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Region Schwandorf
Mittwoch, 19. September 2018 27° 1

Gedenken

Ein würdiger Ort der Stille

Vor drei Jahren eröffnete der Naturfriedhof im Kreis Schwandorf. Der Geschäftsführer erlebt seitdem berührende Begegnungen.
Von Renate Ahrens

Die Menschen gedenken im Naturfriedhof Schlosswald ihrer Verstorbenen individuell. Individuell ist auch die Gestaltung der Glastafeln, die an die Verstorbenen erinnern. Foto: Clemens Mayer
Die Menschen gedenken im Naturfriedhof Schlosswald ihrer Verstorbenen individuell. Individuell ist auch die Gestaltung der Glastafeln, die an die Verstorbenen erinnern. Foto: Clemens Mayer

NITTENAU.Vögel zwitschern in den Bäumen, die Sonne zaubert Sprenkel aus goldenem Licht auf den weichen Waldboden und die moosbewachsenen Felsbrocken. Frühling liegt in der Luft. Weit geht der Blick vom Naturfriedhof Schlosswald bei Stefling über sanfte Hügel in das Regental bis zum Großen Arber. Ein besonderer Platz ist hier, vier Kilometer von Nittenau entfernt, vor fast drei Jahren entstanden. Ein Ort des Lebens und der Bereicherung sollte dieses Stück Wald werden, das war das erklärte Ziel von Naturfriedhof-Geschäftsführer Jürgen Kölbl, der auch die Idee dazu hatte.

„Der Lauf der Jahreszeiten, der Blick hoch in die Wipfel statt hinunter in ein Grab – all das erinnert daran, dass jedem Sterben ein Wiedererwachen folgt“, sagt der Diplom-Kaufmann (FH). Doch der Anfang war nicht leicht.

Es gab viel kritische Stimmen

Viele kritische Argumente gegen die Errichtung hatte es gegeben, Skeptiker sammelten sogar eine Unterschriftenliste. Diese Stimmen sind längst verstummt, im Gegenteil. Immer mehr Menschen suchen sich bewusst bereits zu Lebzeiten eine Grabstelle aus. Diese werde dann zu einem Teil des Lebens, so hat es Kölbl erlebt. Auch Erika und Robert Müller (Namen von der Redaktion geändert) haben eine letzte Ruhestätte für sich ausgesucht. Die Stille der Natur und die besondere Atmosphäre in der gesamten Anlage hätten sie dazu bewogen, erklärt das Ehepaar, das in der Nähe von Regensburg lebt. „Seit Jahren waren wir auf der Suche nach einer Grabstelle jenseits aller kirchlicher, dörflicher und städtischer Friedhofsordnungen.“ Als das Paar vom Schlosswald erfuhr, machten sie sich gleich auf den Weg – und waren begeistert. „Wir fanden einen wunderbaren Ort, in einer stillen, schönen und natürlichen Landschaftslage“, schwärmt Erika Müller.

Im Schlosswald finden Verstorbene ihre letzte Ruhestätte. Foto: Clemens Mayer
Im Schlosswald finden Verstorbene ihre letzte Ruhestätte. Foto: Clemens Mayer

Wählen kann man zwischen einem Felsen und einem Baum, unter dem dann die Urne bestattet wird. Die Vorgehensweise beim Aussuchen sei jedes Mal anders, so erlebt es Jürgen Kölbl. „Bei der Auswahl einer Grabstätte war die Ehefrau mit dem Hund des Verstorbenen unterwegs. Plötzlich legte sich der Hund vor einen Baum und wollte nicht mehr aufstehen. Und die Stelle war gefunden.“ Ein anderes Mal sei ein Mann zu ihm gekommen, der erklärte, er hätte nur noch zwei Wochen zu leben. „Nach zwei Wochen ist er verstorben. Ich durfte ihn noch kennenlernen.“ Ergreifend sei auch das Erlebnis mit der Angehörigen gewesen, die jeden Felsen berührt und so den richtigen „gefühlt“ habe. Hinterbliebene würden hier im Schlosswald selbst Kraft schöpfen, so ist Kölbls Erfahrung. Dieser Platz im Grünen spende Trost und Geborgenheit, die Grabpflege überlässt man der Natur.

