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Protest

Eine bunte Masse im Kampf gegen die WAA

100.000 Menschen feierten im Juli 1986 das Anti-WAAhnsinns-Festival. Organisator Walter Dürr erinnert sich an wilde Tage.
Von André Baumgarten

  • Walter Dürr am Freitag beim Gedenkstein des Festivals am Lanzenanger.
  • Mehr als 100000 Menschen feierten das Anti-WAAhnsinns-Festival auf dem Burglengenfelder Lanzenanger und protestierten friedlich gegen Atomkraft. Es war das bis dahin größte Rockkonzert auf deutschem Boden. (Foto: Interfoto)

Burglengenfeld. Beinahe wäre nicht der Burglengenfelder Lanzenanger, sondern das Zeppelinfeld in Nürnberg der Austragungsort des Anti-WAAhnsinns-Festivals im Jahr 1986 geworden. Gebucht war der Ort damals bereits. Still und leise begehen die Macher von einst ein Jubiläum: Vor einem Vierteljahrhundert, am 26. und 27. Juli, entschied sich nur vier Tage vor dem bis dahin größten Rockkonzert auf deutschem Boden, wo Musikgrößen wie Herbert Grönemeyer, Haindling, Udo Lindenberg, BAP und Wolfgang Ambros mit geschätzt mehr als 100000 Menschen friedlich gegen Atomkraft demonstrierten.

Zwei Menschen und zahllosen freiwilligen Helfern ist der Umstand zu verdanken, dass Burglengenfeld für zwei Tage im Fokus der Weltöffentlichkeit stand. Josef Bachfischer, damals für die CSU/FW im Stadtrat, war einst das Zünglein an der Waage, als das Gremium mit der hauchdünnen Mehrheit von einer Stimme für die Veranstaltung stimmte. Tumultartige Szenen spielten sich damals in und um das Rathaus ab, als Bürgermeister Bawidamann „im Namen der Regierung der Oberpfalz“ die Entscheidung an Ort und Stelle aufhob. Er wurde bespuckt, sein Auto beschädigt.

Da wurde die Grenze überschritten

Das Stadtoberhaupt musste in sein Büro flüchten, erinnert sich Walter Dürr, der zweite wichtige Mann dieser Geschichte. „Das bedauere ich persönlich bis heute, die Grenze ist aber da überschritten worden“, sagt der Hauptorganisator des Musik-Events. Als Vorsitzender des eigens gegründeten Vereins zur Förderung kultureller Jugendarbeit in Europa, in dem das Jugendzentrum (JUZ) und alle Bürgerinitiativen gegen die atomare Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf organisiert waren, hat Dürr die Veranstaltung maßgeblich initiiert.

Sogar gegen den Willen der Vorstandschaft des JUZ. Zehn Jahre hatte sich Walter Dürr dort engagiert. Im Arbeitskreis Musik vereinten er und seine Mitstreiter in einer Vollversammlung die Mehrheit der Mitglieder hinter sich. „Das war unsere Möglichkeit, gegen die WAA etwas zu tun“, sagt Dürr heute. Dass die fünfte Auflage des Festivals allerdings so einen Bekanntheitsgrad erreichen würde, hat sich der heute 49-Jährige nie vorstellen können. Oder dass er 900 Mark Monat für Monat vertelefonierte; für einen Zivildienstleistenden wie ihn damals ein kleines Vermögen.

„Uns ging es darum, so viel Geld wie möglich zu machen, für den Widerstand gegen die WAA.“ Den Grundstein für den bundesweiten Erfolg legten Dürr und seine Helfer bei einem Konzertbesuch von BAP. Dort lernten sie deren Manager kennen, der sich in Burglengenfeld persönlich anschaute, was für Leute hinter der Idee standen. Dann kam die Zusage. „Das war der Schneeball, der die Lawine ins Rollen gebracht hat“, erinnert sich Dürr. Die Macher konnten sich vor lauter Zusagen kaum retten.

