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Hilfe, die überall gut ankommt

In Nittenau und Bodenwöhr haben junge Leute den Hausmeisterservice entdeckt. Ältere Mitbürger sind dankbar dafür.
Von Renate Ahrens

Kleine Reparaturen sind für Markus Turban und Melanie Schmalseder kein Problem. Ihre Kunden sind ihnen dankbar. Foto: Ahrens
Kleine Reparaturen sind für Markus Turban und Melanie Schmalseder kein Problem. Ihre Kunden sind ihnen dankbar. Foto: Ahrens

NITTENAU.Gerda Ordon ist erleichtert. Nach dem Aufstehen hatte sie bemerkt, dass der Wasserhahn in ihrem Bad locker war. Doch Hausmeister Markus Turban war bald zur Stelle und konnte ihn mit wenigen Handgriffen wieder befestigen. Der 63-jährigen Bodenwöhrerin ist wie vielen anderen Alleinstehenden und Senioren ein selbstbestimmtes Leben wichtig. Aber oft brauchen gerade Ältere Hilfe, um ihren Alltag zu bewältigen.

Familienangehörige sind meist mit der Situation überfordert oder leben, wie auch im Fall von Gerda Ordon, weit weg. „Immer mehr Menschen im Raum Bodenwöhr erreichen ein höheres Lebensalter und wohnen auch dann noch allein in ihren eigenen vier Wänden“, weiß Günter Makolla, Vorsitzender des Generationenbeirats in Bodenwöhr. „Es ist sogar politisch gewollt, so lange wie möglich zu Hause zu bleiben. Die Pflegereform II fördert jetzt hierfür auch bereits eingeschränkte Personen mit finanziellen Zuwendungen.“

Melanie Schmalseder ist handwerklich versiert und vielseitig im Haus und Garten ihrer Kunden tätig. Foto: Ahrens
Melanie Schmalseder ist handwerklich versiert und vielseitig im Haus und Garten ihrer Kunden tätig. Foto: Ahrens

Der demografische Wandel schafft viele neue Anforderungen – Dienstleistungen wie Reparaturen oder Renovierungen werden immer gefragter, gleichzeitig nimmt aber die Zahl kleiner Handwerkbetriebe ab. Markus Turban aus Bodenwöhr hat sozusagen eine Marktlücke entdeckt: Vor einem Jahr hat sich der 36-jährige gelernte Betriebsinformatiker zusammen mit seiner Lebensgefährtin Melanie Schmalseder nebenbei mit einem Hausmeisterdienst selbstständig gemacht – und kann sich vor Aufträgen kaum retten. Inzwischen bietet er auch Winter- und Reinigungsdienste an.

Reisinger: „Der Bedarf steigt“

Bereits vor zehn Jahren hat sich Christian Reisinger (links) mit einem Hausmeisterdienst in Nittenau selbstständig gemacht. Foto: Privat
Bereits vor zehn Jahren hat sich Christian Reisinger (links) mit einem Hausmeisterdienst in Nittenau selbstständig gemacht. Foto: Privat

Bereits seit zehn Jahren ist in diesem Bereich Christian Reisinger in Nittenau tätig. „Der Bedarf steigt“, erklärt auch der 33-Jährige. „Vor allem bei Senioren oder bei Menschen, die sich scheiden lassen oder deren Partner stirbt.“ Angefangen hat Reisinger mit 23 Jahren allein – er hat Hofeinfahrten und Laub gekehrt, Schnee geschaufelt oder bei Umzügen mit angepackt. Heute beschäftigt er sieben Angestellte. Auch Markus Turban hat bereits geringfügig Beschäftigte eingestellt. „Vor allem Putzen und Gartenpflege sind gefragt“, sagt Turban.

Der demografische Wandel bietet also außerdem Marktchancen. Schließlich können trotz Digitalisierung viele Arbeiten nur handwerklich ausgeführt werden. Turban hat sich schon immer gerne handwerklich betätigt, ebenso wie seine Lebensgefährtin. Vor Arbeit scheuen sie sich nicht, auch wenn es heißt, morgens um vier Uhr Schnee zu räumen. Dank seiner Ausbildung kann Turban bei Kunden auch Arbeiten am Computer ausführen, wie Druckerpatronen wechseln oder Software aktualisieren.

