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Region Schwandorf
Samstag, 22. September 2018 16° 3

Archäologie

Frühe Jäger und Werkzeugmacher

Mit dem Wackersdorfer Eduard Süß auf Spurensuche. Diesmal: Handwerkskunst bei den Steinzeitnomaden von Klardorf.
Von Hubert Heinzl

  • Der 12- bis 13 000 Jahre alte Stichel funktioniert wie ein Geißfuß, eine Art Schnitzmesser, das nach vorne bewegt wird. Mit seiner Hilfe gelangten unsere Vorfahren ans begehrte Knochenmark, konnten Knochen, Hirschgeweihe oder auch Holz bearbeiten. Gefunden hat der Wackersdorfer Edi Süß das Werkzeug in der Nähe von Klardorf. Foto: Heinzl
  • Der Kern zeigt noch deutlich die Abschlagspuren von der Bearbeitung. Foto: Süß
  • Eines der schönsten Fundstücke: der älteste Pfeilschaftglätter Süddeutschlands Foto: Süß
  • Eine sogenannte „Rückenspitze“, als Pfeil- oder Speerspitze verwendet Foto: Süß
  • Abendstimmung an der Fundstelle Foto: Ronja Ram

Schwandorf.Es ist an einem Abend nach der Arbeit, als dem Wackersdorfer Eduard Süß (58) auf einem Feld nordöstlich von Klardorf ein Licht aufgeht: Die tiefstehende Sonne modelliert aus dem Gelände ein Relief von kaum erkennbaren Hügeln, die sich wie flache Plattformen vom Boden abheben. Der Platz auf den Erhebungen reicht gerade aus, um ein, zwei Zelte daraufzustellen – und genau dafür muss er auch irgendwann früher genutzt worden sein. Nicht gestern oder vor Jahrhunderten, sondern in grauer Vorzeit: Wo heute der Landwirt ackert, das belegen die Funde, hatten vor 12- bis 13 000 Jahren Steinzeitnomaden ihren Lagerplatz.

Eine ergiebige Schatztruhe: Mehr als 60 Klingenfragmente auf einen Schwung hat der Wackersdorfer bei seinem ersten Streifzug auf dem Gelände entdeckt; dazu kamen später noch jede Menge anderer Werkzeuge. „Wenn frisch aufgeackert ist und es geregnet hat, findet man da eigentlich immer was“, sagt Eduard Süß. Der Hobby-Archäologe muss es wissen: Seit 35 Jahren durchstreift der gelernte Grafiker die Mittlere Oberpfalz, immer auf der Suche nach Zeugnissen der Vor- und Frühgeschichte. Über 100 000 Fundstücke hat er zusammengetragen und hofft, dass seine Ausbeute irgendwann einmal in einem Museum zu sehen sein wird. Einzelausstellungen, etwa im Schwandorfer Stadtmuseum, hat er schon einige bestückt.

Auerochsen, Hirsche, Wildpferde

Das Gelände bei Klardorf ist auch für Feldforscher Süß etwas Besonderes. Denn die Fundstücke, die er buchstäblich aufgelesen hat, gehören zu den ältesten in der Region. „Sie stammen aus dem Ende des Paläolithikums, von den letzten steinzeitlichen Jägern“, sagt der 58-Jährige. Aus einer Zeit also, als sich die Eiszeitgletscher wieder bis ins Voralpenland zurückgezogen hatten und große Tierherden die Urstromtäler bevölkerten – „Auerochsen, Hirsche, Wildpferde“, zählt der Wackersdorfer auf. Mit ihnen zogen auch unsere fernen Vorfahren, die Steinzeitnomaden. Doch ihre Zahl war überschaubar: Fachleute schätzen, dass auf dem Gebiet des heutigen Süddeutschlands nur ein paar tausend Menschen lebten – Zeitgenossen übrigens der ersten Zuwanderer auf den amerikanischen Kontinent. Von „Paläo-Indianern“ spricht Eduard Süß deshalb gern auch im Zusammenhang mit den Klardorfer Steinzeitmenschen.

Schaber in Aktion Foto: Heinzl
Schaber in Aktion Foto: Heinzl

Der Name bringt es schon zum Ausdruck: Von Bronze oder gar Eisen hatten die Sippschaften vor mehr als zehntausend Jahren keinen blassen Schimmer. Aber waren sie deshalb primitiv? Auf eine solche Frage könnte Eduard Süß nur den Kopf schütteln. Denn allein bei Klardorf hat er in den vergangenen Jahren „Hunderte von Werkzeugen und Tausende von Werkzeugabfällen“ gefunden.

