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Windkraft

Gegenwind für Projekt am „Großen Kulm“

Ein Weidener Investor will bei Pamsendorf einen Windpark mit fünf Anlagen errichten. Doch in der Nachbargemeinde Gleiritsch sind alle dagegen.
Von Hubert Heinzl

Mit dieser Montage (Blick vom Dorfplatz) verdeutlicht die Bürgerinitiative die Dimensionen des Projekts. Montage: Bürgerinitiative Gegenwind Gleiritsch

Schwandorf.Als der Schwandorfer Orthopäde Dr. Siegfried Burger (57) vor 15 Jahren nach Bernhof in der Gemeinde Gleiritsch umsiedelte, war es eine Entscheidung fürs Leben. Er kaufte einen alten Vierseithof mit sieben Stellplätzen für die Pferde, legte einen Reitplatz an und beschloss, mit Ehefrau Angelika in der sanften Hügellandschaft des Oberpfälzer Waldes alt zu werden.

Doch über dieser Zukunftsaussicht liegt seit neuestem ein Schatten. Auf dem sich 608 Meter über Normalnull erhebenden Großen Kulm, zu dessen Füßen sich Dr. Burger niedergelassen hat, soll ein großer Windpark errichtet werden. Die Weidener Deglmann Windpark-Management GmbH plant fünf Anlagen mit einer Gesamthöhe von jeweils 203,5 Metern und will dafür gut 20 Millionen Euro investieren. Bereits Ende des vergangenen Jahres wurde laut Investor Dr. Christian Deglmann der Antrag beim Landratsamt Schwandorf eingereicht.

Bürgerbeteiligung nicht vorgesehen

Jetzt läuft an der Behörde das Genehmigungsverfahren nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz. Eine Bürgerbeteiligung ist dabei nicht vorgesehen, wie der zuständige Sachgebietsleiter am Landratsamt, Karl-Heinz Kagermeier, gegenüber der MZ klarstellt. Und die von Ministerpräsident Horst Seehofer avisierte 10H-Regelung greift noch nicht. Die ersten Gebäude sind deshalb nicht etwa zwei Kilometer, sondern zum Teil nur etwas mehr als 800 Meter von den einzelnen Windrädern entfernt.

Als im Mai die Pläne erstmals in ihrem ganzen Umgang an die Öffentlichkeit gelangten, fiel Dr. Siegfried Burger nach eigenen Worten aus allen Wolken. Zwar war es bekannt, dass die Stadt Pfreimd sich seit vier Jahren um Standorte für die Windkraftnutzung bemühte und als interessantester der Höhenzug bei Pamsendorf bis zuletzt im Rennen blieb. „Doch wir sind davon ausgegangen, dass wegen der Unsicherheit der politischen Rahmenbedingungen da vorerst nichts passiert“, so der Mediziner. Als der Pfreimder Stadtrat dem Vorhaben der Windpark-Management Ende Mai sein gemeindliches Einvernehmen erteilte, war das Verfahren jedoch schon mehrere Monate im Gange.

Initiative mit 80 Mitgliedern

„Am 1. Juni haben wir uns im kleinen Kreis getroffen und gesagt, wir müssen was tun“, erinnert sich Dr. Burger. Und so entstand vor vier Wochen die erste Bürgerinitiative gegen eine Windkraftanlage im Landkreis Schwandorf, mit dem Mediziner als Sprecher und inzwischen etwa 80 Mitgliedern. Die Gruppe erstellte ein erstes Flugblatt und organisierte eine Informationsveranstaltung beim „Dorfwirt“, zu der etwa 100 Bürgerinnen und Bürger kamen. Bei einer Unterschriftenaktion über Pfingsten unterschrieben laut Dr. Burger „trotz Urlaub und Ferienzeit etwa 80 Prozent der Wahlberechtigten“ in dem 674-Einwohner-Ort gegen den geplanten Windpark. Bei der Flurprozession am Pfingstmontag hängten Dr. Burger und seine Mitstreiter dann viele Plakate an Hauswänden und am Dorfplatz auf. Das Motiv ist immer das gleiche, nur aus verschiedenen Blickwinkeln: der Große Kulm mit einer Krone aus Windrädern, die weit, weit über den Horizont hinausragen. „Wir haben das maßstabsgerecht eingebaut“, versichert Dr. Burger.

Die Bilder verdeutlichen, worum es der Bürgerinitiative geht. „Das sind keine Windräder, das ist Industrie“, sagt der Mediziner, „nicht nur die Landschaft, sondern auch unser Ortsbild und der ländliche Charakter des Ortes werden dadurch zerstört.“ Und das ausgerechnet im Gold-Dorf Gleiritsch, das laut Dr. Burger rund 1,4 Millionen Euro in die Dorferneuerung investiert hat und dafür im vergangenen Jahr prämiert wurde.

Auch Bürgermeister Hubert Zwack, der seit 2001 in Gleiritsch die Amtsgeschäfte führt, hat gegen den Windpark unterschrieben. Auf die üblichen Argumente wie Geräuschentwicklung, Blinklichter oder Schattenwurf will er sich gar nicht kaprizieren, ihm geht es um Grundsätzliches: „Die Gemeinde Gleiritsch wird in ihrer Zukunft durch die fünf Windräder enorm beeinträchtigt“, kritisiert er. Bisher habe man keine Leerstände und sogar Bevölkerungszuwachs. Doch mit dem neuen Wahrzeichen auf dem Großen Kulm werde sich dieser Trend wieder umkehren, so seine Befürchtung.

