MyMz
Anzeige

Inklusion

Erfülltes Leben trotz Handicap

„Dr. Loew“ kümmert sich seit 50 Jahren um Menschen mit Problemen. Ganz am Anfang stand eine Fluchtgeschichte.
Von Reinhold Willfurth

Dr. Loew will behinderten Menschen ein würdiges Leben ermöglichen – seit 50 Jahren.Foto: Dr. Loew
Dr. Loew will behinderten Menschen ein würdiges Leben ermöglichen – seit 50 Jahren.Foto: Dr. Loew

Wernberg-Köblitz. Erwin ist 57 und macht sich allmählich Gedanken über das Alter. Eins steht felsenfest für ihn: Die kleine Wohngemeinschaft in einem Haus mitten in Wernberg-Köblitz ist seine Heimat, und sie soll es auch bleiben. Seit 30 Jahren lebt Erwin in der Obhut von „Dr. Loew“, wie das Wernberger Unternehmen für soziale Dienstleistungen kurzerhand genannt wird. „Bevor er zu uns kam, hat er sein Zimmer nicht verlassen“, sagt Geschäftsführerin Sandra Loew, seit 31 Jahren im Unternehmen. Heute macht sich Erwin als Servicekraft im integrativen Cafe „B 14“ in Wernberg unentbehrlich. Das ist sein Wohnzimmer, und die Pädagogen und Kollegen dort sind seine Familie. „Ich will gar nimmer weg“, sagt Erwin.

Eine schönere Bestätigung für die Arbeit der knapp 2000 Mitarbeiter von Dr. Loew ist kaum zu bekommen, da kann Bezirkstagspräsident Franz Löffler kurz zuvor noch so über die „unverzichtbare“ Präsenz des Sozialunternehmens in der Oberpfalz schwärmen. Der Anlass für den Besuch von Löffler und der Mitglieder des Sozialhilfeausschuss des Bezirkstags: Dr. Loew feiert am Wochenende im großen Stil sein 50jähriges Bestehen.

Firmengründer Dr. Fritz LoewFoto: Archiv/swt
Firmengründer Dr. Fritz LoewFoto: Archiv/swt

Die Erfolgsgeschichte des Unternehmens ist auch die Geschichte einer Flüchtlingsfamilie, die es in die Oberpfalz verschlug. Dr. Fritz Loew wollte sich nach der Vertreibung aus dem Sudetenland eigentlich mit seiner Familie in Niederbayern niederlassen, blieb aber dann in Wernberg „hängen“, nachdem dort eine Stelle als Landarzt vakant war, berichtet seine Großnichte Sandra Loew. Seine Erfahrungen im Umgang der Oberpfälzer mit geistig und psychisch behinderten Angehörigen – positive wie negative – und sein Engagement hätten ihn Ende der sechziger Jahre dazu bewogen, diesen Menschen ein würdiges Leben zu ermöglichen. „Er ist uns bis heute ein Vorbild“, sagt Loew-Direktor Joachim Rauscher, der noch ein weiteres Erfolgsrezept parat hat: „Der Spirit der Familie“ gelte viel in dem mittelständischen Familienunternehmen. Das kann auch Heilerziehungspfleger Valentin (18) bestätigen, dem die kollegiale Atmosphäre bei Dr. Loew besonders gefällt.

Die Vorurteile sterben nicht aus

Ein aufgelassenes Schulhaus in Neukirchen bei Sulzbach-Rosenberg war 1969 das erste feste Domizil des jungen Unternehmens für geistig behinderte Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Dass er damit gegen die damals gängigen und heute längst überholten Auflagen verstieß, habe den Firmengründer nicht angefochten, sagt Sandra Loew. „Er war ein Macher“. Ohne es zu wissen, habe der Firmengründer die Aufbruchstimmung in der Psychiatrie der siebziger Jahre mit der Tendenz zu mehr ambulanter Behandlung statt geschlossenen Heimen vorweggenommen.