Unsere Vorfahren waren Meister in der Kunst, aus der Not eine Tugend zu machen. Als Grundmaterial verwendeten sie das Beste, was die Natur zu bieten hatte: Mineralien wie Jurahornstein oder Chalzedon, die zwar äußerst hart sind, durch schichtweises Abschlagen aber in mehr oder weniger kleine Splitter verarbeitet werden können. Die Steinzeitmenschen aus dem Ur-Naabtal waren dabei laut Eduard Süß erstaunlich produktiv. Aus einer faustgroßen Knolle Mineral konnten sie schon mal 20 Steinwerkzeuge in Serie fertigen. Je nach Schlagtechnik und Verwendungszweck entstanden auf diese Weise Steinklingen; Schaber, mit denen sich unter anderem Felle säubern ließen; oder auch Stichel, jene ersten Schnitzwerkzeuge, mit denen Knochen, Horn oder Holz bearbeitet werden konnten – und aus diesen wieder weitere Werkzeuge oder Waffen.

Retouchierte Messerklinge Foto: Süß
Retouchierte Messerklinge Foto: Süß

Wie effektiv sich mit dem Handwerkszeug der Steinzeitmenschen umgehen ließ, führt Eduard Süß gleich einmal vor. Die Frischhaltefolie, die er auf den Tisch legt, schneidet die steinzeitliche Silex-Klinge wie Butter. „Das ist schärfer als jedes Messer“, schwärmt der 58-Jährige. Und noch heute erinnert er sich gerne an den verblüfften Gesichtsausdruck des Landwirts, als er mit seinem Steinzeit-Werkzeug die Radmuttern am Traktor angekratzt hat. „Da hat der erst einmal geschaut“, grinst der Hobby-Archäologe.

Nomaden auf der Höhe der Zeit

Doppelkratzer mit schematischer Darstellung Foto: Süß
Doppelkratzer mit schematischer Darstellung Foto: Süß

Auch sonst waren die Klardorfer Steinzeitnomaden auf der Höhe der Zeit. Dass sie schon mit Pfeil und Bogen umgehen konnten, beweist ein sogenannter Pfeilschaftglätter, den Eduard Süß auf dem Gelände im Süden von Schwandorf ebenfalls gefunden hat. Eine Besonderheit: In ganz Süddeutschland handelt es sich um das älteste derartige Fundstück. Mit dem frühen Werkzeug polierten die Steinzeitmenschen die Pfeile auf Hochglanz, um ihre Flugeigenschaften zu verbessern. Weitere Funde legen nahe, dass die Projektile auch noch mit Steinklingen versehen wurden, die wie Widerhaken wirkten. „Als Klebstoff diente Birkenpech. Die Herstellung war ein hochtechnologisches Verfahren“, erzählt Eduard Süß.

„Eine Art Basislager“

Sesshaft waren die Steinzeitmenschen nach seinen Worten noch nicht. Doch die Fundstelle bei Klardorf ist in den Augen des Hobby-Archäologen mehr als ein bloßer Zeltplatz, wo die Nomaden ein paar Stangen aufstellten und mit Fellen behängten: „Es könnte eine Art Basislager gewesen sein in einer Gegend, wo man damals für eine gewisse Zeit auch vom Standwild leben konnte.“ Möglicherweise handelte es sich auch um einen Treffpunkt mehrerer Sippen, die damals durchaus einen gewissen Austausch pflegten.

Hündin „Hexe“ ist immer dabei. Foto: Ronja Ram
Hündin „Hexe“ ist immer dabei. Foto: Ronja Ram

Eine Errungenschaft, erzählt der Wackersdorfer, hatten die Steinzeitnomaden ihren Vorfahren übrigens noch voraus: Sie zogen mit domestizierten Hunden umher. Ganz wie ihr Ur-Ur-Ur-Enkel Eduard Süß. Bei seinen Streifzügen durch die Vorgeschichte weicht Hündin „Hexe“ nicht von seiner Seite.

Der Wackersdorfer Hobby-Archäologe Eduard Süß zeigt uns spektakuläre Funde aus der Vor- und Frühgeschichte, die er rund um Schwandorf entdeckt hat.

Der Feldforscher

  • Der Wackersdorfer Eduard Süß

    (58) ist einer von mehreren ehrenamtlichen Hobby-Archäologen, die im Landkreis Schwandorf nach Spuren aus der Vor- und Frühgeschichte suchen.

  • Weit über 100 000 Fundstücke

    hat der gelernte Grafiker in den vergangenen 35 Jahren in der Region schon zusammengetragen.

  • In loser Folge

    berichtet die Mittelbayerische Zeitung über aktuelle und besonders spektakuläre Fundstücke und -orte. (hh)

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