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Region Schwandorf
Sonntag, 27. Mai 2018 27° 2

Ausstellung

„Grüße aus dem Regenthale“

Rudolf Tonollo zeigt ausgewählte Exponate seiner umfangreichen Postkartensammlung im Nittenauer Rathaus.
Von Renate Ahrens

  • Rudolf Tonollo kennt jede Ansichtskarte genau, was darauf abgebildet ist, aus welchem Jahr sie stammt und oft sogar, welcher Gruß darauf verschickt wurde.Foto: tre
  • „Gruß aus dem Regenthal“, damals noch mit „h“: Viele Karten sind koloriert und die Absender haben noch in der altdeutschen Sütterlinschrift geschrieben.

Nittenau. „Lieber Vater! Wie wunderbar ist das liebliche Regental! Ich wünschte, du könntest die Wälder, Flüsse, Berge und Wiesen hier sehen.“ So schrieb begeistert im Jahr 1904 ein Regensburger, der auf seinem Pferd nach Nittenau gekommen war und hier Urlaub machte. Rudolf Tonollo zitiert den Text dieser Postkarte mit bunten Abbildungen aus dem Kopf. Ganz genau kennt er jede der vielen historischen Bilddokumente, die zurzeit im Foyer des Rathauses ausgestellt werden.

Die alten Postkarten verströmen Faszination und Sehnsüchte, sie beinhalten Geschichte und Geschichten und sie sind ein wichtiger Spiegel der Kultur. Vor mehr als 100 Jahren war es schließlich nicht üblich, private Fotos zu machen. Oft sind Ansichtskarten die einzigen Erinnerungen daran, wie die Gegend damals ausgesehen hat. Zum Glück hat Rudolf Tonollo viele davon, gar hunderte hat er im Lauf der Jahrzehnte zusammengetragen.

Sammelleidenschaft entdeckt

Schon als achtjähriger Bub hat er mit dem Sammeln angefangen – doch eigentlich zunächst wegen der schönen, bunten Briefmarken. Oft fragte er den Postboten, ob er nicht jemanden kenne, der ihm welche schenken könne. „Aber dann wurde ich neugierig, was auf den Karten stand“, erinnert sich der Nittenauer. Allerdings sind die Karten in altdeutscher Schrift verfasst und für heutige Zeitgenossen nur mehr schwer zu entziffern. Eine fasziniert Tonollo besonders – und ist in der „Sprache der Liebe“ sogar ganz einfach zu lesen: „Eine Frau schrieb vor mehr als 100 Jahren nur das Wort Küsse und viele Nullen dahinter, die ganze Karte ist voll“, schmunzelt Tonollo. „Mit dem Küssen wäre das Paar heute noch nicht fertig.“ Stundenlang hat Tonollo als Kind mit seinem Cousin, der die alte Schrift besser lesen konnte, über den Karten gesessen und sie betrachtet. „Hochwohlgeborenes Fräulein!“ oder „Werte Dame!“ – allein die Anreden klingen spannend, nicht nur die Bilder.

Obwohl viele der Karten in Schwarz-Weiß gehalten sind oder nachkoloriert wurden, kann man sich gut in diese vergangene Zeit hineinversetzen. Aus nur wenigen Häusern bestand Nittenau Ende des 19. Jahrhunderts. Viele längst nicht mehr vorhandene Gebäude, wie das alte Schulhaus auf dem Hofplatz, sind darauf zu sehen. „Es wurde 1895 gebaut und leider 1975 abgerissen“, bedauert Tonollo. Ein Brunnen ist davor zu erkennen, die „Schulspeisung“ und sogar die Friedenseiche, die 1871 gepflanzt wurde. Auch sie ist längst Vergangenheit. Zerstört wurde auch die Regentalbrücke 1945, im letzten Kriegsjahr, um den Vormarsch der amerikanischen Truppen aufzuhalten.

Andere Karten zeigen den Ort – damals war Nittenau noch keine Stadt – aus der „Vogelschau“, wie es heißt. Die „Distrikts-Krankenanstalt“ ist noch vorhanden, Fuhrwerke fahren vorbei und Gänse watscheln am Regen entlang. „G’mütlich war es halt früher noch“, stellt Tonollo fest. Idyllisch sieht Nittenau durchaus aus, doch ob die Frauen tatsächlich so fröhlich waren, wie sie auf der Postkarte von vor 110 Jahren wirken? Sie waschen Wäsche im Fluss am heutigen Volksfestplatz, auf dem noch Eis treibt. Auf ganz alten Bildern führen sogar noch Schotterstraßen durch Nittenau, Postkutschen fahren darauf. Vom „Projekt Jugenberg Turm“ berichtet eine andere Karte aus dem Jahr 1907 – verwirklicht wurde das Vorhaben nie, diesen Turm zu bauen. „Nur fünf Jahre später ging die Titanic unter“, verdeutlicht Tonollo, wie lange das her ist.

Erinnerungen an die Hafenbar

An der nächsten Schautafel wird er ganz aufgeregt: Das legendäre „Tanz-Café Hafenbar“ am Anger ist zu sehen. Hier wurde in den 1950er und 1960er Jahren kräftig gefeiert, daran kann sich Tonollo gut erinnern. Doch nicht nur vom Regental hat er Karten, sondern von vielen anderen Orten, wie Bruck, Bodenwöhr, Regenstauf, Burglengenfeld oder Nabburg. Bodenwöhr hatte zum Beispiel noch ein Dampfsägewerk, wie auf einer Postkarte stolz verkündet wird. Bruck war noch ein winziges Dorf im Jahr 1899. Bürger in langen Gewändern sind darauf zu sehen, alte Fuhrwerke und später sogar ein Automobil. Viele der Ansichtskarten sind von namhaften regionalen Künstlern gezeichnet, wie Loritz oder Dorrer. Mit dem Sammeln hat Tonollo längst nicht aufgehört. Immer wieder sucht er auf Trödelmärkten und inzwischen auch im Internet nach Ansichtskarten – je älter, desto besser, wie er betont. Heute würden leider immer weniger Postkarten aus dem Urlaub verschickt, in Zeiten von E-Mail und Smartphone. Freuen würde man sich jedoch sicher – über einen netten „Gruß aus dem Regentale“. Weitere Infos zu den Postkarten gibt es bei Rudolf Tonollo, Telefon (09436) 1490.

Die Postkarten

  • Unter dem Mott

    o „Postkarten – Dokumente der Vergangenheit“ können die vielen Karten noch bis Ende Mai zu den Öffnungszeiten des Rathauses im Foyer kostenlos besichtigt werden. Gerne können auch Schulklassen die Ausstellung besuchen. Die älteste Postkarte im Besitz von Rudolf Tonollo stammt aus dem Jahr 1881.

  • Erfunden wurden

    die bebilderten Karten im Jahr 1840 in England, als dort im selben Jahr die Briefmarken eingeführt wurden. Ab 1871 verkaufte die Post Ansichts- und Glückwunschpostkarten. Seit 1872 wurden in Deutschland zudem private, nicht von der Post hergestellte Motivpostkarten zugelassen. Ab 1894 gab mehrfarbige Lithografien.

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