„Sind nicht gegen Windenergie

„Wir sind nicht gegen Winderenergie“, versucht Bürgermeister Zwack klarzustellen, „aber sie sollte im Einvernehmen mit allen Beteiligten verwirklicht werden“. Davon aber kann keine Rede sein. Schon 2012 hat sich die Gemeinde Gleiritsch kurz gegen den Standort ausgesprochen. Zuletzt gab es in der Gemeinderatssitzung am 15. Mai ein einstimmiges Votum gegen das Pfreimder Projekt, das in eine negative Stellungnahme der Gemeinde im Rahmen des Genehmigungsverfahrens mündete.

Mit Schreiben vom 21. Mai rügt Bürgermeister Zwack unter anderem, dass trotz etlicher geplanter Anlagen in der „näheren Umgebung“ eine Gesamtprüfung auf Umweltverträglichkeit ebenso unterblieb wie eine „bauleitplanerische Steuerung durch die Stadt Pfreimd“, bei der die Vereinbarkeit mit den Belangen der Nachbarkommune hätte geprüft werden müssen. Besonders kritisiert die Stellungnahme die „optische Bedrängung“ der Gemeinde Gleiritsch durch das Vorhaben, die durch die Lage der Gemeinde in einem Talkessel noch verstärkt werde. Statt dem Großen Kulm seien von der Stadt Pfreimd Alternativstandorte zu prüfen, die „zu einer geringeren Beteiligung Dritter führen“, heißt es in der Stellungnahme abschließend.

Gleiritsch steht mit dieser Haltung nicht allein. Auch der Gemeinderat Trausnitz hat im Rahmen des Genehmigungsverfahrens am Landratsamt inzwischen eine negative Stellungnahme abgegeben – einstimmig. Und in Fuchsendorf und Hohentreswitz, die beide zur Stadt Pfreimd gehören, melden viele Bürgerinnen und Bürger ebenfalls Bedenken an – die Zahl der Unterschriften ist laut Bürgermeister Zwack auf über 1000 angestiegen.

Die Stadt Pfreimd hat dieser massive Gegenwind überrascht. „Wir haben nicht mit einem Widerstand in dieser Heftigkeit gerechnet“, räumt der neue Bürgermeister Richard Tischler ein. Doch am politischen Willen, die Windkraft weiter zu entwickeln, hat sich dadurch nichts geändert. „Wir arbeiten seit vier Jahren genau darauf hin“, so Tischler, der sich darüber beklagt, dass in der Debatte mittlerweile „sehr viele unsachliche Argumente“ auftauchten. Den latenten Vorwurf beispielsweise, die Stadt Pfreimd habe Geheimniskrämerei betrieben, weist er entschieden zurück und erinnert an die Informationsveranstaltungen in etlichen Ortsteilen. Ohnehin kommt die Kritik aus der Nachbarschaft für Tischler reichlich spät. „Wenn der Widerstand vor drei, vier Jahren so groß gewesen hätte, hätte sich möglicher Weise ein neuer Sachstand ergeben“, spekuliert er. So aber nimmt das Verfahren seinen Lauf.

Zwei Nachweise fehlen dem Investor noch für sein Vorhaben, informiert Karl-Heinz Kagermeier vom Landratsamt Schwandorf. Zum einen habe das Landesamt für Denkmalpflege eine sogenannte Sichtbarkeitsprüfung verlangt. Falls durch den Windpark ein Baudenkmal so beeinträchtigt werde, dass die Sichtverbindung eine „zerstörerische Wirkung“ entfalte, sei ein Projekt abzulehnen. Im konkreten Fall kann man laut Kagermeier aber nicht davon ausgehen, dass der Denkmalschutz zum K.o.-Kriterium wird. Gleiches gilt für den Artenschutz, für den Investor Deglmann nach eigenen Angaben die Aktualisierung eines bestehenden Gutachtens in Auftrag gegeben hat. Auch bei diesem Thema sind nicht unbedingt Überraschungen zu erwarten. Denn der geschützte Schwarzstorch wird zwar in dem Gebiet seit Jahren gesichtet, ein Horst ist jedoch bisher noch nicht nachgewiesen worden.

Deglmann hält sich zum jetzigen Zeitpunkt mit Stellungnahmen zurück. Nur zwei Argumente will er den Gegnern des Windparks ins Stammbuch schreiben: Zum einen bekämen die Bürgerinnen und Bürger aus der Region auf jeden Fall die Gelegenheit, sich finanziell an der Anlage zu beteiligen. Zum anderen bestehe durch die mögliche Zusammenarbeit mit dem Pumpspeicherkraftwerk in Trausnitz die „einzigartige Möglichkeit“, Stromerzeugung und -speicherung in einer Region zu bündeln. „Das ist eine äußerst interessante Variante“, sagt Deglmann, der Gespräche mit Trausnitz-Betreiber GDF Suez über die Stromeinspeisung und eine mögliche finanzielle Beteiligung bestätigt.

„Wir werden klagen. Keine Frage.“

Bei Dr. Siegfried Burger und seinen Mitstreitern stoßen solche Äußerungen auf wenig Gegenliebe. „Es ist ja überhaupt nicht gesagt, dass sich der Windpark auch rentiert“, lautet der Einwand des BI-Sprechers. Die Initiative hat sich mit ihrem Anliegen jetzt erst einmal an Politiker aus der Region gewandt, darunter auch Landrat Thomas Ebeling. Und an einem lässt Dr. Burger keinen Zweifel: „Wenn der Windpark genehmigt wird, dann werden wir klagen. Das ist keine Frage.“

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Derzeit läuft für neun Anlagen im Landkreis Schwandorf das Genehmigungsverfahren. Doch nicht überall stoßen Windparks auf Gegenliebe.

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