Fast 2000 Mitarbeiter wirken an 120 Standorten.Foto: Dr. Loew
Fast 2000 Mitarbeiter wirken an 120 Standorten.Foto: Dr. Loew

Der Macher bekam allerdings schnell zu spüren, dass die Zeit der Vorurteile noch lange nicht vorbei war. Behinderte Kinder in der Nachbarschaft – das empfanden Menschen in Niederbayern, wo das zweite Haus geplant war, als Affront. Auch heute noch müsse sich Dr. Loew immer wieder sein Recht, Lebensorte für behinderte Menschen einzurichten, vor Gericht erstreiten, sagt die Geschäftsführerin. „Das ist heute nicht anders als 1968“. Auch in der Kreisstadt Schwandorf hätten Bürger schon eine Behinderteneinrichtung verhindern wollen. Dass es mit dem inklusiven Bewusstsein bei vielen Menschen noch nicht weit her ist, stellt auch der Bezirkstagspräsident fest. „Sie müssen nur mal mit einem behinderten Menschen über den Marktplatz einer mittleren Stadt in der Oberpfalz spazieren. Sie werden sich wundern“, sagt Franz Löffler.

Probleme mit der Bevölkerung vor Ort seien vor allem dann vorprogrammiert, wenn es um die Integration straffällig gewordener oder verhaltensauffälliger Menschen oder von solchen mit Suchtproblemen gehe, sagt Loew. Ohnehin genieße man das Vertrauen der öffentlichen Partner beim Umgang mit „schwieriger“ Klientel.

Deutliche Worte an die Politik

Deutliche Worte findet das Leitungs-Duo, wenn es um die Vorgaben für die anspruchsvolle Arbeit mit diesen Menschen durch die Politik geht. Das beginnt bei der überbordenden Bürokratie und hört beim Problem des Fachkräftemangels noch lange nicht auf. „Die Branche ist überreguliert“, sagt Jocachim Rauscher. Die Mitarbeiter müssten sich immer mehr mit nervigen Detail-Dokumentationen herumschlagen, dafür fehle die Zeit, sich mit dem Patienten zu beschäftigen. Überhaupt mangele es an gesellschaftlicher Anerkennung für die Mitarbeiter, was sich auch im Einkommen niederschlage, sagt Sandra Loew.

Unbegleitete junge Flüchtlinge werden auch von Dr. Loew betreut. Foto: dpa
Unbegleitete junge Flüchtlinge werden auch von Dr. Loew betreut. Foto: dpa

Das Wernberger Unternehmen will gegensteuern: „Zug um Zug“ will Dr. Loew die tariflichen Abschlüsse für die Mitarbeiter übernehmen, auch um den Fachkräftemangel zu bewältigen. Doch auch hier werfe die Politik den Unternehmen Knüppel zwischen die Beine. Dass Politiker versuchten aus taktischem Kalkül Stimmung gegen Flüchtlinge zu machen, entsetzt die beiden Loew-Führungskräfte. Dabei liegt für sie auf der Hand: „Wir brauchen Zuwanderung, um den Bedarf an Fachkräften zu stillen“. Denn dass die Arbeit für Dr. Loew angesichts zunehmender psychischer Störungen und Krankheiten in einer fordernden Arbeitswelt nicht abnehmen wird, davon sind Sandra Loew und Joachim Rauscher überzeugt.

Weitere Nachrichten aus Schwandorf und Umgebung lesen Sie hier.

Familienbetrieb mit breitem Spektrum

  • Der Gründer:

    Dr. Fritz Loew (Foto: Archiv) griff auf seine Erfahrungen als Landarzt im Raum Wernberg zurürck.

  • Angebot:

    Fast 2000 Mitarbeiter an 120 Standorten betreuen geistig Behinderte und psychisch Kranke.

  • Expansion:

    Expandiert wird vor allem in Nischen, z. B. in Heimen für unbegleitete junge Flüchtlinge.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht