bald steht es unentschieden im Beratungsraum. „Wir dürfen zweifeln, unsere Freiheit beruht darauf“, mahnt eine Geschworene eindringlich. Nach weiteren Debatten sind bereits neun Geschworene gegen den Schuldspruch: „Wir neun begreifen nicht, wie Sie sich so sicher sein können“, sagt einer. Am Ende wird für Freispruch plädiert.

In den USA entscheiden, so erläuterte Feuerer, allein die Geschworenen über Schuld oder Nicht-Schuld. Doch auch in den Gerichtssälen gäbe es Voreingenommenheit, obwohl die Unschuldsvermutung gilt. Das Stück rührte die Zuschauer, ohne belehrend zu wirken. Doch auch die Schauspieler selbst waren aufgewühlt – zum einen, weil der Schluss überraschend war, aber auch wegen der Erkenntnis, dass eine falsche Entscheidung beinahe von einer ganzen Gruppe von Menschen getroffen worden wäre.

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