Letztlich fiel die Entscheidung, ob das Event stattfindet, oder nicht, aber per Richterspruch bei einer Ortsbesichtigung. Sofern sich die Organisatoren auf maximal 40000 Besucher beschränken, werde die Veranstaltung, deren Kritiker in der Bevölkerung die Angst vor Plünderungen autonomer Krawallmacher und brennenden Autos schürten, doch genehmigt. Dürr, damals 23Jahre jung, sagte sofort „Ja“ zum Richter – zu diesem Zeitpunkt waren für das Festival bereits 60000 Karten verkauft.

Was Verantwortung bedeutet, hatte Dürr bereits erfahren dürfen: Ob nun einem Künstler der Name zu klein auf dem Plakat stand oder spezielle Technik verlangt wurde und Verpflegungswünsche kamen – alles haben die zahllosen freiwilligen Helfer letztlich möglich gemacht. Und sie wussten sich zu helfen: Neben einer Veranstaltungsagentur wurden Fachleute und Profis ins Boot geholt. Alles in allem standen weit mehr als 100000 Mark Technik auf dem Gelände. Umrahmt von einem hunderte Meter langen Holzzaun, den Helfer aus der Bevölkerung – vom Kleinkind bis zu Senioren – in Handarbeit in den Boden gehämmert hatten.

Während direkt vor der Bühne und via Lautsprechertürmen mit Musik versorgt die Massen feierten, war im zweiten Bereich des Geländes ein gigantisches Zeltlager gewachsen. Um den Ansturm zu bewältigen, wurden noch am ersten Veranstaltungstag weitere Felder für Parkplätze gemäht – das Getreide darauf unreif geerntet. Da Mobiltelefone damals noch nicht existierten, waren die Kirchentüren in Burglengenfeld mit einem Meer aus Zetteln übersät, wer wen wann und wo treffen kann. Ganz Burglengenfeld war schon am Freitag leer gekauft – die Hälfte der Geschäfte zumindest, erinnert sich Dürr. „Die andere Hälfte hatte alles verrammelt.“

Drei Tage lang Gelände gereinigt

Unbürokratisch habe Burglengenfeld zusammengehalten – ob nun ein Telefonanschluss während der Vorbereitungen auf einen Tag installiert war, der sonst Wochen Wartezeit bedeutete, oder Familien wildfremde Helfer und Besucher in Häusern aufnahmen. „Die Menschen waren stolz, das konnte man spüren“, sagt Dürr. Nach der Veranstaltung beteiligten sich sogar ganze Schulklassen an den drei Tage währenden Reinigungsabreiten.

Letztlich ist dem harten Kern von knapp 15 Leuten im Organisationsteam gelungen, mit dieser bis heute beispiellosen Veranstaltung ein einzigartiges Zeichen zu setzen – dass mit einer friedlichen Demonstrationsbewegung viel bewegt werden kann. Bis heute ziehen Walter Dürr beim Gedanken an einen Moment des Festivals aber auch Schauer über den Rücken: Als er aus Zehntausenden Kehlen während des Auftritts von BAP ein Ständchen gesungen bekam. „Das war überwältigend.“ Seinen 24. Geburtstag beging der Burglengenfelder in der Nacht zum Sonntag. „Gefeiert“ hat er damals aber allein – im Cateringzelt mit einem Glas Sekt …

Hintergrund:

Burglengenfeld bot sich wegen der nach den Ausschreitungen an Pfingsten erlassenen Bannmeile als Veranstaltungsort an. Das Jugendzentrum übernahm die gesamte Organisation.

Alle Bands und Musiker – damals die Elite der deutschen Rockszene – spielten ohne Gage bei dem Festival.

Rund 6000 Polizisten riegelten das Gelände ab. Bei Durchsuchungen anreisender Gäste wurden von Taschenlampen über Wagenheber bis zur Taucherbrille alles beschlagtnahmt, was als Waffe einsetzbar wäre – in der Summe mehr als 60000 (!) Gegenstände.

Insgesamt flossen aus dem Festival und den Platten- wie auch Filmeinnahmen Erlöse von rund 400000 Euro in den Widerstand gegen die WAA.

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