Für die Müllers war dies ein weiterer Grund, sich für den Schlosswald zu entscheiden. Wenn die beiden Töchter mit ihren Familien später ihr Grab besuchen werden, diene dies allein ihrem Gedenken, und nicht der Grabbepflanzung. „Ein Friedhof sollte für den Menschen da sein, nicht umgekehrt“, erklärt Kölbl, der immer wieder interessante und berührende Begegnungen mit Menschen erfahren darf. Ein junger Mann, der hier beerdigt ist, werde oft von seinen Freunden besucht. Sie kämen gerne hierher in den Wald und erinnern sich, weil der so anders ist als ein herkömmlicher Friedhof. „Der Verstorbene bleibt Teil ihres Lebens.“ Die Stimmung im Schlosswald verzaubert jeden, selbst die Tiere würden sich anders verhalten und seien zutraulicher, weiß Kölbl. Für den Ablauf der Beisetzung selbst gibt es keine festen Vorschriften. Eine individuelle Gestaltung ist erlaubt und sogar gerngesehen. „Bei einigen Beisetzungen wird Livemusik gespielt und dazu gemeinsam gesungen und einmal wurde sogar zusammen getanzt.

45 Jahre Mindestnutzungsdauer

Auch kann man im Schlosswald vereinzelt an den Grabstellen Menschen sehen, die mit einem Musikinstrument dem Verstorbenen ein Lied zur Erinnerung singen oder die im stillen Gedenken an der Grabstätte auf einem kleinen Kissen sitzen. Eine handgefertigte Gedenktafel aus Glas erinnert an den Verstorbenen – und ist Symbol dafür, dass auch Vergänglichkeit überdauert werden kann, schließlich halten die Tafeln jeder Witterung stand. Denn die Nutzungsdauer des Grabes beträgt mindestens 45 Jahre.

So wird der Schlosswald auf Werbefotos der Betreiber präsentiert. Foto: Clemens Mayer
So wird der Schlosswald auf Werbefotos der Betreiber präsentiert. Foto: Clemens Mayer

Individuell werden die Platten von einem Künstler gestaltet, so ist auf einem ein Wohnmobil abgebildet, weil die Grabstätteninhaber begeisterte Camper sind, oder es sind Rosen oder Schmetterlinge mit eingearbeitet. „Es ist so ein guter, würdiger Ort“, sagen Erika und Robert Müller. Denn einer von ihnen werde wohl zuerst gehen. „Hier kann sich die Seele einordnen in den Bund des Lebens.“

Lesen Sie mehr: Den Geistlichen fällt es schwer, beim Naturfriedhof das Motiv der christlichen Auferstehungslehre zu finden. Die Bilanz von Jürgen Kölbl fällt aber positiv aus.

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Die Trauerkultur

  • Der Naturfriedhof steht

    allen Menschen konfessionsunabhängig zur Verfügung. Die Besetzung erfolgt in einer Vollholzurne im Waldboden.

  • Die Beisetzungs- und Trauerkultur

    verändere sich, ist die Erfahrung von Jürgen Kölbl, Geschäftsführer des Schlosswaldes. Der Waldfriedhof komme dem Bedürfnis nach mehr Natur und Individualität entgegen. Rund 70 Prozent der Grabnutzer suchen sich bereits zu Lebzeiten einen Platz aus, entweder an einem Baum oder an einem der moosbewachsenen Felsen, die typisch für die Gegend um Nittenau sind.

  • Die zwölf verschiedenen

    Baumarten stammen noch aus der Zeit der Vorfahren des heutigen Graf von Drechsel, der Grundbesitzer der Waldfläche.

  • Man kann zwischen

    Einzelgrabstellen und Familien- und Freundschaftsgrabstätten wählen. Friedhofsträger ist die Stadt Nittenau.

  • Am 5. Mai findet

    von 12 bis 16 Uhr ein Tag der offenen Tür statt. Der Schlosswald befindet sich bei Nittenau an der Verbindungsstrasse St2149 von Stefling nach Marienthal. Infos auch auf www.schlosswald.de

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