Generationenbeauftragter Günter Makolla kennt viele Alleinstehende, die Hilfe im Alltag brauchen. Foto: Ahrens
Generationenbeauftragter Günter Makolla kennt viele Alleinstehende, die Hilfe im Alltag brauchen. Foto: Ahrens

„Hausmeisterdienste sind ein Job der Zukunft“, sagt Makolla. „Ich würde mir wünschen, dass diese Tätigkeit von der Arbeitsagentur gefördert werden würde.“ Viele Qualifikationen brauche man dafür, schließlich sei es kein Lehrberuf, gibt Reinhold Dauerer, Pressesprecher der Arbeitsagentur Schwandorf, zu bedenken. Unter bestimmten Voraussetzungen, etwa für Arbeitslose mit Leistungsanspruch, gäbe es Existenzgründungszuschüsse. In Frage könnten für Interessierte auch Darlehen der Kreditanstalt für Wiederaufbau (kfw) kommen. „Man sollte fachkundigen Rat einholen, natürlich steht auch die Arbeitsagentur für ein Gespräch zur Verfügung“, erklärt Dauerer.

Bei Gartenarbeit könnten viele Senioren nicht mehr bewältigen, ist die Erfahrung von Markus Turban. Foto: Ahrens
Bei Gartenarbeit könnten viele Senioren nicht mehr bewältigen, ist die Erfahrung von Markus Turban. Foto: Ahrens

Turban ist zuversichtlich, sein Geschäft bald hauptberuflich ausführen zu können. Bei Gerda Ordon haben Melanie Schmalseder und Markus Turban kürzlich erneut kleine Renovierungsarbeiten erledigt. „Die Beiden sind sehr zuverlässig und freundlich“, schwärmt die Bodenwöhrerin. Doch, wenn Reisinger auf die vergangenen zehn Jahre zurückblickt, ist er sich nicht sicher, ob er sich noch einmal selbstständig machen würde, wie er sagt. „Meist habe ich einen 16 Stunden-Tag. Der Stress, die Verantwortung für die Mitarbeiter – das sollte man sich gut überlegen.“ Aber immer wieder spürt er, wie froh die Menschen über Hilfe sind.

Einladung zum Polterabend

Kürzlich, so erzählt er, sei sein ganzer Betrieb zu einem Polterabend eines Kunden eingeladen worden. Von einem Bauern, auf dessen Hof er das Pflaster von Unkraut befreit hatte, hat Reisinger sogar einmal ein Ferkel in die Hand gedrückt bekommen. Er solle es doch grillen, sagte der Bauer. Aber das brachte Reisinger nicht übers Herz. Heute lebt Emma, so heißt das inzwischen stattliche Schwein, auf einem Bio-Bauernhof in der Nähe und fühlt sich sauwohl. „Die Kinder meiner Angestellten besuchen Emma hin und wieder“, sagt Reisinger lachend – und nimmt wieder die Schneeschaufel in die Hand. Die Arbeit geht ihm nie aus.

„Das entscheidende Sprungbrett ist: Man muss sich etwas trauen.“

Christian Reisinger, Unternehmensgrüner

In Bodenwöhr bietet der Verein Bürgerhilfe ehrenamtliche Unterstützung an. Er versteht sich als unbürokratischer, schneller und kurzzeitiger Helfer in der Not, zum Beispiel in der Vermittlung von Dienstleistungen, Fahrdienst, Hilfe im Haushalt oder Unterstützung beim Ausfüllen von Formularen. Die Bürgerhilfe erreicht man unter Tel. (0175) 4955565.

Laut Bayerischem Sozialministerium Pflegebedürftige aller Pflegegrade, die ambulant gepflegt werden, einen einheitlichen Entlastungsbetrag in Höhe von bis zu 125 Euro monatlich. Der Betrag ist zweckgebunden und kann zum Beispiel für Leistungen ambulanter Pflegedienste eingesetzt werden, aber auch für Leistungen durch anerkannte Angebote zur Unterstützung im Alltag, wie Reinigungsarbeiten, Wäschepflege oder Botengänge. Der Entlastungsbetrag wird zusätzlich zu den sonstigen Leistungen bei häuslicher Pflege gewährt, er wird mit anderen Leistungsansprüchen also nicht verrechnet.

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